Das vermutlich neue Führungsduo der Linkspartei: Susanne Hennig-Wellsow und Janine Wissler | dpa
Porträt

Künftige Linken-Chefinnen Zwei ungleiche Frauen

Stand: 27.02.2021 10:53 Uhr

Die Linkspartei bekommt ihre erste weibliche Doppelspitze. Ostdeutsch und westdeutsch, die eine bekannt durch einen geworfenen Blumenstrauß, die andere mit marxistischer Vergangenheit. Uwe Jahn stellt beide Frauen vor.

Von Uwe Jahn, ARD-Hauptstadtstudio

Das Bild hat Geschichte geschrieben: Susanne Hennig-Wellsow von der Linken in Thüringen, wie sie Thomas Kemmerich, FDP, einen Blumenstrauß vor die Füße wirft, weil er sich mit AfD-Stimmen wählen ließ. Seit dem 5. Februar 2020 ist sie die Frau, die den Blumenstrauß warf. Sie habe nichts dagegen, sagt sie.

Uwe Jahn ARD-Hauptstadtstudio

Geht es um Janine Wissler aus Hessen, denken viele an Karl Marx - schließlich war Wissler mal in einer Linken-Gruppierung namens Marx21. Darauf angesprochen sagt Wissler: "Ich finde, dass Karl Marx' Ideen heute noch aktuell sind, dass es sich lohnt heute noch Marx zu lesen, dass es sich lohnt Dinge weiterzuentwickeln, also von daher stört mich das gar nicht."

Thomas Kemmerich bekommt Blumen vor die Füße geworfen. | dpa

Vor die Füße: Als sich FDP-Mann Kemmerich mit AfD-Stimmen zum Ministerpräsidenten in Thüringen wählen ließ, bekam er Blumen - vor die Füße geworfen von Linkspolitikerin Hennig-Wellsow. Bild: dpa

Regierung oder Opposition

Hennig-Wellsow und Wissler sollen die streitlustige Partei zusammenhalten und vielleicht sogar in eine Regierung führen. Hennig-Wellsow hat das in Thüringen schon einmal durchexerziert. Sie glaubt, ihre Partei sollte nicht darauf warten, dass andere linke Forderungen umsetzen. "Wir müssen es selbst tun", ist Hennig-Wellsow überzeugt. Die Wählerinnen und Wähler, aber auch die Basis erwarteten es von der Partei. Verantwortung übernehmen nennt sie das.

Wissler dagegen ist Oppositionspolitikerin. Die 39-Jährige ist Fraktionschefin der Linkspartei im hessischen Landtag. Bei der Frage nach einer Regierungsbeteiligung im Bund weicht sie vorsichtshalber in den Konjunktiv aus: "Wenn es eine Regierung gäbe, in der man umverteilen könnte durch eine gerechte Steuerpolitik, in der man endlich für soziale Gerechtigkeit sorgen könnte, eine gute Bildungspolitik, sozialökologischen Umbau, dann wäre die Linke natürlich dazu bereit. Es kommt immer auf die Inhalte an."

Anti-Kapitalismus und der Thüringer Weg

Es geht um nicht mehr oder weniger als einen Systemwechsel. Davon ist im Leitantrag für den Parteitag oft die Rede. Und auch Hennig-Wellsow und Wissler reden davon. Geht es bei Wissler darum, den Kapitalismus zu überwinden, redet Hennig-Wellsow gern von einem Thüringer Weg. Sie beschreibt ihn so: "Für uns bedeutet der Thüringer Weg, dass wir am Morgen vor dem Betriebstor bei Siemens stehen und mit den Beschäftigten für den Erhalt des Standortes kämpfen, am frühen Vormittag die AfD blockieren, damit die Nazis nicht durch die Stadt marschieren können, mittags mit dem Koalitionspartner Gesetze verhandeln und sie dann auch schreiben und abends gemeinsam tanzen und Biertrinken gehen."

Knackpunkt: Auslandseinsätze

Wissler ist strikt gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr. Sie argumentiert: "Ein bisschen Krieg gibt es nicht. Die Linke steht für konsequente Friedenspolitik." Das klingt bei Hennig-Wellsow etwas anders. Zwar glaubt auch sie, dass die Bundeswehr prinzipiell nichts im Ausland zu suchen hat. Aber UN-Blauhelm-Einsätze kann sie sich vorstellen. "Wenn es darum geht, nach einem Konflikt den Frieden zu sichern, muss man sich solche Einsätze im Einzelfall anschauen", sagte sie dem Berliner "Tagesspiegel". Das könnte noch Auseinandersetzungen geben - oder positiv formuliert: Da müssen die beiden sich noch zusammenruckeln.

Sympathie und Wertschätzung

Auf den ersten Blick überwiegen die Unterschiede zwischen Hennig-Wellsow und Wissler. Und das nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich: Osten oder Westen, Regierung oder Opposition. Nun scheinen die beiden sich anzunähern. Sympathisch sei Wissler, auch wenn man aus völlig verschiedenen Kulturen stamme und ja auch in verschiedenen Staaten aufgewachsen sei, findet Hennig-Wellsow. "Es ist hochspannend, wie wir zusammenfinden, das wird gerade richtig gut."

Und Wissler sagt über die künftige Co-Vorsitzende an ihrer Seite: "Ich mag Susanne sehr gerne und ich schätze sie auch politisch. Ich finde, dass sie in den letzten Jahren viel geleistet hat und freue mich auf die Zusammenarbeit mit ihr."

Hennig-Wellsow war mal Leistungssportlerin im Osten und hat Pädagogik studiert. Man sagt, sie sei willensstark und gelassen. Wissler hat Politik in Frankfurt am Main studiert - und das Geld dafür als Verkäuferin im Baumarkt verdient. Sie beschreibt sich als geduldig und hartnäckig. Alles Eigenschaften, die sie womöglich noch gebrauchen können: als erste weibliche Doppelspitze in der Geschichte der Linkspartei.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Februar 2021 um 12:00 Uhr.