Ausgebrannter Tanklaster nach dem Angriff bei Kundus | AP

EGMR-Urteil erwartet Wie Kundus bis heute nachwirkt

Stand: 16.02.2021 04:55 Uhr

Mehr als elf Jahre nach dem verheerenden Luftangriff auf einen Tanklaster in Kundus verkündet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sein Urteil. Bis heute bleiben drängende Fragen unbeantwortet.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Es war die zweifellos folgenschwerste Entscheidung seines Lebens: Nachdem der deutsche Oberst Georg Klein aus dem Gefechtsstand in Kundus den Abwurf von zwei 500-Pfund-Bomben auf von Taliban entführten Tanklaster anordnete, ging er schlafen. Doch als Deutschland am Morgen danach - am 4. September 2009 - aufwachte, war die Welt eine andere. Die psychologische Schockwelle dieser Nacht sollte den Einsatz in Afghanistan, die Bundeswehr und ein Stück weit auch die Bundesrepublik verändern. 

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

"Deutschland hat an diesem Tag seine Unschuld verloren"

"In der Wahrnehmung der deutschen Politik hat Deutschland an diesem Tag seine Unschuld verloren", sagt rückblickend der damalige Chef des Einsatzführungskommandos und damit Oberbefehlshaber für den Afghanistan-Einsatz, Rainer Glatz. Und der grüne Verteidigungspolitiker Omid Nouripour meint: "Spätestens ab dem 3./4. September 2009 war es nicht mehr möglich zu verdrängen, dass da Krieg ist."

Dass weder Kanzlerin noch Ministern bis dahin das Wort "Krieg" über die Lippen gekommen war, dass sie damals die längst extrem gefährliche Lage am Hindukusch unter einer dicken Schicht verbaler Schminke verbargen, dürfte Auswirkungen bis heute haben: Die Deutschen sehen Auslandseinsätze der Bundeswehr heute mit mehr Misstrauen denn je.

Wie viele Zivilisten, die in jener Vollmondnacht Benzin aus den am Kundusfluss feststeckenden Tanklastern zapften, bei dem Bombenabwurf ihr Leben ließen, ist nicht eindeutig geklärt. Vermutlich waren es Dutzende.

Viele unbeantwortete Fragen

Oberst Klein befürchtete damals, die Taliban könnten die im Morast feststeckenden Laster, waren sie erst frei, als rollende Bomben gegen das deutsche Lager einsetzen. Doch auch nach einem Ministerrücktritt und dem Bundestags-Untersuchungsausschuss blieben bohrende Fragen unbeantwortet: Warum hatte der deutsche Oberst nicht den Vorschlag der US-Bomberpiloten beherzigt, die Menschenmenge unten auf der Sandbank in die Flucht zu schlagen, statt sie anzugreifen?

Warum folgte er nicht den gerade erlassenen Einsatzregeln der Afghanistan-Schutztruppe ISAF, Luftangriffe möglichst zu unterlassen? Auch wenn ein afghanischer Informant ihm immer wieder versicherte, es seien nur Taliban dort unten bei den Tanklastern - musste er nicht davon ausgehen, dass auch Zivilisten dabei waren?

Unter extremem Zeitdruck

Fest steht, dass der deutsche Oberst unter extremem Zeitdruck stand und Gefahr von seinen Soldaten abwenden wollte. Gleichzeitig spricht viel dafür, dass er sich die Chance nicht entgehen lassen wollte, auf einen Schlag zahlreiche hochrangige Taliban ausschalten zu können. Zu einem sehr hohen Preis, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Der Afghane Abdul Hanan, der bei dem Angriff zwei Söhne verlor, zog vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der heute sein Urteil verkünden will. Vor deutschen Gerichten sind die Hinterbliebenen der Opfer stets gescheitert: Zuletzt urteilte das Bundesverfassungsgericht im Dezember, dass ihnen keine Entschädigung zusteht. Die Richter schlossen aber nicht grundsätzlich aus, dass Opfer Schadenersatz aufgrund von Auslandseinsätzen der Bundeswehr verlangen können - wenn Offiziere ihre Amtspflicht verletzen. Für die Zukunft könnte das durchaus relevant werden.

Mittlerweile befindet sich kein deutscher Soldat mehr dauerhaft in Kundus. Doch es sieht ganz danach aus, als würde der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr über den 30. April hinaus fortgesetzt.

Drohen dieselben Fehler?

Kritiker allerdings befürchten schon jetzt: Wenn man nicht viel offener über Auslandseinsätze debattiere, drohten bei künftigen Missionen wieder dieselben Fehler wie in Afghanistan. Keine klaren Ansagen über Ziele und Risiken. Böse Überraschungen für die Bevölkerung.

Und dann ist das noch das Thema mangelnde Ausrüstung: In der Schicksalsnacht von Kundus waren es F15-Jets, die den Kundus-Fluss in ein Flammenmeer verwandelten. Mit bewaffneten Drohnen wäre diese Nacht womöglich anders verlaufen, meinte schon im Jahr 2013 der damalige Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus.

Dann hätten die Deutschen sich die Situation in aller Ruhe ansehen und die Laster immer noch zerstören können, wenn die sich wirklich auf den Weg in Richtung deutsches Lager gemacht hätten. Viele Menschen würden dann noch leben.

 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Februar 2021 um 09:00 Uhr.