Tobias Hans | dpa
Analyse

Vor der Saarland-Wahl Hans ohne Glück

Stand: 13.03.2022 12:57 Uhr

In gut zwei Wochen wird im Saarland gewählt. Alle Umfragen deuten auf einen Machtwechsel hin. Auch, weil dem Amtsinhaber Hans im Wahlkampf beachtliche Fehler unterlaufen.

Von Diana Kühner-Mert, SR

Die Haare zerzaust, der Blick so sorgenvoll wie kämpferisch, der Wind bläst ins Mikrofon. Tobias Hans verfällt in seiner Ansprache - ganz untypisch für ihn - in Dialekt, so mitgenommen scheint er zu sein. Es ist ein Selfie-Video, das der Ministerpräsident am Dienstagmorgen via Twitter verbreitet, offenbar eilig aufgenommen vor einer saarländischen Tankstelle.  

Diana Kühner-Mert

Thema: die Spritpreise. "Irre" seien die, und "der Staat" bereichere sich auch noch an steigenden Steuereinnahmen, empört sich CDU-Spitzenkandidat, der gerade in einem Umfragetief steckt. Hinter ihm ist die schwarze Dienst-Limousine zu sehen. Hans fordert eine Spritpreisbremse und begründet das so: "Das trifft jetzt nicht nur Geringverdiener. Das trifft wirklich die vielen fleißigen Leute, die tanken müssen."

Video geht nach hinten los

Der Satz sorgt für Empörung. Viele Kommentatoren sehen darin eine Abwertung von Geringverdienern. Das Video geht viral, und kaum jemand lässt ein gutes Haar daran. Jan Böhmermann erkennt Parallelen zum ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der sich mit Selfie-Videos allerdings aus dem Krieg meldet, nicht von der Tanke. "Peinlich" nennt die FDP-Sicherheitsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann das Video bei "Lanz" und ringt sichtlich um Fassung.    

Es ist nicht das erste Eigentor, das Hans in diesem Wahlkampf schießt. Vor einigen Wochen lud er zur Vorstellung seines "Kompetenzteams". Dass ein amtierender Ministerpräsident im Wahlkampf auf externe Unterstützer setzt, ist an sich schon ungewöhnlich, verfügt er doch über eine Regierungsmannschaft und normalerweise zumindest über einen Amtsbonus. Auch Armin Laschet hatte ein Team präsentiert, als es im Wahlkampf für ihn selbst nicht rund lief, mit bekanntem Ausgang.

Wahlkampf wirkt schlecht organisiert

Im Fall von Hans musste ein Teammitglied noch am Abend der Vorstellung wieder aussteigen. Von seiner Kulturexpertin kursierten Fotos in sozialen Medien - ohne Maske auf einer Corona-Demo, in der Nähe eines Plakates mit der Aufschrift "Pandemie-Lüge". Bei der Team-Zusammenstellung hatte offenbar niemand im Wahlkampfstab genau hingeschaut. Genauso wenig, wie bei Hans' Twitter-Video.

Dass ausgerechnet ihm solch grobe Fehler unterlaufen, verwundert. Seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren hatte er auf mediale Inszenierung gesetzt. Hans hat Profile auf allen großen Social-Media-Plattformen, ist häufig geladener Talkshowgast. Reden gehört zu seinen Talenten. Eigentlich. In diesem Wahlkampf aber ist er noch immer auf der Suche nach dem richtigen Ton und nach dem richtigen Thema.

Ob es um Wirtschaft geht, um Soziales oder schlicht um Sympathiewerte: In allen Feldern schneidet Hans' Herausforderin Anke Rehlinger von der SPD in Umfragen besser ab. Hans selbst erklärt das mit Corona. Er sei derjenige gewesen, der die schlechten Nachrichten überbringen musste. Doch das allein erklärt die rapide gesunkenen Zustimmungswerte nicht. Manche werfen Hans im Corona-Management einen Schlingerkurs vor. Heute so und morgen so.

Das Spiel mit dem Populismus

In den vier Jahren seiner Amtszeit scheint es ihm nicht gelungen zu sein, die Herzen der Saarländer zu erobern. Ein echter "Landesvater" ist er nicht. Twitter, Tiktok, Instagram, das ist gerade vielen älteren Menschen im Saarland  herzlich egal. Beim Versuch, die Stimmung zu drehen, rutscht die CDU zunehmend ins Populistische. Etwa, als der Generalsekretär die schlechten Umfragewerte gegenüber den Parteimitgliedern mit negativer Berichterstattung im Befragungszeitraum erklärt.

Derzeit ist nicht zu erkennen, wie Hans den Rückstand auf Rehlinger aufholen könnte. Sein Wahlkampf wirkt auf viele Beobachter konzeptlos. Es fehlt ein großes Ziel. Und Hans selbst fehlt es auch an Erfahrung als Wahlkämpfer. Sein Amt hat er nicht gewonnen, sondern geerbt, als Annegret Kramp-Karrenbauer 2018 als Generalsekretärin nach Berlin ging. Ein riesiger Vertrauensvorschuss seiner Vorgängerin und seiner Partei. Den er nun zu verspielen droht.

Alles oder nichts

Für den 44-Jährigen geht es in gut zwei Wochen um alles oder nichts. Einen Beruf außerhalb der Politik hat er nicht gelernt. Verliert er nach mehr als 20 Jahren CDU-Herrschaft die Staatskanzlei, wäre das zumindest das vorläufige Ende einer auffallend steilen Karriere. Schafft er doch noch den Sieg, stünden ihm viele Türen offen, auch in Berlin. Derzeit allerdings deutet wenig darauf hin.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 24. Januar 2022 um 13:45 Uhr.