Ein Jugendlicher schaut aus dem Fenster. | imago images/Bihlmayerfotografie

Psychische Erkrankungen Corona-Depressionen bei Kindern

Stand: 03.06.2021 06:01 Uhr

Seit Jahren steigt die Zahl der psychischen Erkrankungen bei Kindern. Die Corona-Krise hat diese Entwicklung noch einmal deutlich verschärft. Experten berichten zum Teil von ersten Engpässen an Kliniken.

Von Kaveh Kooroshy, rbb

Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nehmen laut einer Hochrechnung in der Corona-Pandemie stark zu. Die Zahl derer, die sich etwa aufgrund von Essstörungen behandeln lassen haben, ist im Corona-Jahr 2020 um rund 60 Prozent gestiegen, zeigen Berechnungen der Krankenversicherung KKH, die sich auf Versichertendaten der ersten sechs Monate 2020 stützt. Die Daten liegen dem ARD-Mittagsmagazin exklusiv vor.

Depressionen und Burnout

Auch andere psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout haben demnach um rund 30 Prozent zugenommen. Bundesweit steigen die psychischen Erkrankungen unter den Sechs- bis 18-Jährigen um 20 Prozent.

Für die Berechnung hatte die KKH die Daten von insgesamt 209.332 sechs- bis 18-jährigen Versicherten ausgewertet. Demnach befanden sich 2019 von den rund 200.000 versicherten Kindern und Jugendlichen bundesweit etwa 27.000 aufgrund psychischer Erkrankungen in Behandlung (zwölf Prozent). "Hochgerechnet auf ganz Deutschland sind das rund 1,3 Millionen Kinder und Jugendliche", so die KKH. 2020 waren es nach dem ersten Halbjahr bereits rund acht Prozent, die behandelt werden mussten, also fast 16.000 Versicherte.

Erste Engpässe in Kliniken

Renate Schepker, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (DGKJP) betont, es sei wichtig, die Kapazitäten vollständig offen zu halten und auch nach der Pandemie keinesfalls zu sparen: "Derzeit sind die Kliniken noch überwiegend in der Lage, die Bedarfe zu decken, regional kommt es zu Überbelegungen und längeren Wartezeiten und in wenigen Regionen, die besonders niedrige Bettenmessziffern aufweisen, auch zu Engpässen", so die Leiterin einer Klinik am Bodensee.

"Durch die Corona-Pandemie haben wir auch erkannt, dass selbst die Regionen, die recht gut ausgestattet sind, in Krisensituationen sofort an ihre Grenzen kommen," sagt Marcel Romanos, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Würzburg. "Insofern steigen überall die Wartezeiten, und man erhält den Eindruck, dass sich eine 'Bugwelle' der Inanspruchnahme aufbaut." Wichtig sei es, besondere Risikokonstellationen und Risikophasen der Kinder und Jugendlichen zu erkennen und die Entstehung der Krankheiten besser zu verstehen, um die Prävention zu stärken.

Seit Jahren steigende Zahlen

Der Corona-Anstieg verstärkt damit einen bereits seit zehn Jahren andauernden Trend, bei dem immer mehr Kinder und Jugendliche in Behandlung müssen. So zeigen die Daten der KKH: Besonders Depressionen haben bundesweit zwischen 2009 und 2019 zugenommen, mit einem Plus von 97 Prozent verdoppelten sich die Fallzahlen fast. Auch Anpassungsstörungen ( + 72 Prozent), Burnout (+ 54,7 Prozent), Angststörungen (+ 45 Prozent) und Essstörungen (+ 13 Prozent) nahmen über diesen Zeitraum deutlich zu.

Mehr dazu heute im ARD-Mittagsmagazin um 13:00 Uhr

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Juni 2021 um 06:01 Uhr.