Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, und Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen unterhalten sich zu Beginn der Präsidiumssitzung ihrer Partei. | dpa
Analyse

Kanzlerkandidatur der Grünen Die Baerbock-Habeck-Frage

Stand: 05.04.2021 11:28 Uhr

Erstmals gehen die Grünen mit eigener Kanzlerkandidatur in den Wahlkampf. Nach Ostern soll die Entscheidung fallen. Sie oder er? Baerbock und Habeck machen das untereinander aus.  

Von Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Der Tag, der vieles verändern wird, rückt näher. Zwischen Ostern und Pfingsten wollen Annalena Baerbock und Robert Habeck bekannt geben, wer denn nun die grüne Kanzlerkandidatur übernimmt. Dann wird die eine Hälfte des Spitzen-Duos auf der Bühne in den Mittelpunkt rücken. Die andere Hälfte muss nicht ab-, aber doch ein deutliches Stück zur Seite treten.

Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

Fischers Zeiten sind vorbei

Wer wird es? Fragen danach lassen Baerbock und Habeck seit Monaten ins Leere laufen. Es gehe nicht um Personen, sondern um eine sozial-ökologische Marktwirtschaft und "klimagerechten Wohlstand" für Deutschland. Die größte Industrienation Europas - geführt von Grünen? "Man muss es mal aussprechen: Wir reden hier über einen Moment, den Lauf der Geschichte zu verändern", sagte Habeck kürzlich dem "Spiegel". Eine grüne Regierungsbeteiligung ist sehr wahrscheinlich, der Einzug ins Kanzleramt zumindest denkbar.

Die Grünen sind in vielfacher Hinsicht in einer außergewöhnlichen Situation: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wollen sie eine Kanzlerkandidatin oder einen Kanzlerkandidaten ausrufen. Und es sind die beiden Vorsitzenden, die diese weitreichende Machtfrage miteinander treffen. In früheren Zeiten hätte eine solche Entscheidung im "Hinterzimmer" in der streitlustigen und basisdemokratisch geprägten Partei wohl mehr Diskussionen ausgelöst.

Nicht so jetzt: Baerbock und Habeck haben die Grünen in einen Zustand nie gekannter Geschlossenheit geführt. Die Partei hätte noch nie eine so "integrativ arbeitende" Führung gehabt, sagt Sven Lehmann, der dem linken Flügel angehört: "Nach den früheren Schlachten ist es wohltuend, jetzt vor allem in die Gesellschaft wirken zu können, statt interne Flügelkämpfe zu führen." Der sozialpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion kann sich noch gut an andere Zeiten erinnern. Als junger Delegierter habe er erlebt, wie Joschka Fischer beim Parteitag seine Leute durch die Reihen schickte. Die Botschaft: Entweder man folge Fischers Kurs oder der trete als Außenminister zurück.

"Dem Konsens geschuldet"

Und jetzt? Beim Parteitag zum Grundsatzprogramm im vergangenen Jahr diskutierten die Grünen, was nach Hartz IV kommen solle. Lehmann brachte einen Antrag ein, der weitgehender war als die Position des Bundesvorstands. Baerbock persönlich hielt die Gegenrede, der Vorstand erlitt dennoch eine Abstimmungsniederlage. "Es gab weder vorher noch nachher Drohungen oder Nachtreten", sagt Lehmann anerkennend.

Und so wirkt es, als vertrauten die Grünen darauf, dass die beiden Vorsitzenden schon die richtige Entscheidung treffen. Hört man sich in der Partei um, sind durchaus Präferenzen zu erkennen. Öffentliche Bekenntnisse bleiben in der entscheidenden Phase jedoch aus. Ansgar Graw, Autor des Buches "Die Grünen an der Macht", nennt die Disziplin in den Gremien und in der Bundestagsfraktion "beeindruckend groß" und fühlt sich "mitunter an das Schweigegelübde der Kartäuser-Mönche" erinnert. Im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio sagt er: "Das ist dem Konsens geschuldet, dass man unbedingt regieren will und im Vorfeld als Partei wahrgenommen werden möchte, der es nicht um Personen geht, sondern um Prinzipien."

Baerbock hat aufgeholt

Die Argumente, die angeblich für oder gegen Baerbock sowie Habeck sprechen, sind zur Genüge niedergeschrieben worden. Wer ist trittfest in sachlichen Details? Wie wichtig ist Regierungserfahrung? Welche Rolle muss beziehungsweise darf die Geschlechter-Frage spielen? Wer verspricht die höheren Prozentbalken am Wahlabend?

Unbestritten ist: Baerbock hat gegenüber Habeck mit aller Macht aufgeholt. Im aktuellen ARD-DeutschlandTrend liegt er nur leicht vor ihr. In der grünen Anhängerschaft liegen sie praktisch gleichauf. Als die beiden Anfang 2018 zum ersten Mal an die Parteispitze gewählt wurden, war das Wahrnehmungsgefälle zugunsten Habecks noch sehr viel größer.

In der K-Frage der Union sind zwischen Armin Laschet und Markus Söder längst auch öffentlich wechselseitige Sticheleien zu hören. Die grüne Doppelspitze hält sich davon fern. Die Präsentation des Wahlprogramms oder Talkshow-Auftritte - alles gerecht aufgeteilt. "Ich glaube, keinem von uns fällt es schwer zu sagen: Du bist der oder die Richtige", sagte Baerbock im "Spiegel": "Aber natürlich ist es am Ende ein kleiner Stich ins Herz." Zwei ehrgeizige Vorsitzende. Eine Kanzlerkandidatur. Die Entscheidung in der Baerbock-Habeck-Frage steht bevor.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. März 2021 um 12:15 Uhr.