Beine neben einem AfD-Plakat im Wahlkampf für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral
Analyse

Wahl in Sachsen-Anhalt Zeitbombe AfD

Stand: 09.06.2021 16:55 Uhr

In Sachsen-Anhalt haben bei der Landtagswahl auffallend viele junge Menschen die AfD gewählt. Wie kann das sein? Und was heißt das für künftige Wahlen?

Eine Analyse von Thomas Vorreyer, MDR

In Sachsen-Anhalt hat die CDU die AfD mit weitem Abstand auf den zweiten Platz verwiesen. Den Sieg hat die Partei aber vor allem älteren Menschen zu verdanken. Menschen unter 45 wählten weiterhin mehrheitlich die AfD. Auch diejenigen, die unter 30 sind. Damit steckt in dem Wahlergebnis eine Zeitbombe: Kann die in Sachsen-Anhalt in Teilen rechtsextreme AfD langfristig diese Wählergruppe bei sich halten, könnte sie in nicht allzu ferner Zukunft doch noch stärkste Kraft im Land werden.

Thomas Vorreyer

Nachwendejahre und Sparkurs

Für diesen Zuspruch gibt es eine Vielzahl von Gründen. Nur in ihrer Summe lässt sich eine Antwort auf die Frage finden, warum die AfD zwar deutschlandweit gewählt wird, aber in ostdeutschen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt eben so stark ist. Und warum manche Menschen, die die Partei gerade wegen ihrer extrem rechten Positionen wählen - und andere trotz dieser wählen.

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, der sächsische CDU-Politiker Marco Wanderwitz, hatte zuletzt versucht, es teilweise mit einer "Diktatursozialisierung" der Menschen im Osten zu erklären. Der junge und mittelalte Wählerpool der AfD wurde aber weniger vom autoritären DDR-Staat geprägt als vielmehr durch den Ausverkauf und teilweisen Zusammenbruch der Ost-Wirtschaft. Die Massenarbeitslosigkeit. Die "Rote Laterne", die Sachsen-Anhalt jahrelang innehatte.

Bild: AfD-Stimmenanteile nach Altersgruppen

Seit der Wende hat kein Bundesland so viele Menschen durch Abwanderung verloren wie Sachsen-Anhalt. Diese Entwicklungen schlugen sich schon in den Neunzigern und Nuller-Jahren in hohen Wahlergebnissen für die Linkspartei und die rechtsextreme DVU nieder.

Der Unmut brach sich später dann Bahn in den Montagsdemonstrationen gegen die Einführung von Hartz IV, die in Sachsen-Anhalt ihren Anfang nahmen. Oder aber in einer historisch niedrigen Wahlbeteiligung von 44 Prozent bei der Landtagswahl 2006. Nach dieser Wahl begann in dem Bundesland zudem die Zeit eines radikalen Sparzwangs, durch die staatliche beziehungsweise kommunale Infrastruktur verzwergt wurde. Politisch hat diese Entwicklung lange kein Ventil gefunden. Erst die AfD bot es.

Rund 80 Prozent der Bevölkerung leben im ländlichen Raum. Also dort, wo sich vielerorts besonders stark Krankenversorgung und Öffentlicher Nahverkehr verschlechtert haben, wo Dutzende Schulen geschlossen worden sind. Wo aber auch die gesellschaftliche Infrastruktur bröckelt, in den Dorfkernen die Kneipen verschwinden. In solchen schrumpfenden Wahlkreisen ist die AfD besonders stark.

Im ländlichen geprägten Sachsen-Anhalt ist man eher unter sich

Viele Menschen sind zudem auf das Auto angewiesen. Steigende Spritpreise sind da ein virulentes Thema, auch weil Sachsen-Anhalt das zweitniedrigste Netto-Haushaltseinkommen pro Einwohner aller Bundesländer hat. Zwar stiegen die Durchschnittslöhne im "Billiglohnland" zuletzt teils kräftig, ein spürbarer Stimmungswechsel ist zwischen Salzwedel und Weißenfels aber noch nicht aufgetreten. Ähnlich ist das beim Breitbandausbau, Lehrermangel und der Wanderungsbilanz. Sachsen-Anhalt konnte da in den vergangenen Jahren zwar aufholen, auf dem Land kommt das aber nur teilweise an.

