Robert Habeck und Annalena Baerbock
Analyse

Baerbock oder Habeck Auf dem Weg ins grüne Kanzleramt?

Stand: 18.04.2021 04:09 Uhr

Laschet oder Söder - die Grünen wollen es nehmen, wie es kommt. Ohnehin gelten sie als Hauptgegner der Union. Am Montag wollen sie nun bekannt geben, wer gegen die Union ums Kanzleramt kämpft.

Von Kristin Joachim und Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Für Annalena Baerbock und Robert Habeck beginnt spätestens am Montag um 11.30 Uhr eine neue Zeitrechnung. Die Kanzlerkandidatin oder der Kanzlerkandidat tritt dann für lange Zeit in sehr viel helleres Licht. Die Pressekonferenz zur grünen Kanzlerkandidatur bestreitet allein die Person, die den Wahlkampf anführen soll. Die Entscheidung werden beide vorher um 11 Uhr noch gemeinsam präsentieren. Sie oder er - kein Fragezeichen mehr.

Kristin Joachim ARD-Hauptstadtstudio
Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

In die "Malzfabrik" in Berlin-Tempelhof haben die Grünen eingeladen, nach eigener Beschreibung eine "pulsierende Insel in einem großstädtischen Gewerbegebiet, die zu unkonventionellem Denken einlädt". Dort soll die Krönungsmesse steigen, auch wenn die Partei das selbst wohl nie so nennen würde.

Die Truppe zeigt Geschlossenheit

Ohne Zweifel haben die Grünen mit ihren Vorsitzenden Baerbock und Habeck eine erfolgreiche Wegstrecke hinter sich. Die aktuellen Umfragewerte machen seit Monaten stabil eine Regierungsbeteiligung sehr wahrscheinlich, eine Kanzlerschaft zumindest denkbar. Die einst rauflustige Truppe, bei der Basisdemokratie und Flügelkämpfe lange zur DNA gehörten, zeigt Geschlossenheit und den festen Willen, mit Macht das Land zu gestalten.

Das Vertrauen in das Spitzen-Duo geht soweit, dass Baerbock und Habeck die K-Frage miteinander klären konnten. Ohne Murren. Ulrich Schulte, Autor des Buchs "Die Grüne Macht" spricht von einer "irren Situation": "Ausgerechnet diese Partei kungelt den wichtigsten Job, den es zu vergeben gibt, unter zwei Personen aus."

"Todeszone" Kanzleramt

Für die Grünen wird der Montag ohne Zweifel auch ein historischer Tag. Zum ersten Mal benennen sie eine Person, die in die "Todeszone der Politik" eintreten soll, wie der einstige informelle Chef der Grünen Joschka Fischer das Kanzleramt mal bezeichnet hat. Dort werde der Sauerstoff knapp und die Luft extrem dünn. Inhaltliche Fehler, Patzer, schlechte Reden? Der Kandidat oder die Kandidatin wird unter noch schärfere Beobachtung kommen und unmittelbar mit der Konkurrenz verglichen.

Wer kann in dieser "Todeszone" besser bestehen? Für beide hat die Parteispitze bereits passgenaue Kampagnen auf den Weg gebracht. Nur eine wird jetzt ans Licht der Öffentlichkeit kommen. Inhaltlich sind bisher keine größeren Unterschiede erkennbar, Kompass ist der Vorschlag für das Wahlprogramm.

Angebot an bürgerliche Wählerinnen

Eine Kanzlerkandidatin Baerbock wäre vor allem mit Blick auf ihre fehlende Regierungserfahrung angreifbar. Bisher hat die 40-Jährige den Landesverband Brandenburg der Grünen aufgebaut, ist Bundestagsabgeordnete und eben Grünen-Chefin. Eine Kanzlerkandidatin, die zuvor aber nicht Ministerpräsidentin, Bundes- oder zumindest Landesministerin war, hat es bisher nicht gegeben. Das haben ihr Olaf Scholz, Armin Laschet und Markus Söder voraus.

