In einer Hausärztlichen Gemeinschaftspraxis erhalten zwei ältere Patienten die erste Corona-Schutzimpfung. | dpa
FAQ

Corona-Pandemie Warum Hausärzte nicht schneller impfen

Stand: 12.03.2021 19:28 Uhr

Die Hausärzte sollen flächendeckend erst Mitte April mit den Corona-Impfungen beginnen. Dabei stehen sie in den Startlöchern. Könnten die Arztpraxen den Impfprozess nicht beschleunigen?

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Warum dürfen Hausärzte noch nicht impfen?

Das stimmt so nicht. Tatsächlich gibt es schon jetzt Hausärzte, die gegen Corona impfen. Einige Bundesländer wie Berlin, Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen oder das Saarland haben Modellprojekte mit Arztpraxen gestartet.

Sandra Stalinski tagesschau.de

Allerdings sollen erst ab Mitte April Hausarztpraxen in größerem Umfang in die Impfungen einbezogen werden, so haben es die Gesundheitsminister der Länder beschlossen. Dass das nicht schon früher passiert, hat laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor allem mit dem noch knappen Impfstoff zu tun. Die Ärzte in den Praxen sollten und müssten bald mit impfen. "Aber es muss jetzt eben im Übergang so sein, dass die Mengen auch passen", sagte Spahn in den tagesthemen. Wenn jeder Arzt nur fünf oder zehn Dosen pro Woche bekäme, würde es berechtigte Fragen geben, wie der Arzt seine Patienten priorisieren solle. "Wir brauchen eine gewisse Mindestmenge, ab der es Sinn macht."

Nur Bayern geht einen Sonderweg. Dort sollen die Impfungen in den Arztpraxen schon zum 1. April flächendeckend beginnen. Auch wenn es zunächst nur eine handvoll Impfdosen pro Praxis geben wird.

Wie viel Impfstoff steht zur Verfügung?

Laut einem Beschluss der Gesundheitsminister der Länder sollen die Impfzentren weiterbetrieben werden. Verfügbarer Impfstoff soll weiterhin zuerst an sie gehen und zwar mit einer Auslastung von 2,25 Millionen Impfungen pro Woche im Monat April.

Die Hersteller stocken ihre Lieferungen momentan zum Teil wöchentlich auf. Von BioNTech/Pfizer sollen beispielsweise in der letzten Märzwoche knapp 1.080.000 Impfdosen kommen, von AstraZeneca knapp 950.000, von Moderna knapp 660.000. Insgesamt stehen dann also 2.690.000 Impfdosen zur Verfügung. Zieht man die Menge für die Impfzentren ab, wären für die niedergelassenen Praxen noch 440.000 übrig. Wenn sich, wie Spahn annimmt, etwa 50.000 Praxen an den Impfungen beteiligen würden, blieben pro Woche im Schnitt 8,8 Impfdosen pro Arztpraxis.

Wie viel Impfstoff im April zur Verfügung steht, lässt sich laut Spahn noch nicht ganz sicher sagen, die Angaben der Hersteller hierzu seien „volatil“. Lediglich die Zusage von BioNTech/Pfizer sei verlässlich, wonach im Monat April mit neun Millionen Impfdosen zu rechnen sei. Lieferungen des Impfstoffes von Johnson & Johnson, der am Donnerstag in der Europäischen Union genehmigt wurde, könnten frühestens Mitte April kommen. Zu einem Zeitpunkt im Mai, Juni, Juli werde es etwa zehn Millionen Impfungen pro Woche in den Praxen geben, so Spahn.

Würde es nicht schneller gehen, sofort die Arztpraxen übernehmen zu lassen?

Tatsächlich steht und fällt alles mit der Menge des verfügbaren Impfstoffs. Ob der nun in Arztpraxen oder Impfzentren oder beidem schneller verimpft werden kann, ist strittig. Der Deutsche Hausärzteverband wünscht sich einen sofortigen Einstieg ins flächendeckende Impfen.

Der Landesvorsitzende des Verbands in Hessen, Armin Beck, ist sich sicher, dass das Impfen dann deutlich schneller ginge. "Wir haben in Hessen etwa 50.000 Patienten jenseits der 80, die immobil sind und daher kein Impfzentrum aufsuchen können. Deren Einladungen für Impfungen liegen derzeit bis in den Juni oder sind noch nicht einmal geplant. Wenn der gesamte Impfstoff jetzt an die Arztpraxen geliefert werden würde, hätten wir sie binnen 14 Tagen geimpft", sagt Beck im Gespräch mit tagesschau.de.

