Emblem der deutschen Flagge auf Soldaten-Uniform | dpa

Prozessbeginn gegen Ex-Soldaten Das Doppelleben des Franco A.

Stand: 20.05.2021 03:28 Uhr

Der deutsche Soldat Franco A. gab sich als syrischer Flüchtling aus. Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt, dass er Anschläge plante. Doch in dem heute beginnenden Prozess geht es um mehr.

Von Sebastian Kisters, HR

Als in Franco A. der Entschluss gereift ist, dass er sein Land verteidigen muss, greift er zu Schuhcreme und färbt seinen rötlich schimmernden Bart schwarz. Dann pudert er sich das Gesicht mit Schminke seiner Mutter. Er zieht noch "ranzige Sachen" an und zieht los. In Offenbach lässt er sich als Flüchtling registrieren.

Sebastian Kisters

Den Behörden erzählt Franco A., er sei syrischer Flüchtling. