Ein Kinder- und Jugendarzt impft eine Jugendliche mit dem Corona-Impfstoff von BioNTech-Pfizer. | dpa
FAQ

STIKO-Entscheidung Was bedeutet die Impf-Empfehlung für Kinder?

Stand: 16.08.2021 15:50 Uhr

Die Ständige Impfkommision empfiehlt nun auch eine Impfung von Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren. Die Impfung bleibt freiwillig. Antworten auf wichtige Fragen.

Von Anja Martini, tagesschau.de

Was sagt die STIKO?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hat ihre bisherige Empfehlung aktualisiert. Bisher gab es keine allgemeine Impf-Empfehlung für Kinder ab zwölf Jahren. Nur besonders gefährdeten Kindern und Jugendlichen mit bestimmten Vorerkrankungen empfahl die STIKO eine Corona-Schutzimpfung. Die Begründung war, dass es noch zu wenige Daten gab. Das hat sich nun geändert, denn in anderen Ländern, wie Israel, den USA und Kanada werden Kinder und Jugendliche bereits geimpft.

Anja Martini tagesschau.de

Die STIKO hat diese Daten ausgewertet und nun ihre Empfehlung aktualisiert. Jetzt kommt die STIKO zu der Einschätzung, dass nach gegenwärtigem Wissenstand die Vorteile der Impfung gegenüber dem Risiko von sehr seltenen Impfnebenwirkungen überwiegen. Unverändert soll die Impfung nach ärztlicher Aufklärung erfolgen. Die Impfung bei Kindern und Jugendlichen dürfe jedoch nicht zur Voraussetzung sozialer Teilhabe gemacht werden, so die STIKO. Damit sorgt die STIKO für mehr Sicherheit bei impfenden Ärztinnen und Ärzten und Eltern und Kindern.

"Die Impfung bleibt freiwillig und darf nicht zur Voraussetzung für den Schulbesuch gemacht werden", sagte Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht.

Was spricht für eine Impfung?

Kinder haben nach aktuellem Stand der Forschung, ein geringes Risiko schwer zu erkranken - aber es kann vorkommen. Wissenschaftler aus England und Schottland haben die Ausbreitung der neue Delta-Variante untersucht. Die Daten belegen, dass die Zahl der Kinder, die sich infizieren, in Großbritannien tatsächlich steigt. Die Zahl der infizierten Kinder und Jugendlichen, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, bleibt demnach aber gering. Dies gilt sowohl für England als auch für Schottland.

Häufig seien kleine Kinder asymptomatisch, sagt der Facharzt für Kinder-und Jugendmedizin, Robin Kobbe, im tagesschau.de-Interview. Einige hätten vielleicht Schnupfen, vielleicht auch ein wenig Fieber, sagt der Arzt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Jugendliche dagegen näherten sich den Symptomen von jungen Erwachsenen schon eher an. Sie hätten teils Halsschmerzen, vielleicht Fieber und Husten, es könne zu Geschmacks- und Geruchsverlust kommen. Sehr selten treten schwerere Erkrankungen auf, berichtet Kobbe. Gemeint ist, neben Covid bei Kindern mit schweren Vorerkrankungen, vor allem das sogenannte PIM-Syndrom.

Was ist das PIM-Syndrom?

Etwa vier bis sechs Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 können auch bei vorher gesunden Kindern schwere Symptome auftreten: Hohes Fieber, Schleimhautentzündungen, Lymphknotenschwellung, Hautausschlag, gerötete Hände, teilweise mit Herz-Kreislaufproblemen. Das neuartige Syndrom - auf Englisch Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome - wird kurz PIMS genannt. Es handelt sich um eine Entzündung in mehreren Organen, offenbar ausgelöst durch eine Überreaktion des Immunsystems. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) erfasst seit 27. Mai 2020 PIM-Syndrom-Fälle - also die schweren Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Bis zum 25. Juli 2021 meldet die DGPI 395 PIMS-Fälle.

Wie hoch ist die Gefahr von Langzeitfolgen bei einer Covid-Erkrankung?

Die Datenlage zu Langzeitfolgen bei Kindern ist noch recht dünn. In einer Umfrage aus Großbritannien zeigen fünf Wochen nach einer akuten Infektion noch zehn bis 15 Prozent der Kinder mindestens ein Symptom. Eine kanadische Studie geht davon aus, dass sechs Prozent der infizierten Kinder Long Covid entwickeln. Die Wissenschaftler werteten die Daten von mehr als 10.500 Kindern aus, die auf SARS-CoV-2 getestet wurden. Die Kinder kamen zwischen März 2020 und 15. Juni 2021 in eine Notfallambulanz. Ausgewertet wurden die Daten von 41 Notfallambulanzen in zehn Ländern: Australien, Kanada, Indonesien, USA sowie drei Staaten in Südamerika und drei in Westeuropa.

Häufige anhaltende Symptome waren Atemwegsbeschwerden bei zwei Prozent der Fälle, allgemeine körperliche Beschwerden, wie Müdigkeit und Fieber bei zwei Prozent der Fälle, neurologische Beschwerden, wie Kopfschmerzen, Krampfanfälle und anhaltender Geschmacks- oder Geruchsverlust bei einem Prozent der Fälle und psychische Beschwerden, wie Entwicklung einer Depression und Angsterkrankung bei einem Prozent der Fälle. Bei Kindern im Alter von zehn bis 17 Jahren traten häufiger anhaltende Symptome auf als bei Kindern unter einem Jahr. Eine russische Studie kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.

Eine Impfung bei Kindern könnte, genau wie bei Erwachsenen, einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung sowie Langzeitfolgen verhindern.

Welche Risiken gibt es?

Im Vordergrund einer Impfung von Kindern steht immer die Abwägung zwischen dem persönlichen Nutzen einer Impfung und den möglichen Risiken. Ein Argument gegen eine Impfung ist, dass Kinder aus medizinischer Sicht kaum von einer Impfung profitieren, weil sie oft nur milde Verläufe haben. In den USA und Israel, wo seit Längerem Kinder geimpft werden, ist es in seltenen Fällen nach der zweiten Impfung mit den mRNA-Impfstoffen von BioNTech/Pfizer und Moderna zu Fällen von einer Myokarditis gekommen, einer Herzmuskelentzündung.

Expertenteams überprüfen Zusammenhänge zwischen den Impfungen bei jungen Menschen und den vereinzelt vorgekommenen Entzündungen des Herzmuskels (Myokarditis) oder des Herzbeutels (Perikarditis). Das Paul-Ehrlich-Institut berichtete am 15. Juli aber, dass bis zum 30. Juni in Deutschland in der Altersgruppe zwölf bis 15 Jahren bisher keine Verdachtsmeldungen einer Perikarditis oder Myokarditis berichtet worden seien. Insgesamt gebe es 173 Fälle einer Myokarditis und/oder Perikarditis bei Personen, die mit dem Comirnaty-Impfstoff von BioNTech/Pfizer geimpft wurden (bei mehr als 54 Millionen Impfdosen). Bei dem Präparat Spikevax von Moderna waren es demnach 31 Fälle (bei mehr als 6,4 Millionen Impfdosen). Der Nutzen der Impfung überwiegt auch weiterhin alle Risiken, so das Paul- Ehrlich-Institut.

Was ist über Impfreaktionen bekannt?

Nach Angaben der Hersteller BioNTech/Pfizer und Moderna sind die Nebenwirkungen bei Kindern bei beiden Impfstoffen vergleichbar mit denen von Erwachsenen. Das heißt, es kann zu Schmerzen, Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle kommen. Müdigkeit, Kopf- und Muskelschmerzen, Schüttelfrost, Gelenkschmerzen, Fieber, Übelkeit, Unwohlsein und auch eine Schwellung der Lymphknoten ist möglich. Die Impfreaktionen dauerten meist nur wenige Tage nach der Impfung an.

Welche Studien für Kinder-Impfstoffe laufen gerade?

BioNTech/Pfizer haben im März 2021 mit einer Studie mit Kindern von sechs Monaten bis elf Jahren begonnen. In der aktuellen Phase II sollen etwa 4500 junge Menschen auf die Wirksamkeit und Dosierung des Impfstoffes getestet werden. Ergebnisse könnten ab September vorliegen.

Moderna hat im März mit der Phase II/III-Studie begonnen. Daran sollen mehr als 6700 Kinder zwischen sechs Monaten und unter zwölf Jahren teilnehmen. Auch hier geht es um die Wirksamkeit und die Dosierung. Wann es Ergebnisse gibt, ist noch unklar.

Sinovac erprobt in China seinen Impfstoff seit Anfang Mai. Hier sollen in der Phase II Minderjährige zwischen drei und 17 Jahren getestet werden. Es geht um Wirksamkeit und Dosierung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. August 2021 um 16:00 Uhr.