Kanzler Scholz steht Mitte Oktober beim Besuch einer Bundeswehr-Einheit vor einem "Leopard"-Panzer. | AFP
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Lieferung von Kampfpanzern Wie der "Leopard" in die Ukraine kommt

Stand: 25.01.2023 18:39 Uhr

Deutschland hat den Weg für "Leopard"-Panzer frei gemacht. In einem internationalen Bündnis wird der moderne Kampfpanzer an die Ukraine geliefert. Nun stellen sich ganz praktische Fragen - ein Überblick.

Die Ausgangslage

Nach Wochen der politischen Debatte, des Abwägens und interner Verhandlungen mit den NATO-Verbündeten liefert Deutschland nun Kampfpanzer vom Typ "Leopard 2" an die von Russland angegriffene Ukraine. Zudem erteilt die Bundesregierung anderen Staaten die Genehmigung zur Lieferung eigener "Leopard"-Panzer. Die Mitteilung kam als dürre Pressemitteilung über Regierungssprecher Steffen Hebestreit. Kanzler Olaf Scholz hatte zuvor das Kabinett informiert. Der Schritt erfolge in Abstimmung mit den europäischen und internationalen Partnern.

Scholz hatte in der Kampfpanzer-Debatte immer Alleingänge Deutschlands ausgeschlossen und - vor allem auf Gleichschritt mit den USA gepocht. Offenbar haben inzwischen auch die USA zugesagt, ihrerseits Kampfpanzer vom Typ "Abrams" an die Ukraine zu liefern. Dies hatten die USA zunächst abgelehnt. International aber auch innerhalb der Ampelregierung war der Kanzler für sein aus Sicht der Kritiker langes Zögern zunehmend unter Druck geraten. Die Ukraine fordert schon lange Kampfpanzer westlicher Bauart: Die erste offizielle Anfrage Kiews bei der Bundesregierung erfolgte schon eine Woche nach Kriegsbeginn Anfang März vergangenen Jahres.

Mit der Lieferung von modernen "Leopard"-Kampfpanzern bekommt die Militärhilfe Deutschlands für die Ukraine eine neue Qualität. Schon jetzt gehört Deutschland zu den größten Unterstützerländern - hier eine Übersicht der bislang geleisteten Militärhilfe.

Wie viele "Leopard" liefert Deutschland?

Deutschland liefert der Ukraine "in einem ersten Schritt" eine Kompanie mit 14 Kampfpanzern vom Typ Leopard-2-A6 - und zwar innerhalb der nächsten drei Monate. Diese stammen aus Beständen der Bundeswehr. In einem zweiten Schritt soll laut Verteidigungsminister Boris Pistorius dann ein zweites Bataillon aus älteren Leopard-Panzern gebildet werden. Zu dem Unterstützungspaket gehören "neben der Ausbildung auch Logistik, Munition und Wartung der Systeme".

Was kommt aus den USA?

Kurz nach der deutschen Zusage für die "Leopard"-Lieferung machten auch die USA ihre Panzer-Pläne konkret. Die US-Regierung kündigte an, der Ukraine insgesamt 31 Kampfpanzer des Typs "M1 Abrams" zur Verfügung zu stellen. Die Lieferung der "Abrams"-Panzer in die Ukraine wird nach den Worten von Präsident Joe Biden "einige Zeit in Anspruch nehmen".

Der "Washington Post" zufolge dürfte es Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis die "Abrams"-Panzer in dem Krieg zum Einsatz kommen. Es sei unwahrscheinlich, dass die Fahrzeuge zum Frühjahr in der Ukraine ankommen, wenn mit der Offensive Russlands beziehungsweise einer Gegenoffensive der Ukraine zur Rückeroberung russisch besetzter Gebiete gerechnet wird, so die Zeitung.

Bislang hatten die USA betont, eine "Abrams"-Bereitstellung aus praktischen Gründen nicht für sinnvoll zu halten. Der Panzer sei zu teuer, erfordere eine aufwändige Ausbildung, sei schwierig in der Wartung und verbrauche mit seinem Turbinenantrieb sehr viel Treibstoff, argumentierte US-Verteidigungsstaatssekretär Colin Kahl.

Der vom Rüstungskonzern General Dynamics produzierte "Abrams" gilt in seiner neuesten Ausführung als einer der modernsten Panzer weltweit. Der Turbinenantrieb mit einer Stärke von 1500 PS bringt den Panzer auf eine Höchstgeschwindigkeit von 68 Kilometern pro Stunde, Hauptwaffe ist eine 120-mm-Kanone. Der Panzer ist allerdings mit einem Gewicht von knapp 67 Tonnen sehr schwer und schluckt gewaltige Mengen Treibstoff - und zwar das Flugzeugbenzin Kerosin. Der "Leopard" und viele Gefährte der Ukrainer werden mit Diesel betrieben.

Wer will außerdem Kampfpanzer liefern?

Von den 14 europäischen Staaten, die über "Leopard"-Panzer verfügen, haben neben Polen auch Finnland und Niederlande ihre Bereitschaft zur Lieferung von Kampfpanzern geklärt. Tschechien kündigte dagegen zuletzt an, nicht zugunsten der Ukraine auf die "Leopard-2"-Kampfpanzer verzichten zu wollen, die Deutschland im Zuge eines Ringtauschs zugesagt hat.

Großbritannien hat 14 "Challenger"-Panzer bereits zugesagt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schloss eine Lieferung der französischen Kampfpanzer "Leclerc" nicht aus.