Dass die Hausärzte deutlich schneller arbeiten könnten als die Impfzentren, liege auch an der deutlich geringeren Bürokratie in den Praxen. In den Zentren dagegen seien von der Aufnahme des Patienten bis zur Impfbestätigung unzählige Unterlagen auszufüllen. "Kontrolle der Papiere, Impfaufklärung, Datenschutzerklärung, Einwilligung, bis das alles erledigt ist, ist eine dreiviertel Stunde vergangen", weiß Beck aus eigener Erfahrung. "Bis die Geimpften dann wieder draußen sind, müssen sie, wenn es schlecht läuft, nochmal eine Stunde warten, bis alle Papiere fertig sind."

Ein Großteil der notwendigen Daten liege in der Hausarztpraxis aber bereits vor. Die gesamte Impfdokumentation könne unkompliziert durch die üblichen IT-Systeme tagesaktuell an die Kassenärztliche Vereinigung übermittelt werden. "Zehn Patienten in einer Stunde zu impfen, wäre somit kein Problem", sagt Beck.

Wären die Priorisierungen der Impfungen dann noch einzuhalten?

Dass Gesundheitsminister Spahn hier Probleme sieht, ist für Verbandsvorsitzenden Beck nicht nachvollziehbar. Er sagt, bei Pflegeheimbewohnern sei die zentrale Impforganisation noch sinnvoll gewesen. Jetzt hingegen, bei der zweiten Prioritätengruppe "können wir Hausärzte viel besser priorisieren als ein Impfzentrum, weil wir unsere Patienten kennen".

"Wenn einer meiner Patienten 68 ist und Diabetes mellitus hat und einen Schlaganfall hatte und ein anderer 72-jähriger Golfer topfit ist, dann weiß ich als Hausarzt, wen ich als erstes impfen sollte", sagt Beck. Derzeit würde standardmäßig der 72-Jährige vorgezogen.

Auch der Intensivmediziner Christian Karagiannidis sieht Vorteile, wenn Arztpraxen diese Entscheidungen träfen und fordert mehr Spielraum bei der Impfreihenfolge. "Nichts ist schlimmer, als dass Impfdosen am Ende eines Arbeitstages übrig bleiben oder im Müll landen", sagt der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) der "Rheinischen Post". Dann sei es besser, wenn der Arzt ihm bekannte Patienten anrufe, ob sie spontan zur Impfung kämen.

Bräuchte es die Impfzentren dann überhaupt nicht mehr?

Anke Richter-Scheer, Vorstandsmitglied des Hausärzteverbands Westfalen-Lippe und Impfzentrenleiterin sieht das nicht so. Auch sie wünscht sich, dass die Hausärzte besser gestern als morgen in die Impfungen einbezogen würden und sagt: "Wir kriegen das hin." Allerdings sollten die Impfzentren noch zumindest für die zu impfenden Berufsgruppen aufrecht erhalten werden. Wenn sehr viele Angehörige einer bestimmten Berufsgruppe schnell durchgeimpft werden müssten, sei das allein schon wegen der großen Anzahl an Personen in einem Impfzentrum besser zu leisten als dezentral in den Hausarztpraxen.

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält die derzeitigen Impfungen über Impfzentren noch für sinnvoll. "Hätten wir jetzt schon die niedergelassenen Ärzte eingebunden, hätte das zu Enttäuschungen geführt. Wenn ein Arzt am Tag gerade mal ein paar Leute impfen kann, aber 1000 bei ihm darauf warten, sorgt das nur für Ärger", sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Wie lange werden die Impfungen noch dauern?

Stand jetzt sind mehr als sieben Prozent der Deutschen mindestens einmal geimpft. Zuletzt konnten maximal 270.000 Menschen am Tag geimpft werden. Trotz aller Probleme bei der Impfstoff-Versorgung wäre es aber nach Berechnungen von Wissenschaftlern möglich, bis Ende Juli alle impfwilligen Erwachsenen in Deutschland mit einem vollständigen Impfschutz zu versehen.

Dazu reichten rechnerisch sowohl die in den kommenden Wochen von der Bundesregierung in Aussicht gestellten Impfdosen als auch die Kapazitäten in Impfzentren, Hausarztpraxen und bei Betriebsärzten, erklärt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Wenn die Impfstoffe in dem derzeit vorgesehenen Tempo geliefert und sofort vollständig verabreicht würden, könnten die mutmaßlich knapp 53 Millionen impfwilligen Erwachsenen rechnerisch sogar bis Ende Juni vollständig immunisiert werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. März 2021 um 09:00 Uhr.