Blick auf Leidingen | SR
Mittendrin

Leidingen Alltag auf der Grenze

Stand: 22.01.2023 10:48 Uhr

220 Menschen wohnen in Leidingen. Eine der fünf Straßen ist die "Neutrale Straße" oder "Rue de la Frontière". Hier verläuft die unsichtbare Grenze zwischen Deutschland und Frankreich. Grenzüberschreitungen sind hier Alltag.

Von Simone Blaß, SR

Auf den ersten Blick ist das Örtchen Leidingen eher unauffällig: 220 Einwohner, fünf Straßen, kein Supermarkt, kein Gasthaus, keine Schule, kein Kindergarten. Aber das 220-Einwohner-Dorf hat gleich zwei katholische Kirchen.

Und das hat einen Grund: Leidingen ist ein Dorf auf der deutsch-französischen Grenze. Die Kirche St. Remigius liegt auf deutscher Seite und die Eglise St. Jeanne-d‘Arc auf französischem Boden.

Durch Leidingen führt eine unsichtbare Grenze, genau in der Mitte der Neutralen Straße oder der Rue de la Frontière. Auf der einen Seite wohnen die deutschen Einwohner in Leidingen, direkt gegenüber die Franzosen. Ihr Ortsteil heißt Leiding.

Moselfränkischer Dialekt

Für die Menschen im Ort ist das Alltag. "Franzose, Deitsche - is doch alled ens", erzählt die Deutsche Gertrude Schutz im moselfränkischen Dialekt. Es gäbe welche, die studiert hätten, andere hätten das nicht, aber trotzdem seien doch alle gleich. Die 80-Jährige lebt seit 60 Jahren auf der französischen Straßenseite mit ihrem Mann Joseph, einem Franzosen.

Einwohnerin Gertrude Schutz Wolfgang Schmitt | SR

Einwohnerin Gertrude Schutz und der Ortsvorsteher von Leidingen, Wolfgang Schmitt. Bild: SR

Wolfgang Schmitt ist seit knapp 30 Jahren Ortsvorsteher von Leidingen. Er kennt das Ehepaar gut, wie auch alle anderen in Leidingen, ob nun Franzosen oder Deutsche. Für ihn ist die deutsch-französische Aussöhnung nach mehreren brutalen Kriegen das Schönste überhaupt in der Geschichte. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle sind seine Helden. Die beiden hätten Unglaubliches geleistet, in dem sie die Annäherung der einstigen Erbfeinde vorangetrieben hätten.

Auch deshalb hat die Gemeinde den beiden Staatsmännern die Grenzblickfenster gewidmet: eines auf französischer, eines auf deutscher Seite. Für den Frieden in Europa sei ihr Engagement, das schließlich im Élysée-Vertrag mündete, von unschätzbarem Wert, ist Schmitt überzeugt. Vor 60 Jahren - am 22. Januar 1963 wurde er unterzeichnet.

Baguette oder Vollkornbrot

Schmitts Vater ist Franzose. Das ist nichts Besonderes im Saargau, wo die Grenzen schon immer fließend waren. Der moselfränkische Dialekt war lange die gemeinsame Sprache. Die ginge aber heute immer mehr verloren, sagt Petra Johannes, die seit knapp 20 Jahren auf deutscher Seite in Leidingen wohnt. Die Kinder lernten dank der saarländischen Frankreichstrategie zwar früh Französisch und manche Franzosen auch Deutsch in der Schule - aber die Ganztagsschulen ließen wenig Platz für tatsächliche Begegnungen, wie das früher mal gewesen sei.

Früher habe man draußen gespielt, die Grenze überquert, ohne es überhaupt zu merken und doch immer die gleiche Sprache, den Dialekt gesprochen. Das sei heute eben anders. Trotzdem liebt sie das Leben auf der Grenze. Es sei immer noch ein bisschen wie Urlaub und man habe ganz praktische Vorteile - so komme sowohl ein französisches Bäckerauto als auch ein deutsches. Baguette oder Vollkornbrot, Croissants oder Puddingstückchen - in Leidingen habe man stets die Wahl.

