Karl Lauterbach | EPA
Kommentar

Lauterbachs Corona-Politik Minister der gebrochenen Herzen

Stand: 05.04.2022 17:00 Uhr

Weitreichende Lockerungen, Ende von Masken- und Quarantänepflicht trotz hoher Coronazahlen - Gesundheitsminister Lauterbach hat viele Fans enttäuscht. Das ist kein Wunder. Die hohen Erwartungen konnte er gar nicht erfüllen.

Ein Kommentar von Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

So viele Menschen haben so viele Hoffnungen in Karl Lauterbach gesetzt. All jene, denen die Corona-Politik zu lasch gewesen war, feierten ihn in den sozialen Netzwerken noch vor Amtsantritt als "Gesundheitsminister der Herzen".

Vera Wolfskämpf ARD-Hauptstadtstudio

Lauter überhöhte Erwartungen, er würde alles anders und besser machen - er konnte sie nur enttäuschen. Nach einem kurzen Honeymoon ist sie nun da, die bittere Erkenntnis: Lauterbach ist wie die anderen. Letztlich macht er auch nur Realpolitik.

Das muss und kann er gar nicht

Und das ist eben etwas ganz anderes, als in Talkshows darüber zu reden. Als Epidemiologe und Gesundheitspolitiker forderte Lauterbach unermüdlich, Risikogruppen stärker zu schützen. Er rief die Regierung auf, viel strengere Maßnahmen durchzusetzen, wissenschaftliche Erkenntnisse und Fakten über parteipolitische Befindlichkeiten zu stellen.

Und dann kam Lauterbach plötzlich in die Position, das selbst durchsetzen zu können - dachte er und hofften so viele andere. Doch diesen Ansprüchen ist Lauterbach in keiner Weise gerecht geworden. Das muss und kann er als Gesundheitsminister aber gar nicht.

Wenn ein Koalitionspartner die FDP ist ...

Denn in einer Koalition setzt niemand seine Position pur durch. Und wenn einer der Partner die FDP ist, hat es auch ein Karl Lauterbach schwer mit strikten Corona-Regeln. Ganz offensichtlich schaffte er es nicht, die Liberalen von seinen Argumenten etwa für die Maskenpflicht zu überzeugen, und musste klein beigeben.

Dabei spielt es Lauterbach auch nicht in die Hände, wie sich die Pandemie entwickelt - zum Glück, muss man sagen. Denn mit Omikron grassiert eine Variante, die nicht so gefährlich ist wie vorherige Virusvarianten. Das Gesundheitssystem ist stark belastet, aber es bricht nicht zusammen. Und sowieso sind viele Menschen der Einschränkungen längst überdrüssig. So fehlt Lauterbach der nötige Druck, um weiter strenge Maßnahmen durchzusetzen.

Zwischen selbst verschuldeten Widersprüchen

Doch an einem scheitert Lauterbach selbst verschuldet: all diese politischen Entscheidungen zumindest widerspruchsfrei zu erklären. Das liegt daran, dass er beide Rollen zugleich bespielen will: den pragmatischen Gesundheitsminister und den mahnenden Epidemiologen.

Erst verkauft er in Pressekonferenzen die Lockerungen als guten Kompromiss, dann warnt er bei Twitter vor Long Covid und den Gefahren für Risikogruppen. Lauterbach rechtfertigt, warum die Maskenpflicht abgeschafft wird - und ruft eindringlich dazu auf, die Maske weiter zu tragen. Er begründet, warum Infizierte ab Mai nur noch freiwillig zu Hause bleiben sollen - und erklärt, dass aber nur eine Impfpflicht weiteres Leid ab Herbst verhindern kann.

Das wirkt alles so widersprüchlich, dass man sich fragt, wie Lauterbach das selbst aushält. Viele seiner Fans scheinen nicht mehr bereit dazu. Gesundheitsminister der Herzen? Wohl eher der gebrochenen Herzen.

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Über dieses Thema berichtete BR24 Aktuell am 05. April 2022 um 13:26 Uhr.