Robert Habeck | dpa

Energiesparkampagne vorgestellt Energiesparen - aber niemanden verprellen

Stand: 10.06.2022 15:36 Uhr

Damit Deutschland nicht das Gas ausgeht, rufen Bundesregierung, Wirtschaft und Verbände zum Energiesparen auf. Den Eindruck des erhobenen Zeigefingers versucht Minister Habeck dabei zu vermeiden - ein kompliziertes Unterfangen.

Von Daniel Pokraka, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist kein Zufall, dass Robert Habeck auf der Bühne nur einer von vielen ist. Soll bloß nicht der Eindruck entstehen, der Wirtschaftsminister alleine predige Einsparung und Verzicht. Die Grünen sind da gebrannte Kinder. Der Vorschlag, in Kantinen einen "Veggie-Day" einzuführen, gilt als legendäres Negativbeispiel politischer Kommunikation. Im Bundestagswahlkampf 2013 kostete der Vorschlag zahlreiche Wählerstimmen.

Daniel Pokraka ARD-Hauptstadtstudio

Die Lösung dieses Dilemmas - den Energieverbrauch senken wegen des Ukraine-Kriegs einerseits, die Bevölkerung nicht gegen sich aufbringen andererseits - scheint für Habeck in drei Schritten zu liegen. Erstens holt er für seine Energiesparkampagne Arbeitgeber, Gewerkschaften, Verbraucherzentrale und Energiewirtschaft ins Boot.

Habecks Beamte müssen schwitzen

Zweitens geht er mit gutem Beispiel voran. In Habecks Wirtschaftsministerium springen Klimaanlagen künftig erst bei 26 Grad an, die Heizung bleibt bis einschließlich August aus, und die Gebäude des Ministeriums werden nachts nicht mehr angestrahlt.

Drittens besteht Habecks Kampagne nicht aus Vorschriften oder Fördergelder-Kürzungen, sondern aus Appellen und Überzeugungsversuchen. Als er nach konkreten Energiespartipps gefragt wird, lässt er lieber Verbandsvertreter antworten, die mit ihm auf der Bühne stehen: weniger und langsamer Autofahren, im Winter weniger heizen - diese Ratschläge kommen nicht aus Habecks Mund.

Plakate und Anzeigen mit Energiespartipps

Die Energiesparkampagne soll in nächster Zeit dort zu sehen sein, wo sich viele Menschen aufhalten: auf digitalen Bildschirmen in den Städten, auf großen Internetseiten, in sozialen Netzwerken. Auf einem der Plakate werden Verbraucher zum Kauf eines wassersparenden Duschkopfes animiert, ein anderes wirbt für Solarpaneele auf Dächern. Erreichen will Habeck damit einen bewussteren Umgang mit Energie. Unbedingt vermeiden will er den Eindruck, er und die anderen Autoren der Energiesparkampagne hätten "die Weisheit mit Löffeln gefressen" und kämen jetzt mit erhobenem Zeigefinger auf die Leute zu.

Die ersten Plakate sind nur der Beginn der Kampagne; laufen soll sie über Jahre. Denn auch wenn Verbraucher durch Verzicht auf Vollbäder und durch kürzeres Duschen auch im Sommer zu einem sparsamen Gasverbrauch beitragen können (sofern Gas ihr Wasser heizt): Wirklich groß ist das Gassparpotenzial, auf das es ja ankommt, ab dem Herbst, wenn die Menschen die Heizungen wieder andrehen.

Gas sparen, Speicher füllen

Bis dahin, Stichtag 1. November, sollen die deutschen Gasspeicher zu 90 Prozent gefüllt sein. So hofft Habeck notfalls auch dann durch den Winter zu kommen, falls der russische Präsident Wladimir Putin plötzlich den Gashahn zudrehen sollte. Aktuell sind die Speicher zu über 52 Prozent gefüllt, was für Anfang Juni nicht wenig ist im Vergleich mit anderen Jahren. Perspektivisch steigt der Füllstand, aber dass das bis November so weiter geht, kann natürlich niemand garantieren. Dass Energiesparen wichtig ist, bestreitet vor diesem Hintergrund wohl kaum jemand.

Kritik gibt es deshalb nicht am Ziel, wohl aber am Inhalt von Habecks Kampagne. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) spricht von einem "Tropfen auf den heißen Stein". Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz sagte dem ARD-Hauptstadtstudio: "Beim Verbraucherverhalten ergeben sich selbst im optimalen Fall nur wenige Prozent Einsparung."

Umwelthilfe fordert Förderstopp für Gasheizungen

Es gehe also weniger darum, die Bevölkerung zu Verhaltensänderungen zu animieren, als konkrete politische Entscheidungen zu fällen. "Wir müssen sofort schädliche Förderungen beenden - aktuell werden Gasheizungen unter bestimmten Bedingungen immer noch bezuschusst! Das ist Wahnsinn", sagt Metz. "Wir brauchen stattdessen etwa ein sofortiges Einbauverbot für Gasheizungen im Neubau und ab 2024 im Bestand."

Habeck, der heute keine neuen Gesetze oder Verordnungen vorgestellt hat, will seine Kampagne allerdings ausdrücklich nicht als Ersatz für Regierungshandeln verstanden wissen. Klimaschutzpolitik dürfe man nicht privatisieren, sagt er - ein Satz, den man von ihm schon öfter gehört hat. Andererseits antwortete der Minister auf die Frage, wer denn mit der Kampagne vor allem gemeint sei - Verbraucher, kleinere Unternehmen oder größere? "Die Antwort kann ja nur sein: alle. Und jede und jeder an ihrem Platz."

Über dieses Thema berichtete BR24 am 10. Juni 2022 um 15:00 Uhr.