Das Ziel sei, in einem breiten Verbund schnell zwei Panzerbataillone mit "Leopard-2"-Panzern für die Ukraine zusammenzustellen, teilte die Bundesregierung mit. Ein voll ausgestattetes Panzerbataillon der Bundeswehr verfügt regulär über 44 Kampfpanzer. ARD-Korrespondent Stephan Stuchlik sagte, es gehe um eine ganze Logistikkette. "Sämtliche Panzer müssen gemeinschaftlich geliefert und gewartet werden." Dass es eine ganze Reihe verschiedener "Leopard 2" -Modelle gibt, dürfte die Ausbildung, Wartung und Ersatzteilbeschaffung zusätzlich erschweren.

Was ist mit der Ausbildung ukrainischer Soldaten?

Die Ausbildung der ukrainischen Besatzungen soll bereits in wenigen Tagen beginnen. Dafür sei nur eine kurze Vorbereitungszeit notwendig, so das Bundesverteidigungsministerium. Bis zum Ende des Quartals soll die Ukraine in die Lage versetzt werden, die Kampfpanzer einzusetzen. Die Ausbildung am "Leopard" dauert den Angaben nach ähnlich lange wie beim Schützenpanzer "Marder" - damals war von etwa acht Wochen die Rede.

Nach Einschätzung von Militärexperte Ralf Raths ist die Ausbildung nicht so schwierig, wie allgemein behauptet. "Für die Ukrainer ist es ein grundlegender Wechsel, weil die Besatzung nun aus vier statt drei Leuten bestehen würde. Ein Ladeschütze kommt hinzu. Die Abläufe muss man lernen. Aber das ist keine Raketenwissenschaft", sagte der Direktor des Deutschen Panzermuseums in Munster im Interview mit tagesschau.de.

Bereits jetzt werden Ukrainer in verschiedenen NATO-Staaten an militärischem Gerät ausgebildet, in Deutschland etwa auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr und in der Artillerieschule in Idar-Oberstein. Auch die Ausbildung am zugesagten "Marder" ist geplant bzw. hat begonnen.

Was kann der "Leopard"?

Die Bundeswehr bezeichnet den "Leopard 2" als ein "Raubtier auf Ketten" und nutzt den Kampfpanzer in verschiedenen Varianten seit 1979. Bewaffnet mit einer 120-Millimeter-Kanone lassen sich in der neuesten Variante von vier Soldaten an Bord Ziele in einer Entfernung bis zu 5000 Metern bekämpfen.

Über die Jahre erhielten die vom Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann entwickelten Kettenfahrzeuge eine immer stärkere Panzerung. Die etwa 64 Tonnen schwere aktuelle Version A7V erreicht mit 1500 PS starken Diesel-Motoren eine Höchstgeschwindigkeit von 63 Kilometern pro Stunde. Vom "Leopard 2 A7V" soll die deutsche Armee in den kommenden drei Jahren insgesamt 104 Exemplare erhalten. Ältere Panzer werden ausgemustert oder an andere Länder abgegeben. Darunter fallen Modelle des Typs A4 oder auch die Vorgängergeneration "Leopard 1".

Nach Angaben im Jahresbericht "Military Balance 2022" des Internationalen Instituts für strategische Studien hat Deutschland mehr als 300 "Leopard-2"-Panzer: 225 Stück der Serien A5/A6 und 59 der Serien A7/A7V. Eingelagert sind 55 Leopard 2 A4.

Warum sind die "Leopard" so wichtig für Kiew?

Die Frontlinie in der Ostukraine hat sich seit Wochen kaum noch bewegt. Mit den Kampfpanzern hofft die Ukraine nun, wieder in die Offensive zu kommen und weiteres Gelände zurückzuerobern. Gleichzeitig wird für das Frühjahr eine Offensive Russlands befürchtet.

Wie ist die Stimmung unter der Bevölkerung in Deutschland?

Ein Grund für die zögerliche Haltung des Kanzlers dürfte auch die Befürchtung einer weiteren Eskalation des Krieges gewesen sein. Auch deshalb sperrte sich Scholz gegen nationale Alleingänge. Viele Menschen in Deutschland teilen die Sorge, in den Krieg hineingezogen zu werden.

Deutschland müsse bei der Unterstützung der Ukraine immer klarstellen, "dass wir aber gleichzeitig eine Eskalation des Krieges zu einem Krieg zwischen Russland und der NATO verhindern", sagte Kanzler Scholz im Bundestag.

Laut DeutschlandTrend für das ARD-Morgenmagazin von vergangenem Donnerstag ist die Lieferung von "Leopard"-Panzern an die Ukraine umstritten. 46 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, fast ebenso viele sind dagegen (43 Prozent). Die verbleibenden elf Prozent können oder wollen sich nicht festlegen.

Kann die Bundeswehr überhaupt auf die "Leopard" verzichten?

Die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr wird durch die erwartete "Leopard"-Lieferung aus Deutschland in die Ukraine nach Ansicht des Vorsitzenden des Bundeswehrverbands, André Wüstner, weiter geschwächt. Die Lieferung sei "gut für die Ukraine einerseits, schlecht für die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr andererseits", sagte Wüstner im ZDF. "Seit Februar geben wir weiterhin Waffengeräte und Munition ab." Die Politik trage auch Verantwortung auch bei der Landes- und Bündnisverteidigung, sagte Wüstner.

Die Wehrbeauftragte des Bundestags, Eva Högl, forderte schnellen Ersatz für die Bundeswehr. Die Soldaten "erwarten, dass das abgegebene Material zügig wiederbeschafft wird und ihre eigene Einsatzbereitschaft mit dem Sondervermögen verbessert wird", sagte die SPD-Politikerin den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Es geht jetzt darum, umgehend neue Panzer, Artillerie, Munition zu bestellen und die Instandsetzung von großem Gerät zu beschleunigen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. Januar 2023 um 12:00 Uhr.