Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, spricht bei einer ökumenischen Andacht. | dpa
FAQ

Missbrauchsfälle in der Kirche Woelki und die Gutachten - worum geht's?

Stand: 18.03.2021 03:58 Uhr

Er hat sich lange geweigert. Nun will der Kölner Kardinal Woelki ein Gutachten zur Aufarbeitung sexueller Gewalt veröffentlichen. Wie konnte der Streit nur so eskalieren?

Von Ulrich Pick, SWR

Was war passiert?

Angefangen hat alles im Jahr 2018. Da beauftragte der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki die Münchner Kanzlei Westphal, Spilker und Wastl mit einem Gutachten, das den Umgang des Erzbistums in Fällen sexualisierter Gewalt während der vergangenen Jahrzehnte darlegen sollte. Das Hauptaugenmerk galt dabei dem Verhalten der zentralen Entscheidungsträger innerhalb der kirchlichen Hierarchie.

Ulrich Pick

Obgleich Woelki angekündigt hatte, die Ergebnisse würden am 12. März 2020 vorgestellt, fand keine Pressekonferenz statt. Es folgten Monate des Wartens, bis der Kardinal am 30. Oktober erklärte, das Gutachten werde nicht veröffentlicht. Er verwies dabei auf angeblich erhebliche methodische Mängel. Stattdessen beauftragte er den Kölner Strafrechtler Björn Gercke mit einem neuen Gutachten.

Warum gibt es an Woelkis Darstellung Zweifel?

Die Sache verwunderte, denn das Nachbarbistum Aachen hatte in derselben Kanzlei ebenfalls ein Gutachten in Auftrag gegeben, welches komplett und ohne Schwierigkeiten veröffentlicht worden war. Gleichzeitig machte das Gerücht die Runde, der Kölner Kardinal sei unter dem Druck ehemaliger und aktueller Würdenträger eingeknickt, die sich angeblich gegen die Veröffentlichung stemmten. Hierbei werden die Namen des langjährigen Generalvikars Norbert Feldhoff, des jetzigen Weihbischofs Dominikus Schwaderlapp sowie des heutigen Hamburger Erzbischofs Stefan Heße genannt, der zuvor Generalvikar in Köln war. Im Betroffenenbeirat, der anfangs Woelki darin unterstützte, das Gutachten nicht zu veröffentlichen, sprach man später von Überrumpelung und Täuschung durch die Kirchenleitung. Mehrere Mitglieder des Gremiums zogen sich aus Protest zurück.

Ist an den Vertuschungsvorwürfen gegen Woelki etwas dran?

Ende des vergangenen Jahres wurden Vertuschungsvorwürfe gegen Woelki laut. Hintergrund ist der Fall des Düsseldorfer Pfarrers O., der sich in den 1970er-Jahren an Jungen im Kindergartenalter vergangen haben soll.

Woelki war mit O., der 2017 starb, gut bekannt und meldete 2014 als Erzbischof seinen Fall offensichtlich nicht wie vorgeschrieben nach Rom - aus Rücksicht auf den schlechten Gesundheitszustand des Pfarrers, wie er angab.

Während das mutmaßliche Missbrauchsopfer der Darstellung Woelkis widersprach, es habe nicht an der Aufklärung mitarbeiten wollen, forderte der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller den Kölner Kardinal zum Rücktritt auf, weil er keine Untersuchung eingeleitet habe. Woelki wandte sich im Dezember 2020 an den Vatikan um Prüfung der Vorwürfe. Im Februar hieß es von dort, er habe korrekt gehandelt, da eine strenge Meldepflicht in solchen Fällen erst seit 2020 vorgeschrieben sei.

Wie reagierten die Gläubigen?

Das Verhalten des Kölner Erzbischofs scheint zu einer Zunahme von Kirchenaustritten geführt zu haben. Nach Angaben des "Kölner Stadt-Anzeigers" hat das Amtsgericht Köln von Januar bis einschließlich Mai dieses Jahres bereits 6250 Austrittstermine vergeben. Im ganzen Jahr 2020 beantragten dort 6690 Menschen einen Austritt aus der katholischen oder evangelischen Kirche.

Der Vorsitzende des Kölner Diözesanrats, der Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach, spricht von "der größten Krise, die wir alle je erlebt haben" und wirft Woelki moralisches Versagen vor. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken schloss sich diesen Äußerungen an. Der Diözesanrat als höchstes Laiengremium im Erzbistum lässt inzwischen seine Zusammenarbeit mit dem Kardinal ruhen. Zudem sollen mindestens 60 Priester im Erzbistum die Aufarbeitung von sexueller Gewalt durch die Kölner Kirchenleitung in zwei Briefen kritisiert haben.

Was kann das neue Gutachten bringen?

Am Donnerstag will Kardinal Woelki das neue Gutachten des Strafrechtlers Gercke öffentlich vorstellen. Es soll nach Angaben des "Spiegel" mehr als 300 Verdachtsmeldungen, mehr als 300 Opfer und mehr als 200 Beschuldigte aufzählen. Die entscheidende Frage wird sein, inwieweit die 700 Seiten starke Untersuchung wirklich frei einsehbar sein wird. Kritiker befürchten nämlich, dass wichtige Passagen geschwärzt sein könnten. Hinzu kommt die Frage, ob es die Rolle von Ex-Generalvikar Feldhoff, Weihbischof Schwaderlapp und Hamburgs Erzbischof Heße anders beurteilt als das Gutachten der Münchner Kanzlei Westphal, Spilker und Wastl, das sich auf die Darstellung von lediglich 15 exemplarischen Fällen beschränkt hatte. Noch ist nicht ausgemacht, dass die Krise im Erzbistum Köln wirklich beilegt werden kann.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 18. März 2021 um 05:42 Uhr.