SPD-Chef Lars Klingbeil steht vor einem Schiff im Hafen des Marinestützpunkts Wilhelmshaven | dpa
Reportage

SPD-Chef auf Wahlkampftour Gegen den Sturm

Stand: 16.09.2022 16:52 Uhr

In gut drei Wochen wird in Niedersachsen gewählt. Für die SPD steht viel auf dem Spiel - das bekommt auch deren Chef Klingbeil zu spüren. Bei seiner Wahlkampftour ist statt Dialog oft eher Kreuzverhör angesagt.

Von Barbara Kostolnik und Nicole Kohnert, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Niedersachsen  

Er grinst wie ein kleiner Junge, der endlich das große Schiff steuern darf: Lars Klingbeil, SPD-Parteivorsitzender, steht am Steuer der "MS Jantje", unweit des LNG-Terminals vor Wilhelmshaven. Gerne würde er damit zeigen, wie er durch die Krisen führt - etwa seine Partei, die nach aktuellen Umfragen wieder schlecht abschneidet. Solche Bilder sollen auch Zuversicht versprühen: Klingbeil, der Kümmerer aus Niedersachsen, der sich Gedanken macht um die Energiesicherheit und der die Sorgen der Wählerinnen und Wähler mit nach Berlin nimmt. 

Barbara Kostolnik ARD-Hauptstadtstudio
Nicole Kohnert ARD-Hauptstadtstudio

Die See ist rau, Windstärke sieben bis neun ist angesagt, als Klingbeil auf dem Schiff im Naturpark Wattenmeer zur Energie der Zukunft aufbricht. Am LNG-Terminal vor Wilhelmshaven wird derzeit noch gebaut, zum Jahresende soll es fertig sein und durch importiertes Flüssig-Erdgas die Abhängigkeit vom russischen Erdgas reduzieren. Vor Jahren wäre der Bau dieses Terminals zwar möglich, aber politisch nicht gewollt gewesen, heißt es auf dem Schiff.  

SPD-Chef Lars Klingbeil steht neben Kapitän Eike Florian Wassermeier am Steuerruder der "Jantje von Dangast" | dpa

Demonstrativ stellte sich SPD-Chef Lars Klingbeil neben Kapitän Eike Florian Wassermeier ans Steuerruder der "Jantje von Dangast". Bild: dpa

Industrie folgt Energie  

Es ist immer das eine bestimmende Thema, das den Wahlkampf in Niedersachsen dominiert: Energiesicherheit, die Unsicherheit vor explodierenden Preisen. Und immer wieder fällt dieser eine Satz von Politikern vor Ort: Industrie folgt Energie. Nur, wenn der Standort Deutschland schnell reagiere, man Energiesicherheit gewährleiste und schnell auf Alternativen setze, nur dann wanderten die Unternehmen nicht ab, gingen nicht insolvent und die Arbeitsplätze blieben erhalten.

Der Unmut ist groß und es stellt sich für viele die Frage, ob die Bundesregierung - und damit die SPD - auch wirklich rechtzeitig gegensteuern und helfen. Sei es bei den Bäckern in Niedersachsen, die plötzlich zu Tausenden geschlossen auf die Straße gehen, weil sie angesichts der steigenden Preise nicht mehr können. Sei es bei den vielen kleinen Unternehmern, die den SPD-Vorsitzenden Klingbeil bei jedem Treffen auffordern, nun endlich schnell zu handeln. 

Klingbeil im Kreuzverhör der Bürger

Klingbeil ist auf Sommerreise in Niedersachsen unterwegs. Und je kürzer und kälter die Tage werden, desto mehr steigt vielerorts die Nervosität. So sitzen auch schon im Theater Wrede in Oldenburg erwartungsvoll Bürgerinnen und Bürger, als der Parteivorsitzende leicht verspätet den Saal betritt.

"Klingbeil im Gespräch" ist ein neues Format, das er sich vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil abgeschaut hat. Aber eigentlich ist es Klingbeil im Kreuzverhör. In der guten Stunde prasseln die Fragen nur so auf ihn ein. Zur Energie natürlich - das ist das Thema der Stunde. Wie kann man Kinder gut durch die Energiekrise bringen? Aber auch zu Waffenlieferungen an die Ukraine. Und warum bitte soll es ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr geben, aber keine 100 Milliarden Euro für die Pflege?  

Es hilft vermutlich in Zeiten wie diesen, wenn man sich nicht treiben lässt. Wenn man sturmerprobter Niedersachse ist - wie Klingbeil. Die sind auch noch erdverwachsen, wenn man dem Niedersachsenlied glauben mag. Klingbeil jedenfalls strahlt stoische Unerschütterlichkeit aus, egal, wo er gerade auftritt. 

Eingriff in den Gasmarkt  

Stoisch gibt er auch immer ein Versprechen ab: Der Gasmarkt soll überprüft werden, dafür gibt es nun eine Expertenkommission. Soviel konnte man beim Koalitionspartner FDP noch herausverhandeln in der Nacht, als über das dritte Entlastungspaket diskutiert wurde. Jetzt soll also auch an den Gaspreis herangegangen werden. Die Erfolgsaussichten sind ungewiss.  

Ebenfalls ungewiss: das Wahlergebnis in Niedersachsen. Es wird ein knappes Rennen. Jede Stimme zähle, sagt Klingbeil im Dialog mit den Bürgern im Oldenburger Theater - und bittet um deren Unterstützung. Zwar liegt SPD-Ministerpräsident Weil nach Umfragen knapp vor dem CDU-Kandidaten Bernd Althusmann. Dieser lässt aber keine Gelegenheit aus, auf ein Versagen der Ampel-Koalition im Bund hinzuweisen. Auch FDP-Spitzenkandidat Stefan Birkner macht Stimmung gegen die Regierung, verweist auf die Sicherheit von Stromnetzen und befeuert die AKW-Debatte.  

Für die SPD und ihren Vorsitzenden Klingbeil steht einiges auf dem Spiel: Nach den verlorenen Wahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen ist der Druck groß. Sollte die SPD kein gutes Ergebnis einfahren und der sozialdemokratische Ministerpräsident Weil aus dem Amt gewählt werden, könnten die Zeiten für den SPD-Chef noch stürmischer werden als die See im Naturpark Wattenmeer.