Die Kanidatinnen für den Parteicorsitz der Linken, Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler  | Bildquelle: dpa

Vorsitzendenwahl der Linken "Nicht ganz so eitel wie die Jungs"

Stand: 26.12.2020 15:46 Uhr

Die Linke will seit einem halben Jahr eine neue Parteispitze wählen. Doch die Pandemie hat bislang keinen Parteitag zugelassen. Nun soll es im Februar klappen - in den Startlöchern stehen zwei ungleiche Frauen.

Von Kerstin Palzer, ARD-Hauptstadtstudio

Zweimal sollte es in diesem Jahr einen Parteitag der Linken geben. Doch daraus wurde nichts. Erst plante man für den Juni, dann für Ende Oktober. Beide Male machte die Corona-Pandemie der Partei einen Strich durch die Rechnung. Jetzt will die Linke Ende Februar einen dritten Versuch starten.

Hybrid soll der Parteitag werden: ein Tag nur online für die inhaltliche Debatte und dann - an 16 verschiedenen Orten - dezentrale Parteitage mit maximal 100 Teilnehmern. Nur in Berlin sollen in den großen Hallen eines ehemaligen Postzentrums 120 Menschen zusammenkommen, darunter auch der gesamte Parteivorstand - und das sind bei der Linken immerhin 44 Menschen.

Eine Partei, viele Stimmen

Die meisten Mitglieder des Parteivorstands sind für die breite Mehrheit unbekannt. Das aufgeblähte Gremium ist deshalb so groß, weil jede Strömung, jeder politische Flügel eine Vertreterin oder ein Vertreter braucht. Und an Strömungen mangelt es bei der Linken nicht - es sind weit mehr als die üblichen zwei der anderen Parteien.

Da sind die Antikapitalistische Linke, das Forum des demokratischen Sozialismus, die sozialistische Linke, die emanzipatorische Linke, das Netzwerk Reformlinke, die kommunistische Plattform und das Marxistische Forum - um nur einige zu nennen. Wer Abstimmungen in der Partei oder in der Fraktion gewinnen will, muss möglichst viele dieser Strömungen hinter sich vereinen.

Osten und Westen müssen vertreten sein

Genau das dürfte beim nächsten Parteitag relevant werden. Denn nach mittlerweile achteinhalb Jahren im Amt kandidieren Katja Kipping und Bernd Riexinger nicht mehr für die Posten der Parteivorsitzenden. Das macht den Weg frei für zwei Nachfolgerinnen: Janine Wissler aus Hessen und Susanne Hennig-Wellsow aus Thüringen.

Die beiden erfüllen wichtige Kriterien. Das vielleicht wichtigste: Die eine kommt aus Thüringen, die andere aus Hessen. Damit ist dem ungeschriebenen Gesetz, dass die Vorsitzenden der Linken aus Ost- und Westdeutschland stammen sollten, schon mal Genüge getan.

Bodo Ramelow (Die Linke), sitzt im Landtag neben der Fraktionsvorsitzenden Susanne Hennig-Wellsow vor der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen. | Bildquelle: dpa
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Thüringens Ministerpräsidet Ramelow und Fraktionschefin Hennig-Wellsow: "Eigene Kultur aufgebaut"

Berühmt dank eines Blumenstraußes

Wenn man mit den beiden spricht, wird aber schnell klar, dass dieses Kriterium für sie selbst nicht mehr von höchster Bedeutung ist. Hennig-Wellsow, geboren in Mecklenburg-Vorpommern, war gerade erst zwölf Jahre alt geworden, als die Mauer fiel. "Der Osten ist schon noch ein wichtiges Thema für uns Linke, aber nicht mehr dieser Jammer-Osten, dieses Klischee, dass der Osten rechtsradikal und nölig ist", sagt sie. "Hier ist eine neue Generation herangewachsen, die ihr eigenes Land, ihre eigene Kultur aufbaut." Genau in dieser Klientel sieht sie eine Chance für ihre Partei.

Seit sieben Jahren führt Hennig-Wellsow die Linke als Landesvorsitzende in Thüringen, seit sechs Jahren ist sie auch Fraktionschefin im Erfurter Landtag. Damit stand sie bislang immer im Schatten von Bodo Ramelow, dem einzigen linken Ministerpräsidenten. Bekannt wurde sie bundesweit erst, als sie dem Kurzzeit-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich von der FDP, der sich mit Stimmen der AfD hatte wählen lassen, einen Blumenstrauß vor die Füße schmiss. Das sei eine "impulsive Handlung" gewesen, sagt Hennig-Wellsow heute, aber es sei nach wie vor richtig, dass sie es gemacht habe.

