Susanne Hennig-Wellsow | EPA

Linken-Chefin ruft zu Einigkeit auf "Wir gehen nicht zu Boden"

Stand: 19.06.2021 13:39 Uhr

Die Linken-Vorsitzende Hennig-Wellsow hat zu Beginn des Parteitags mehr Geschlossenheit gefordert. Doch die Verunsicherung ist spürbar. Interne Streitereien und schlechte Umfragewerte haben Spuren hinterlassen.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Das Wort Panik vermied die Parteivorsitzende. Doch ganz offen sprach Susanne Hennig-Wellsow in ihrer Auftaktrede von "Verletztheit", von "Verunsicherung" innerhalb der Linken. Nicht nur, aber auch wegen miserabler Umfragewerte. "Ich spüre selber auch den Ärger und die Wut darüber, dass wir auch in den eigenen Reihen diskutieren - nicht immer auf eine sehr produktive Art und Weise. Und ich spüre auch, dass es eine gewisse Angst oder Furcht gibt, dass wir das alles nicht schaffen. Aber ich kann Euch eines versprechen: Wir gehen nicht zu Boden", so Hennig-Wellsow.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Um genau dieses Zu-Boden-Gehen zu vermeiden, ist Einigkeit und Geschlossenheit vonnöten. Zumindest eine Art Burgfrieden der streitenden Parteiflügel bis zur Bundestagswahl. Das weiß auch Hennig-Wellsow. Da ist zum einen der Zwist im Saarland zwischen dem dort gerade zum Spitzenkandidaten gewählten Thomas Lutze und Gallionsfigur Oskar Lafontaine. Der eskalierte dermaßen, dass Lafontaine die Saarländer dazu aufrief, nicht die Linke zu wählen: "Ich war gestern bei Oskar. Aus der tiefen Überzeugung, die der geschäftsführende Vorstand teilt, dass wir miteinander reden müssen."

Wagenknecht nicht erwähnt

Redebedarf gäbe es auch über Lafontaines Ehefrau Sahra Wagenknecht, die Hennig-Wellsow in ihrer Rede allerdings mit keinem Wort erwähnte. Wagenknecht hatte sich in ihrem Bestseller über "Lifestyle"-Linke beklagt, die die wahren Benachteiligten und Abgehängten in der Gesellschaft aus den Augen verlören.

"Sahra Wagenknecht spielt weiter eine ganz entscheidende Rolle. Sie hat zwar keinerlei Funktion mehr in der Führungsspitze. Das hindert sie aber in keiner Weise, das prominenteste Gesicht in sämtlichen Talkshows der Republik zu sein. Insofern spielt sie ein Stück weit auf eigene Rechnung", erklärt der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke, Redakteur der "Blätter für Deutsche und Internationale Politik", im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio.

Neben dem fast schon verzweifelten Aufruf zur Geschlossenheit ließ die Parteivorsitzende Hennig-Wellsow indes keinen Zweifel daran, wie die Linke es schaffen will, sich am eigenen Schopf aus dem Umfrageschlund zu ziehen - mit dem Thema soziale Gerechtigkeit: "Die soziale Frage ist uns als Kern in die Gene geschrieben. Was uns blüht: Wenn die CDU in die Regierung kommt, wenn die FDP in die Regierung kommt, dann bedeutet das faktisch einen Kampf gegen die Armen."

Außen- und Sicherheitspolitik kein Thema

"Zeit zu handeln. Für soziale Sicherheit, Frieden und Klimagerechtigkeit" - so lautet der Titel des Linken-Wahlprogramms. Wobei Hennig-Wellsow in ihrer ebenso freien wie mit knapp 13 Minuten eher kurzen Rede das Thema Klimawandel allenfalls streifte und die Außen- und Sicherheitspolitik komplett außen vorließ. Und damit jenes Thema, das als höchste Hürde für eine mögliche Koalition mit Grünen und SPD gesehen wird. Lehnt die Partei doch grundsätzlich Auslandseinsätze der Bundeswehr ab. Die NATO will sie ersetzen durch ein neues Bündnis unter Einschluss Russlands.

Dass sich die Partei hier stark bewegt, erwartet Publizist von Lucke nicht: "Die Linke wird diesen Wahlkampf sehr grundsätzlich führen. Mit scharfen Attacken gegen die SPD und die Grünen. Gerade weil die Grünen sich ja stark in Richtung Mitte orientieren."

Doch ob Außenpolitik oder Innerparteiliches: Für die Linke bleiben jede Menge Baustellen. Zumindest sie und ihre Co-Vorsitzende Janine Wissler hätten die harten letzten Monate zusammengeschweißt, meint Hennig-Wellsow. "Wir gehen zusammen durch jedes Feuer." Das wünscht sich die Erfurterin nun auch für die Gesamtpartei. Oder um es in ihren eigenen Worten zu sagen: "Wir rocken das."

Über dieses Thema berichtete am 19. Juni 2021 die tagesschau um 12:00 Uhr und MDR Aktuell um 13:08 Uhr.

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Moderation 19.06.2021 • 23:20 Uhr

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