Grenzblickfenster in Leidingen | SR

Ein Symbol der Grenze: das Grenzblickfenster in Leidingen. Bild: SR

Einkaufen beim Nachbarn

Insofern steht der kleine Ort stellvertretend für das ganze Saarland. Auch hier sind die Grenzen zwischen Frankreich und Deutschland fließend. In Saarbrücken gibt es das deutsch-französische Gymnasium mit Schülern aus beiden Ländern. In der Fußgängerzone hört man mindestens so viel französische wie deutsche Worte.

Kein Wunder: Von Saarbrücken oder Saarlouis sind es gerade mal fünf Minuten bis über die Grenze, die kaum noch sichtbar ist. Viele Saarländer leben aber auch aus steuerlichen Gründen in Frankreich. Viele Lothringer arbeiten im Saarland. Und allen gemeinsam ist: Man kauft beim Nachbarn ein. Die Deutschen fahren wegen Fisch, Käse oder gutem Wein in großer Auswahl und zu günstigen Preisen in den Supermarché.

Und die Franzosen? Auch sie kommen zum Einkaufen, weil für sie vieles in Deutschland günstiger ist, zum Beispiel Kosmetik- und Drogerieartikel. Es ist immer noch ein "riwwer und niwwer", also in Hin und Her in der Grenzregion - weniger wegen der viel beschworenen deutsch-französischen Freundschaft, sondern wegen ganz praktischer Vorteile, die das Leben auf der Grenze eben bietet. Als es in Frankreich den staatlichen Zuschuss zum Sprit gab, fuhr man nach Frankreich zum Tanken. Als es in Deutschland wieder billiger war, tankten auch die Franzosen hierzulande.

Beziehungskrise während der Corona-Pandemie

Die Alltäglichkeit des deutsch-französischen Miteinanders entlang der Grenze erlebte während der Corona-Pandemie eine schwere Krise. Im März 2020 schloss der damalige saarländische Innenminister wegen der hohen Inzidenzen in Frankreich die Grenzen. Nur wenige Übergänge blieben geöffnet und dort wurde streng kontrolliert. Auch im Mini-Ort Leidingen war die Bundespolizei präsent und schickte die französischen Einwohner zum Grenzübergang bei Creutzwald, 18 km entfernt. Das empfanden viele als Schikane, verlängerte sich doch ihr Arbeitsweg um ein Vielfaches.

Corona zeigte, wie wackelig die viel beschworene Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen auch schnell werden kann. Kamen Franzosen zum Einkaufen, wurden sie manchmal regelrecht beschimpft, weil sie doch die "Seuche" mitbrächten. Alte Wunden brachen wieder auf und sorgen bis heute gelegentlich für Misstrauen im Miteinander.

Auch der überzeugte Europäer Schmitt ist davon nicht frei. Fährt er nach Frankreich zum Einkaufen, kontrolliert er immer noch, ob jemand sein Auto zerkratzt hat. Doch er ist optimistisch. Auch dieses Beziehungstief werde man überwinden. Von einer romantischen Überhöhung der deutsch-französischen Freundschaft hält er aber wenig.

Karte mit der Grenze zwischen Deutschland und Franreich, sowie dem Ort Leidingen im Saarland.

Hier verläuft die Grenze - mitten durch das Dorf Leidingen.

Immer weniger Dialekt

Da ist sich Schmitt einig mit seiner französischen Kollegin. Astrid Lemarchand ist Bürgermeisterin für Leiding, Heining und Schreckling direkt auf der anderen Seite der Grenze. Es seien die ganz praktischen Vorteile, die man jeweils suche: Die Deutschen wollten billigere Häuser, Bauland und natürlich die Steuervorteile. Den Franzosen gehe es in erster Linie um gut bezahlte Arbeitsplätze. Diese Entwicklung nehme zu und sei sehr schade, sagt Lemarchand.

So wohnten zwar viele Deutsche auf französischer Seite, schickten ihre Kinder aber in Deutschland auf die Schule. Nur die französische Kita werde auch von Deutschen gerne in Anspruch genommen - sie sei ja auch kostenlos. In ihrer Kindheit habe es mehr, gerade auch familiären Kontakt über die Grenze gegeben. Auch so seien viele Freundschaften entstanden.

Und natürlich habe man mit dem Dialekt eine gemeinsame Sprache gesprochen, sich im wahrsten Sinne des Wortes verstanden. Doch der Dialekt sei eben nicht mehr "à la mode".