Thomas Kemmerich bekommt Blumen vor die Füße geworfen. | Bildquelle: dpa
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Blumen vor den Füßen von FDP-Mann Kemmerich: "Impulsive Handlung"

Wissler gilt als radikal links

Hennig-Wellsow ist eine, die dafür steht, dass die Linke auch auf Bundesebene ein Bündnis mit Grünen und SPD eingehen will. Das eint sie mit der Noch-Parteivorsitzenden Kipping. Aber Hennig-Wellsow war bislang niemand, der im Mittelpunkt stand. Die Arbeitsteilung mit Ramelow - er erntet Popularität und Ruhm, sie macht die Parteiarbeit - scheint ihr nicht zu missfallen. Auf ihre Stärken angesprochen, antwortet sie: "Ich bin nicht ganz so eitel wie die Jungs."

Wenn Hennig-Wellsow über ihre Mitkandidatin für die Parteispitze spricht, ist da viel Lob. Wissler sei eine "sehr, sehr gute Kandidatin". Und dass Wissler manchen als radikal links gelte, störe sie nicht. Wissler selbst findet, dass ihre Zugehörigkeit zum linken Teil ihrer Partei eher ein Vorteil für das Frauen-Team sei. Denn damit deckten sie auch diejenigen in der Partei ab, die nicht mitregieren wollen, die die sozialistischen Ideen betonen und den Reformern zu viele Kompromisse vorwerfen.

In der politischen Warteschleife

Wissler arbeitet seit elf Jahren als Fraktionschefin im Wiesbadener Landtag. Die 39-Jährige trat wenige Tage, nachdem sie ihre Kandidatur für den Bundesvorstand bekanntgegeben hatte, aus der trotzkistischen Gruppe Marx21 aus. Marx21 wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Ihr Rückzug aus der Gruppe habe damit aber nichts zu tun, versichert Wissler, sondern er sei "für eine Parteivorsitzende eine ziemlich übliche Sache, die ich für mich sinnvoll und relativ logisch fand."

Hennig-Wellsow und Wissler befinden sich in einer politischen Warteschleife. Es ist ein offenes Geheimnis, dass ihre Aussichten, die neuen Parteichefinnen zu werden, sehr gut sind. Aber ohne einen Parteitag können sie nicht gewählt werden. Was passieren soll, wenn auch die Februar-Variante nicht stattfinden kann, ist ein ungeklärtes Problem.

Janine Wissler und Bernd Riexinger (Die Linke) | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Wissler mit Noch-Parteichef Riexinger: "Sehr, sehr gute Kandidatin"

Mohamed Ali als Spitzenkandidatin?

Besser ist die Situation von Amira Mohamed Ali. Sie ist seit einem Jahr Co-Fraktionschefin im Bundestag. Als sich Sahra Wagenknecht im vergangenen Jahr aus allen Parteiämtern zurückzog, war die Rechtsanwältin aus Oldenburg plötzlich die Überraschungskandidatin für den Posten der Fraktionsspitze und wurde - auch das wieder so eine Flügelstreitsache - gewählt, obwohl sie erst kurz im Bundestag und politisch eher unauffällig war.

Mittlerweise hat es Mohamed Ali geschafft, die extrem zerstrittene Fraktion zu befrieden. Immer öfter hört man, das habe sich ja "deutlich gebessert". Sie selbst sagt nach einem Jahr im Amt, dass die Streitkultur bei der Linken "speziell" sei, weil man sich hier der Fraktionsführung nicht einfach so unterordne, anders als in anderen Parteien. Dann klingt sie wie eine freundliche Grundschullehrerin.

Aber Mohamed Ali würde darum kämpfen, die Spitzenkandidatin der Linken für die Bundestagswahl im kommenden Jahr zu werden. Die Spitzenkandidatur ist wie eine in Funktion gegossene Aussage der Partei: "Das ist oder das sind unsere Besten!" Bei der vergangenen Wahl waren es Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch.

Bislang halten sich alle zurück

Bartsch würde auch diesmal wieder als Spitzenkandidat zur Verfügung stehen. Er geht davon aus, dass seine Partei ihn in dieser Position sieht. Und dafür spricht tatsächlich vieles. Bartsch ist ein politischer Profi.

Aber dann ist da auch Kipping, die Immer-Noch-Parteichefin. Sollte es im Februar zum Parteitag und damit zur Abwahl von ihr und Riexinger als Parteivorsitzende kommen, dann wäre Kipping ohne leitende Funktion in ihrer Partei. Das ist eine Situation, die ihr nicht zu behagen scheint. Ihre politische Präferenz für ein politisches Mitte-Links-Bündnis ist ebenso klar wie ihr Ehrgeiz. Ihr Ziel wäre ein Ministerinnenposten in einer grün-rot-roten Regierung. Und auch sie traut sich die Spitzenkandidatur ihrer Partei zu.

Entschieden werden soll über die Spitzenkandidaten im März. Ihren Hut in den Ring werfen dürften insgesamt vier Frauen und ein Mann - offiziell halten sich aber alle noch zurück. Zu vage ist, ob der dritte Versuch einen Parteitag abzuhalten, tatsächlich klappt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. November 2020 um 18:40 Uhr.

Korrespondentin

Kerstin Palzer | Bildquelle: ARD-Hauptstadtstudio/Tanja Schni Logo MDR

Kerstin Palzer, MDR

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