Hier wird Baerbock im Wahlkampf eine Erzählung brauchen, die den vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil umkehrt. Aus Grünen-Kreisen heißt es bereits, der Wähler wolle ja kein Weiter so, wolle einen frischen, unverbrauchten Blick auf Politik und neue Wege gehen.

Baerbock würde im Rennen um die Kanzlerschaft aus dem sonst männlichen Bewerberfeld herausstechen. Es bietet sich die Chance, vor allem Wählerinnen aus dem bürgerlichen Milieu zu überzeugen, die noch zwischen Union und Grünen schwanken. Auf der anderen Seite könnte die Frauenkarte von ihren Konkurrenten gegen sie gespielt werden: Baerbock sei Kanzlerkandidatin geworden, weil bei den Grünen traditionell die Frauen das erste Zugriffsrecht haben. Baerbock selbst hat sehr deutlich gemacht, dass das Geschlecht nur ein Kriterium sei.

Habeck hat Wahlen gewonnen

Habeck hat sechs Jahre Regierungserfahrung als Minister und Vize-Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. Er hat Wahlen gewonnen, Koalitionsverhandlungen erfolgreich geführt und weiß, wie man den Apparat eines Ministeriums dazu bekommt, für und nicht gegen einen zu arbeiten. Im Wahlkampf um das Kanzleramt ist er für seine Gegner trotzdem wesentlich leichter anzugreifen als Baerbock.

Unzählige Satire-Videos über Habeck, nehmen seine teils philosophische, teils abschweifende Art zu reden aufs Korn, auch Ungenauigkeiten und mutmaßliche Lücken bei Fachwissen oder seinen Hang zur Selbstdarstellung. Sollten die Grünen also mit Habeck ins Rennen gehen, müsste sich dieser ein dickes Fell zulegen und seine Impulse besser kontrollieren. Mit Angriffen auf seine Kompetenz dürfte zu rechnen sein.

Verzicht auf Straßenwahlkampf?

Habeck hätte aber auch das Potenzial, den Wahlkampf mit einer echten großen grünen Erzählung zu gestalten, die Wähler und Wählerinnen mobilisieren kann. Das ist seine Stärke. Er wird von vielen im Berliner Politik-Zirkus noch immer als wohltuend anders wahrgenommen, als authentisch, als jemand, der auch mal keine Antwort auf eine Frage hat oder erst einmal nachdenken muss.

Das kann Vorteil sein, aber auch Angriffsfläche. Sollte die Corona-Pandemie das Land weiter fest im Griff haben, müsste auf Habeck womöglich auf Straßenwahlkampf verzichten. Ihm wird die Fähigkeit zugeschrieben, auch Menschen jenseits der typischen grünen Wahlklientel anzusprechen.

Grüne als Hauptgegner der Union

Wie wird der anstehende Wahlkampf aussehen? Noch liegt vieles im Ungewissen. Es ist gut möglich, dass aus dem Duell diesmal ein Dreikampf wird - mit ernsthaften Kanzlerkandidaturen von drei Parteien. Bei der SPD hatte zuletzt unter anderem die Parteivorsitzende Saskia Esken versucht, die Grünen in eine "progressive Allianz" einzugemeinden. Die Union dagegen hat die Grünen längst als Hauptgegner ausgerufen.

Markus Söder gibt sich seit Längerem als Freund von Bäumen und Bienen und hat eine "Ergrünung" ("Süddeutsche Zeitung") hinter sich. Armin Laschet will Klimaschutz und Industriepolitik in Einklang bringen. Er, der in frühen Bundestagsjahren Teil der schwarz-grünen Pizza-Connection war, betont zurzeit jedoch seine Präferenz für die FDP.

Laschet oder Söder? Vor wenigen Tagen hatte Habeck die K-Frage der Anderen noch so kommentiert: "Sie wissen, dass wir es nehmen, wie es kommt." Am Montag lüften die Grünen erstmal das Geheimnis um ihre eigene Führungsentscheidung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. April 2021 um 07:05 Uhr.