Karl Lauterbach, SPD | picture alliance/dpa
Porträt

Gesundheitsminister Lauterbach Mahner vom Fach

Stand: 06.12.2021 15:49 Uhr

Er wollte den Job unbedingt, aber Olaf Scholz ließ ihn warten: Nun erhält Karl Lauterbach das ersehnte Ministeramt - mit breitem Vertrauensvorschuss. Doch vor allem in den eigenen Reihen ist der Corona-Experte nicht unumstritten.

Von Hanni Hüsch, ARD-Hauptstadtstudio

Man kann mit Karl Lauterbach morgens aufstehen und am Abend mit ihm einschlafen. Der Professor ist omnipräsent: Frühstücksfernsehen, Mittagsmagazin und abends dann noch zu "Lanz" und "Anne Will". Er twittert nonstop. Schlaf muss ihm fremd sein.

Hanni Hüsch ARD-Hauptstadtstudio

Seit Beginn der Pandemie informiert Lauterbach rund um die Uhr. Er mahnt. Er warnt, in Berlin nennen sie ihn auch die "ewige Unke der Pandemie". Lauterbach liest - so scheint es - jede wissenschaftliche Studie über Covid-19. Und er will, dass die Bürger auch alles wissen über ein Virus, das nach seiner Meinung viele nicht ernst genug nehmen.

Scholz ließ ihn warten

Heute steht er im Willy-Brandt-Haus in Berlin auf der Bühne, mit Olaf Scholz und den anderen Frauen und Männern, die für die SPD ins Bundeskabinett gehen werden. Ernste Miene, Jackett und Frisur sitzen. Das ist nicht immer so.

Er wollte diesen Job. Scholz hat ihn warten lassen. Andere Namen kursierten. Er sei ein Ego-Shooter, unzuverlässig - das Misstrauen, das ihm auch Parteifreunde entgegenbringen, hat er nicht verstanden. Nie hätte er gegen Fraktion und Partei gestimmt. Ein strammer Genosse, der seine Politkarriere übrigens bei den Christdemokraten begann. Seine Medienpräsenz kennt viele Neider.

Nötiges Rüstzeug für das Amt

Aber das ist Geschichte. Bundesgesundheitsminister. In schwieriger Zeit. Möglich, dass es ein Schleudersitz ist. Aber Lauterbach traut sich Amt und Aufgabe zu. Er bringt das nötige Rüstzeug mit. "Wir werden die Pandemie besiegen", verspricht Lauterbach auf der Bühne in der SPD-Zentrale. Es klingt nicht euphorisch. Dafür ist die Lage zu ernst.

Die Pandemie werde länger dauern als viele dächten. Lauterbach kann nicht anders, als zu mahnen. Fallzahlen runterkriegen, "damit wir ohne die Menschen zu gefährden, auch Reisen wieder empfehlen können". Es soll nicht alles trostlos klingen. Weihnachten steht schließlich vor der Tür.

Einen Mann vom Fach hätten sich die Bürger gewünscht, lobt Olaf Scholz. Einen, den sie kennen und mögen, von dem sie ahnen, dass er die  Bezwingung der Pandemie zur Lebensaufgabe macht. Tag und Nacht. Lauterbach eben. Der öffentliche Druck dürfte die Entscheidung des Kanzlers in spe beflügelt haben.

Bedrohungen und Beschimpfungen ausgesetzt

Die Fliege hat er abgelegt. Ein Friseur hat die Haare bezwungen, dass er rheinisch nuschelt gehört zum Gesamtkunstwerk. Er hat Verehrer, auch weil er anders ist - eine Marke. Unangepasst. Schon lange hat Lauterbach mehr Follower bei Twitter als der noch amtierende Minister Spahn. "WirwollenKarl" - die Twitterblase machte unter diesem Hashtag Druck.

Aber Lauterbach spaltet auch. Aus dem Haus kann er nur noch mit Sicherheitsbeamten. Die Strenge, die Konsequenz mit der er für harte Maßnahmen im Kampf gegen Covid-19 wirbt, haben ihn zur Hassfigur gemacht für Corona-Leugner und Impfgegner. Er wird beschimpft und bedroht.

Er will es anders machen als Spahn

Schweigen wird er nicht. Er kommt vom Fach. Er ist Arzt, Gesundheitsökonom und Epidemiologe. Er hat in Harvard studiert, in Köln das Institut für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie geleitet. 2005 zieht er in den Bundestag. Als Fraktionsvize gräbt er sich tief in die komplexe Gesundheitswelt. In die Wiege gelegt ist ihm das nicht. Der Junge aus dem rheinischen Arbeiterhaushalt kämpft sich hoch. Die Hauptschulempfehlung empfindet er als Diskriminierung. Er will mehr.

Mit 57 ist er ganz oben. Die Pandemie ist sein Schicksal. Sein Karriere-Boost. Er wird es anders machen als sein Vorgänger Jens Spahn. Mehr auf die Wissenschaft hören. Er ist eh im Dauer-Austausch. Gefühlt einer von ihnen. Dass auch die scheidende Kanzlerin, wie er Mahnerin, seinen Ratschlag sucht, lässt er gerne wissen - ein bisschen Eitelkeit gehört eben auch dazu.

"Die Wissenschaft ist der natürliche Feind des Populismus, wir werden die Pandemie nur faktenbasiert und mit entschlossenem Handeln besiegen", schreibt der Vorsitzende des Virchowbundes, Dirk Heinrich. Die niedergelassenen Ärzte setzen auf Karl Lauterbach. Und Lauterbach - der verspricht, das Land für die nächste Pandemie besser vorzubereiten.

Große Aufgaben warten

Man möchte hoffen, dass er das nie beweisen muss. Dass er aber jenseits der Pandemiebekämpfung ein wichtiges Ministerium führen, das Krankenhaussystem umbauen, den Pflegenotstand bekämpfen und dem Druck so vieler Lobbyisten begegnen kann - das muss er beweisen. 

"Nikolaus ist, wenn Wünsche erfüllt werden", twittert SPD-Vize Kevin Kühnert. "Ihr wolltet ihn - ihr kriegt ihn."

Über dieses Thema berichtete BR24 im Radio am 06. Dezember 2021 um 15:24 Uhr.