AfD-Wählende sagen doppelt so häufig, die Lebensumstände hätten sich in ihrer Gegend zuletzt verschlechtert. Positive Standortfaktoren wie etwa das breite Angebot an Kitaplätzen und die geringen Kosten dafür werden eher als selbstverständlich hingenommen. Auch das lässt sich in Teilen mit den Erfahrungen des DDR-Staats erklären. Wegzug, Überalterung und die hohe Verteilung auf den ländlichen Raum haben noch einen weiteren Effekt: Die Gesellschaft ist vielerorts sehr homogen. Man bleibt unter sich. Chauvinistische Einstellungen erhalten so schwerer Widerspruch.

Bild: Wahlverhalten nach Altersgruppen

Extrem rechte Positionen zu lange nicht bekämpft

Diejenigen, die die AfD gerade wegen ihrer extrem rechten Positionen wählen, sind in diesen Verhältnissen aufgewachsen. Und gerade die, die heute zwischen 30 und 50 sind, haben eine weitere prägende Erfahrung mitgemacht: Wie nach der Wende die Zahl rechtsextremer Gewalt- und Mordtaten sprunghaft anstieg, wie Neonazis vielerorts die Jugendkultur dominierten, ohne dass Politik und Behörden das ernstnahmen.

Im Gegenteil: Die Gewalt wurde verharmlost, die extrem rechten Einstellungen blieben weit verbreitet. Aus dieser gesamtgesellschaftlichen Erfahrung, aber auch dem DDR-bedingten Misstrauen in staatliche Institutionen lässt sich erklären, warum die Debatte um eine Verfassungsschutzbeobachtung der AfD kaum bei den Wählenden in Sachsen-Anhalt verfängt. Die AfD weiß das und geht damit ganz ungeniert um.

Im Wahlkampf hängte etwa ein bekannter Lokalpolitiker mit einschlägigen Verbindungen den AfD-Spruch "Ihr hattet 30 Jahre Zeit" unter das Linken-Plakat "Nazis stoppen". Der Instagram-Account des Parteinachwuchses "Junge Alternative" zeigte ihn anschließend lächelnd vor seinem "Werk". Gerade weil die Verfassungsschutzdebatte kaum Wirkung entfaltet, ist der AfD zudem etwas gelungen, was andere Protestparteien zuvor nicht geschafft haben: Sie ist mit ihren Themen durchgedrungen.

Heute trauen mehr AfD-Wählende der Partei zu, Probleme auf den wahlentscheidenden Feldern "Wirtschaft" und "Soziales" auch wirklich lösen zu können als noch 2016. Diese Menschen haben am Wahlsonntag ihre Stimmung mit noch mehr Überzeugung abgegeben als noch vor fünf Jahren. Sie haben die Partei bei über 20 Prozent gehalten. Und sie taten das für Menschen, die sich so geben wie sie: einfache, volksnahe Jungunternehmer, Landwirte, Autobauer, Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr.

Das sind Kandidierende anderer Parteien zwar auch, aber sie inszenieren sich seltener als Anti-Establishment.

Erste Trendwende

Vieles von dem ist nicht neu. Es ließ sich auch aus den Ergebnissen der 2016er-Wahl herauslesen. Dennoch gibt es erste Trendwenden. So war die AfD damals mit Abstand stärkste Kraft bei den Erstwählern. Dieses Mal lag die CDU knapp vorne und Grüne, FDP und Linkspartei in Reichweite der beiden Parteien. Die überwiegend scharfe gesellschaftliche und politische Abgrenzung gegen die AfD scheint in dieser Generation, die immer weniger von Ost-West-Unterschieden geprägt ist, Wirkung zu zeigen.

Auch war die AfD 2016 insgesamt bei allen Wählenden unter 60 Jahren die stärkste Kraft. Heute muss man diese Grenze bis zur 45 runtersetzen, damit das noch gilt. Die Partei selbst spürt zudem, wie schwierig es ist, die hohen Erwartungen an sie zu erfüllen. Mit ihren Themen sind sie nämlich nicht bei jedem durchgedrungen.

Die Wahlkampfkundgebungen zogen weit weniger Menschen an als noch vor fünf Jahren. AfD-Politiker erklärten das damit, dass vermeintliche Erfolge von Oppositionsarbeit schwer vermittelbar seien. Mit einem Kreuz bei der AfD ändere sich nicht schnell genug etwas. Wut- und Protestwähler seien möglicherweise schnell enttäuscht. Das Wahlergebnis vom Sonntag spiegelt das teilweise: Im Vergleich zu 2016 nahm rund jeder zehnte Wähler der Partei nicht an der Wahl teil.

Über dieses Thema berichtete das MDR-Fernsehen in MDR aktuell am 07. Juni 2021 um 19:30 Uhr.

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