Um dennoch eine gemeinsame Basis zu schaffen, müsse man für mehr persönlichen Kontakt sorgen - und zwar so früh wie möglich. Sie plant deshalb in diesem Jahr den Bau eines kleinen Sportplatzes in der Grenzgemeinde Heining. Hier sollen sich dann französische und deutsche Kinder treffen und die Sprache des jeweils anderen auf spielerische Art und Weise lernen. Echte Freundschaft könne man sowieso nie von oben verordnen. Die entstehe im Kleinen.

Freundschaft braucht Pflege

Genauso sieht es auch ihr deutscher Amtskollege Schmitt. Wichtig sei, dass es im Alltag, im täglichen Mit- oder eben auch Nebeneinander genügend Raum für Begegnung gebe.

An dem baut der 68-Jährige mit Leidenschaft. Gerade hat er es geschafft, Gelder für die Renovierung des Grenzblickhauses in Leidingen bei der EU und dem Saarland locker zu machen. Gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern - Deutsche wie Franzosen - will er ein Kulturzentrum errichten für gemeinsame Treffen, für Veranstaltungen und zum Austausch. Seine Überzeugung: Freundschaft muss gepflegt werden und da sei Kommunikation alles.

Vielleicht wäre das auch ein guter Tipp für Bundeskanzler Olaf Scholz und den französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Zwischen beiden Politikern schien der Gesprächsfaden zumindest zeitweise eher dünn gewebt. So dünn, dass der Franzose Macron Deutschland im Oktober davor warnte, sich in Europa zu isolieren. Inzwischen stehen die Zeichen aber wieder auf Annäherung. Zur 60-Jahr-Feier des Élysée-Vertrags werden Kanzler, das gesamte Bundeskabinett und zahlreiche Abgeordnete des Bundestags in Paris erwartet.

Der Élysée-Vertrag

Der französische Staatspräsident Charles de Gaulle und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) unterzeichneten am 22. Januar 1963 einen Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit, den Élysée-Vertrag. Die Kooperation hat den Rang eines bindenden Gesetzes, da sie sowohl der Bundestag als auch die Assemblée nationale verabschiedeten. Zu einem der wichtigsten Punkte gehören die deutsch-französischen Regierungskonsultationen - also der regelmäßige Austausch zwischen den politisch Verantwortlichen der beiden Länder über wichtige Fragen. Dies soll eine enge Abstimmung in Bereichen wie Außen- und Sicherheitspolitik, Bildungspolitik und Jugendarbeit ermöglichen.
Konkret sieht der Vertrag für die Staats- und Regierungschefs mindestens zweimal im Jahr Treffen vor, für die Außenminister viermal im Jahr. Außerdem sollen sich die anderen Fachministerien und Behörden regelmäßig treffen. Weitere Aspekte sind die Förderung der jeweiligen anderen Sprache und der Jugendaustausch. So ist unter anderem das Deutsch-Französische Jugendwerk entstanden, welches das Interesse am Nachbarland fördern soll.
Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Vertrag erweitert. Zum 25. Jubiläum der Kooperationsvereinbarung wurden etwa der Deutsch-Französische Verteidigungs- und Sicherheitsrat sowie der Deutsch-Französische Finanz- und Wirtschaftsrat ergänzt. Aus dem Élysée-Vertrag ist auch das Amt der Bevollmächtigten für die deutsch-französischen kulturellen Beziehungen entstanden, damit Frankreich etwa bei Kultur- und Bildungsfragen, die Sache der Bundesländer sind, einen konkreten Ansprechpartner hat. Zurzeit hat die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) diese Rolle inne.

Zuletzt unterzeichneten der französische Staatspräsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Januar 2019 einen neuen deutsch-französischen Vertrag. Der Aachener Vertrag soll die bisherige Zusammenarbeit noch weiter verstärken. Daraus ist unter anderem der Deutsch-Französische Bürgerfonds entstanden, der Projekte für die deutsch-französische Freundschaft sowie Europa finanziert und vernetzt.

Über dieses Thema berichtete der SR in der Sendung "aktueller Bericht" am 21. November 2022 um 19:20 Uhr.