Robert Habeck | dpa
Porträt

Grünen-Politiker Habeck Der Pragmatiker wird die Nummer 2

Stand: 19.04.2021 13:01 Uhr

Robert Habeck steht für eine neue Generation der Grünen-Politiker. Pragmatisch und machtbewusst. Doch nicht immer liegt er richtig. Nun zieht er als Nummer 2 für die Grünen in den Wahlkampf.

Von Björn Dake, ARD-Hauptstadtstudio

Fahrradwege. Deshalb ist Robert Habeck in der Politik. Eigentlich ging es ihm nur darum, dass seine Söhne sicher in Schleswig-Holstein unterwegs sind. Habeck ging 2002 zu den Grünen. Und weil gerade niemand anderes wollte, wurde er prompt Kreisvorsitzender. So stellt Habeck das dar. 

Björn Dake ARD-Hauptstadtstudio

Zwei Jahre später ist Habeck Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein, 2009 übernimmt er den Fraktionsvorsitz im Kieler Landtag. Habeck wird Agrar- und Umweltminister sowie Vize-Ministerpräsident einer Jamaika-Koalition. Seit 2018 ist der 51-Jährige zusammen mit Annalena Baerbock Bundesvorsitzender der Grünen. Mit ihr als Nummer 1 wollen die Grünen in den Bundestagswahlkampf ziehen. Habeck reiht sich dahinter ein.

Angstfrei an die Spitze

"Ich bin frei von Angst", sagt Habeck in einem Interview. "Ich hatte ein Leben vor der Politik, und ich weiß darum, dass es auch ein Leben nach der Politik geben kann. Das gibt mir eine innere Freiheit."

Das Leben vor der Politik: Apothekersohn aus Lübeck. Studium in Freiburg, Roskilde und Hamburg. Doktor der Philosophie. Schriftsteller. Zusammen mit seiner Frau Andrea Paluch schreibt er Romane ("Unter dem Gully liegt das Meer", "Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf").

Neuer Pragmatismus, neue Generation

In der Politik tritt Habeck unideologisch auf. Mit der grün-typischen Einteilung "Realos" und "Fundis" kann er nichts anfangen. "Diese Flügellogik ist so Achtziger!"

Habeck steht für eine neue Generation der Grünen. Er unterscheidet sich dabei vom Spitzenpersonal der rot-grünen Regierung zwischen 1998 und 2005 wie Jürgen Trittin, Renate Künast oder Claudia Roth. Auch im Stil.

Habeck postet Fotos auf Instagram: Auge in Auge mit Pferden. Habeck wirkt sensibel, manchmal melancholisch, fehlbar. "Man kann als Politiker auch mal sagen: Ich weiß hier nicht weiter."

Habeck muss das mehrfach sagen. Er zeigt öffentlich Wissenslücken und blamiert sich. Zum Beispiel im Herbst 2019 weiß er in einem Interview nicht, wie die Pendlerpauschale genau funktioniert. Von Twitter und Facebook verabschiedet er sich nach einem missglückten Wahlaufruf.

Habeck hat die Grünen geöffnet

Habeck ist ein Menschenfänger. Er geht auch auf Menschen zu, die nicht sofort im Verdacht stehen, grün zu wählen - Fischer, Landwirte, Industriebosse und Soldaten zum Beispiel. Er hat die Grünen geöffnet. 

Nörgelei will er Optimismus entgegensetzen. Das Image der Verbotspartei versucht er abzustreifen. "Auch die, die nicht in den Biomarkt gehen und weiter Currywurst essen wollen, müssen sich anerkannt fühlen."

"Vaterlandsliebe fand ich zum Kotzen"

Begriffe wie "Heimat" oder "Patriotismus" will er nicht den Konservativen überlassen. In seinem Buch "Patriotismus. Ein linkes Plädoyer" schreibt er 2010: "Patriotismus, Vaterlandsliebe also, fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht." 

Habeck wirbt stattdessen für einen Verfassungspatriotismus, für das Gemeinwohl. In einem Interview philosophiert er: "Heimat ist das Gegenteil von Hotel: Dort ist man nicht zu Hause, trägt keine Verantwortung."

Vitaminspritze statt Mittelmaß

Das Wort "Verantwortung" fällt bei den Grünen häufig - vor allem in der Corona-Politik. Statt mit der Krisenpolitik der Bundesregierung abzurechnen, kritisieren die Grünen nur einzelne Elemente. Vom Grünen-Spitzenpersonal heißt es dazu: Jetzt sei nicht die Zeit für parteipolitische Profilierung.

Im Wahlkampf will der Grünen-Chef das Land aufwecken. Bei der Vorstellung des Programmentwurfs vor einem Monat sagt Habeck: "Deutschland wirkt saturiert, müde, wandlungsunlustig, ja mittelmäßig. Wir legen mit diesem Bundestagswahlprogramm Vitamine vor. Eine Vitaminspritze für dieses Land."

Habeck will kein Junior-Partner sein

Habeck lässt keinen Zweifel: Er will regieren. Nicht nur als Junior-Partner in einer Koalition. Beim Grünen-Parteitag im vergangenen November formulierte er den klaren Machtanspruch: "Erstmals kämpft eine dritte Partei ernsthaft um die Führung dieses Landes."

Auf das Werben zum Beispiel von CSU-Chef Markus Söder ("Schwarz-Grün hätte einen großen Reiz"), reagiert Habeck nüchtern. Ein Bündnis mit CDU und CSU nennt Habeck "eine von mehreren rechnerischen Optionen". Auch hier zeigt sich Habecks Pragmatismus.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 19. April 2021 um 05:12 Uhr.