Schülerinnen und Schüler betreten die Integrierte Gesamtschule (IGS) Kronsberg in Hannover (Niedersachsen).  | picture alliance/dpa

Corona-Impfungen für Kinder Kompromiss der Generationen

Stand: 20.05.2021 10:02 Uhr

Mehr als jeder Dritte hat mittlerweile eine Erstimpfung erhalten. Nun mehren sich die Rufe, auch Kinder und Jugendliche zu impfen. Kommt die Diskussion zu früh - oder ist es höchste Zeit?

Von Luca Rizzelli, SWR

In der Praxis von Till Reckert gibt es auch ohne Corona-Impfungen viel zu tun. Nur für ein paar Minuten kann sich der Kinderarzt aus seinem Praxisalltag ausklinken, um am Telefon seine Sicht auf die geplante Impfung von Kindern und Jugendlichen darzulegen. Neben seiner Tätigkeit als Kinderarzt ist Till Reckert Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Baden-Württemberg.

Reckert begrüßt den Vorstoß von Gesundheitsminister Jens Spahn, auch über die Impfung der Jüngeren zu diskutieren, hält den Zeithorizont des Ministeriums aber für sehr ambitioniert. Für ein Impfangebot für alle Zwölf- bis 18-Jährigen bis zum Ende der Sommerferien sei der Impfstoff nach wie vor noch sehr knapp, sagt er. Außerdem gebe es weder von der ständigen Impfkommission (STIKO) noch von der europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) eine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche. "Ich halte die Diskussion für verfrüht. Salopp gesagt wird hier über ungelegte Eier gesprochen."

Zulassung frühestens Ende Mai

Noch ist in Europa kein Impfstoff für Kinder und Jugendliche unter 16 zugelassen. Zulassungen sind Sache der EMA, diese prüft gerade den Impfstoff von BioNTech/Pfizer auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen bei unter 16-Jährigen. Laut EMA steht eine Zulassung für Anfang Juni, frühestens Ende Mai in Aussicht.

Das separate Zulassungsverfahren für Kinder und Jugendliche begründet Martin Terhardt vom Robert Koch-Institut damit, dass Studien an Minderjährigen mit neu eingeführten Medikamenten erst dann durchgeführt werden dürfen, wenn es für Erwachsene bereits eine zuverlässige Datenlage gebe. Außerdem stellten Zulassungsbehörden und Ethikkommissionen hohe Ansprüche an Design und Durchführung der Studien, betont er. Schließlich wolle man keine gefährlichen Experimente an Kindern durchführen, so der Wissenschaftler.

Die Frage der Sicherheit

Nach bisherigem Kenntnisstand ist die Datenlage bei der Wirksamkeit vielversprechend. Die Impfung von Kindern und Jugendlichen mit dem BioNTech-Impfstoff wurde in den USA und Kanada bereits zugelassen. Das sei ermutigend, dennoch sei weiter Vorsicht geboten, so Terhardt. "Die Beobachtungszeiträume waren für die Wirksamkeit sicherlich ausreichend", sagt er. Doch bezogen auf die Sicherheit seien sie nur begrenzt aussagekräftig. "Zu den seltenen Impfkomplikationen bei Kindern und Jugendlichen wissen wir nach wie vor wenig."

Bei der Diskussion um die Impfung der Zwölf- bis 18-Jährigen stehe auch die Frage im Vordergrund, ob das Risiko von Impfnebenwirkungen nicht höher ist, als das Risiko tatsächlich an Corona zu erkranken. Auch diese Frage muss laut Terhardt gründlich abgewogen werden. Das tatsächliche Risiko für Kinder und Jugendliche einer Covid-Infektion sei schwerer zu erfassen als bei Erwachsenen. Hier lasse die Datenlage ebenfalls zu wünschen übrig.

Schwere Verläufe selten bei Kindern

Bisher wurden die Älteren vor allem deswegen mit Vorrang geimpft, weil sie besonders anfällig für schwere Verläufe sind. Hajo Zeeb ist Epidemiologe am Leibniz-Institut und beschäftigt sich mit der Ausbreitung des Virus. Schwere Verläufe seien bei Kindern und Jugendlichen selten, meint er. Trotzdem gebe es auch bei ihnen Risiken. Tatsächlich stellt das sogenannte PIMS-Syndrom, bei dem schockartigen Überreaktion des Immunsystems eintreten, für Kinder und Jugendliche ein schwer zu kalkulierendes Risiko bei Corona-Infektionen dar.

Das Syndrom ist selten, dennoch sei es falsch davon auszugehen, dass eine Covid-Erkrankung für die unter 18-Jährigen komplett ungefährlich sei. Zeeb betont, dass es allein deswegen wichtig sei, auch den Jüngeren in absehbarer Zeit ein Impfangebot zu machen. Klammere man diese Altersgruppe auf längere Sicht aus, wären die Jüngsten die letzte verbleibende Zielscheibe für das Virus, so der Epidemiologe.

Zwischen den Alten und Jungen

Worauf es letzten Endes hinauslaufe: Auf einen guten Kompromiss zwischen den Alten und Jungen. Noch gebe es mehr als genug ältere Risikopatienten, die dürften im Sommer nicht ohne Impfstoff dastehen, sagt Zeeb. Aber um langfristig aus der Pandemie zu kommen, seien auch die unter 18-Jährigen wichtig.

Auf absehbare Zeit könnten deshalb wohl auch die Kinderärzte mit dem Impfen beginnen. In Reckerts Praxis würde die Arbeit also eher zu als abnehmen. Trotzdem hat der Kinderarzt keine Bedenken, dass die Praxen in der Lage sein werden, den Andrang zu stemmen. Anfangs wäre es ohnehin so, dass auch bei den Jüngeren mit einer klaren Priorisierung geimpft wird: vorerkrankte und Kinder aus schwierigen Wohnverhältnissen zuerst, danach die anderen. Schließlich solle alles gerecht ablaufen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 17. Mai 2021 um 16:00 Uhr.