Greta Thunberg (Archivbild: September 2020) | AFP

Ruf nach schärferen Gesetzen Offensive gegen Frauenhass im Netz

Stand: 10.05.2021 16:33 Uhr

Greta Thunberg, Renate Künast, Annalena Baerbock - immer öfter sehen sich Frauen Hass-Attacken im Netz ausgesetzt. Nicht immer setzen sich die Betroffenen zur Wehr. Die Frauen Union will das nicht länger hinnehmen.

Von Michael Stempfle, ARD-Hauptstadtstudio

Greta Thunberg trifft es besonders hart. Spätestens seit ihrer Rede beim UN-Klimagipfel im September 2019 wird die Initiatorin der "Fridays For Future"-Bewegung im Netz geradezu mit Hass überschüttet. Auch wenn sich die Schwedin in New York sehr emotional zeigte und Politikerinnen und Politikern in ihrer "How dare you"-Rede schwere Vorwürfe machte, so stehen die Reaktionen in keinem Verhältnis dazu. Sie reichen von Beleidigungen bis zu Vergewaltigungs- und Morddrohungen.

Michael Stempfle ARD-Hauptstadtstudio

Die Aggression im Netz bekommen derzeit viele erfolgreiche Frauen zu spüren, die in der Öffentlichkeit stehen. Dass es sich nicht nur um Beleidigungen, sondern um regelrechte Fake-News-Kampagnen handelt, zeigt der Fall von Annalena Baerbock. Die Unterstellungen im Netz: Die Kanzlerkandidatin der Grünen wolle Islam als Pflichtfach einführen oder fordere ein Haustierverbot.

Renate Künast zog vor ein paar Jahren vor Gericht, als sie im Netz beleidigt wurde. "Stück Scheiße", "Drecks Fotze" oder Geisteskranke" seien durch die Meinungsfreiheit gedeckt, lautete ein Gerichtsurteil, das erst in höheren Instanzen teilweise aufgehoben wurde.

Frauenhass sei häufig festzustellen, wenn festgelegte Genderrollen gebrochen würden, erklärt Ann-Kathrin Rothermel von der Uni Potsdam. So habe gerade Greta Thunberg durch ihr öffentliches Auftreten und ihre Führungsrolle bei Fragen des Klimawandels mit den Erwartungen gebrochen, die die Gesellschaft an eine Frau in ihrem Alter habe. Dadurch sei sie zur "Zielscheibe für Anfeindungen" geworden, so die Politikwissenschaftlerin mit dem Forschungsschwerpunkt Gender und politische Gewalt.

Kein neues Phänomen

Das sei kein neues Phänomen, so Rothermel weiter. Sie verweist etwa auf das Frauen-Wahlrecht. Auf eine gesellschaftliche Errungenschaft für Frauen folge häufig ein sogenannter Backlash, also eine ablehnende Reaktion aus der Gesellschaft.

Diese Backlash-Dynamik gehe in Teilen der Gesellschaft auch mit Gewalt einher. Viele Betroffene setzen sich gegen solche Beleidigungen nicht zur Wehr und zeigen nicht so eine Ausdauer wie Grünen-Politikerin Künast. Die Folge: Die Angreifer im Netz wähnen sich im Recht.

Initiative der Frauen Union

Nun will die Frauen Union, eine Vereinigung von Politikerinnen von CDU und CSU um Annette Widmann-Mauz, auf das Phänomen Frauenhass aufmerksam machen. Die "Anfeindungen und Übergriffe auf Frauen" hätten schließlich "auch eine politische Dimension: Frauen sollen mundtot gemacht und ihr Einfluss zurückgedrängt werden", heißt es in einem Beschlusspapier, das dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt.

Ein Vorschlag von Eva Kühne-Hörmann, CDU-Justizministerin aus Hessen: Es sei zu prüfen, ob im Fall von Hass und Hetze im Netz gegenüber Frauen "ein Einschreiten der Strafverfolgungsbehörden auch ohne Strafantrag möglich sein soll". Denn bislang müssen Betroffene einen Strafantrag stellen, um zu erreichen, dass Strafbehörden ermitteln. Die Hoffnung: Wer im Netz auf Hetze gegenüber Frauen aufmerksam wird, kann Ermittlungen auslösen.

Gesetze nicht ausreichend

Nach Ansicht der Frauen Union reichen die gesetzlichen Regelungen, wie etwa das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, nicht aus. So stünde vor allem öffentlich geäußerter Hass im Fokus, nicht aber, wenn sich der Hass gegen Frauen in großen Gruppenchats hochschaukelt. Außerdem könnten Täter, die sich anonym im Netz bewegten, häufig nicht ermittelt werden.

Daher hofft die Frauen Union, dass die umstrittene, derzeit ausgesetzte Vorratsdatenspeicherung wieder eingeführt wird.

Rechtsextreme und frauenfeindliche Ideologien

Häufig kommen Anfeindungen auch von Menschen, die dem rechtsextremistischen Spektrum nahestehen. "Wir wissen, dass Rechtsextremismus und Frauenfeindlichkeit miteinander verwoben sind", so Politikwissenschaftlerin Rothermel. "Gerade ideologisch motivierte frauenfeindliche Gewalt geht häufig mit rechtsradikalen Einstellungen einher." Sie forscht dazu, wie sich besonders extreme frauenfeindliche Netzwerke online finden, radikalisieren und organisieren.

Organisierte frauenfeindliche Netzwerke seien jedoch nur ein besonders extremer Auswuchs, so Rothermel. Frauenhass sei kein ausschließliches Problem radikalisierter Einzelner, sondern sei tief in der Gesellschaft verankert.

Glaube an "natürliche Hierarchie"

Die Verbindung von rechtsextremen und frauenfeindlichen Ideologien liege vor allem in deren Bezug auf eine vermeintliche natürliche Hierarchie begründet, ergänzt Greta Jasser von der Uni Hildesheim. "Beide Ideologien teilen einen Kernglauben an natürliche Hierarchien und eine sich daraus ergebende Überlegenheit."

Viele westliche rechtsextreme und frauenfeindliche Ideologien fänden Anknüpfungspunkte in der Überzeugung, die heutige Gesellschaft sei zum Nachteil weißer Männer gestaltet. "Dies findet oft Ausdruck im Antifeminismus, der weit über rechtsextreme Spektren hinaus verbreitet ist", so Jasser. Ein gemeinsames Narrativ von weißen Männern, denen ihr "rechtmäßiger Platz" in der Gesellschaft genommen werde, fungiere als Identitäts- und Rekrutierungsstrategie.

Über dieses Thema berichtete das Kulturjournal im NDR Fernsehen am 01. März 2021 um 22:45 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
Silverfuxx 11.05.2021 • 00:12 Uhr

21:46 von styxxx

Ziemlich volle Zustimmung. Ich bin denen auch auf den Leim gegangen, was mich auch durchaus ärgert und überrascht. Eigentlich halte ich mich nämlich für 'medienkompetent'. Und dass es von der Frauen Union kam, hat mich auch direkt stutzig gemacht, aber zu unkonzentriert gewesen... Vorratsdatenspeicherung unter diesem (oder irgendeinem) Vorwand durchbringen zu wollen geht jedenfalls gar nicht ! Wenigstens wird hier diesmal aber nicht mit eindeutigen Lügen gearbeitet, sondern einem Thema, das wirklich ein Problem ist. Aber klar, auch dafür können VDS nicht noch weiter ausgebaut oder dem Staat noch mehr ihm nicht zustehende Kompetenzen eingeräumt werden.