Karl Lauterbach | REUTERS
Analyse

Minister Lauterbach Im Gegenwind

Stand: 04.02.2022 08:14 Uhr

Seit acht Wochen ist der Arzt und Wissenschaftler Lauterbach jetzt Gesundheitsminister und damit oberster Pandemie-Bekämpfer. Nicht alles läuft rund - vor allem mit der Kommunikation tut er sich schwer.

Von Hanni Hüsch, ARD-Hauptstadtstudio

Seit Tagen schon ist Funkstille. Karl Lauterbach twittert nicht. Die Erkältung muss ihn wirklich beuteln. Auch Gesundheitsminister können krank werden; es sei aber nicht Covid, versichert sein Ministerium. Er hat diverse Fernsehauftritte absagen müssen. Es schmerzt ihn sicher noch mehr als die Redaktionen, die ohne den Gast dastehen, auf den sie sonst eigentlich immer zählen  können.

Hanni Hüsch ARD-Hauptstadtstudio

Talkshowkönig, Wissenschaftler, Pandemie-Minister und -Erklärer: Lauterbach hat so viele Hüte auf in dieser fordernden Zeit.

Fast scheint es eine Ewigkeit her, seit er am 8. Dezember den Amtseid ablegte. Angekommen ganz oben im Polit-Olymp. Aus dem Solo-tanzenden Genossen wird der Bundesgesundheitsminister.

"Der Typ ist echt Kult"

Es gibt viel Vorschuss-Beifall, vor allem draußen bei den Bürgern, die das Nerdige an ihm mögen. "Der Typ ist echt Kult", begleitet ein Tourist vor dem Reichstagsgebäude den durchaus erstaunlichen Aufstieg des Rheinländers. Dass er Ahnung hat wie kein Gesundheitsminister vor ihm, bescheinigen ihm viele. Auch politische Gegner.

In seiner Partei aber bleiben Restzweifel, ob der Karl auch Team kann, ein Ministerium leiten, kommunikativ genug sei und delegieren könne. Er selbst habe sich das natürlich auch gefragt, aber eben auch beantwortet: Klar kann er das.

Gut acht Wochen später weht ihm scharfer Wind entgegen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. | dpa

Plötzlich Minister: Karl Lauterbach Bild: dpa

Verwirrung um Genesenen-Status

Da ist etwa die Sache mit dem Genesenenstatus. Die Verordnung trägt einen sperrigen Namen und bereitet noch mehr Ärger: Änderung der Covid-19-Schutzmaßnahmen-Ausnahmeverordnung. Im Kern geht es um die Regelung von Quarantäne- und Isolationszeiten und um Genesenenregeln. In der Tiefe der Verordnung aber verbirgt sich ein erheblicher Machtzuwachs für das dem Gesundheitsministerium nachgeordnete Robert Koch-Institut. Und das RKI nutzt die Chance prompt, verkürzt ohne Vorwarnung den Status von Genesenen von sechs auf drei Monate und katapultiert über Nacht Hunderttausende aus dem 2G-Status und damit aus dem gesellschaftlichen Leben.

Bouffier tobt

Der Ärger klebt an Lauterbach, auch wenn Bundestag und Bundesrat der Verordnung zustimmen. Beim jüngsten Treffen von Länderchefs und Kanzler jedenfalls brennt die Hütte, der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier habe so getobt, dass man um seine Gesundheit hätte fürchten müssen, sagt einer, der zusah.

Warum der Minister über eine so entscheidende Sache nicht vorab informiert habe, wird Lauterbach  gefragt. Weil er selbst nicht informiert worden sei, kontert der Gerügte. Kommunikationsprobleme räumt Lauterbach ein, in der Sache habe das RKI aber recht. Eine Erkältung mag ihn umhauen, aber nicht der politische Gegenwind.

Der kommt dann aber auch von den Ampelfreunden. "Wir sollten diese Regelung ändern", twittert FDP-Fraktionschef Christian Dürr. Liberale Grüße an den Minister im Krankenbett.

Dass Lauterbachs Verordnung durchaus problematisch ist, befinden auch die Juristen des Bundestags. Sie melden Zweifel an, ob der Machtzuwachs verfassungsrechtlichen Maßstäben genüge.

Der "Ich"-Minister

Es lastet so viel auf seinen Schultern. Das Wort "Ich" ist Lauterbachs steter Begleiter. Dabei hat sein Haus rund 1000 Mitarbeiter. Zahlen, Wellen, Varianten - der Wissenschaftler in ihm muss das alles erklären. Der Bundesminister wiederum muss die einrichtungsbezogene Impfpflicht im Gesundheitswesen gegen manch zögerlichen Ministerpräsidenten und wachsende Kritik durchboxen, die Testverordnung neu justieren, den Lockerungsversprechen aus den Ländern sein "Jetzt noch nicht" entgegen wirbeln.

Und Lauterbach muss aufräumen, was der Vorgänger seiner Ansicht nach an Unordnung hinterließ, etwa persönlich bei den Rumänen Impfstoff besorgen, weil sich plötzlich eine Lücke auftut. Die Deutschen müssen das doch wissen. Folge: Viel Sorge und Verwirrung, die CDU in Rage, am Ende blickt keiner mehr durch. Aber Impfstoff ist da.

Wuseliger Wissenschaftler statt sortierter Minister?

Kommunikation ist seine offene Flanke. Der Weg vom wuseligen Wissenschaftler zum sortierten Minister, der Entscheidungen nach innen und außen sauber kommuniziert, ist mühsam.

Wie mühsam, zeigt sich auch bei der Impfpflicht: Erst will er einen Antrag für die allgemeine Impfpflicht ab 18 vorlegen, dann doch wieder nicht - am Ende würde der Ampel die eigene Mehrheit dafür wohl fehlen. Also Rolle rückwärts, auch um den Kanzler nicht zu beschädigen.

Der hat sich im Kanzleramt sein eigenes Pandemiezentrum aufgebaut mit Expertenrat und Krisenstab. Auch die Bund-Länder Treffen, die die Marschroute in der Pandemiebekämpfung vorgeben, werden jetzt von hier gesteuert. Man kann das als Restmisstrauen verstehen. Ein Misstrauen, das die Deutschen bislang (noch) nicht teilen: Im ARD-DeutschlandTrend bleibt Lauterbach beliebtester Minister.

Politikerzufriedenheit

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 03. Februar 2022 um 22:15 Uhr.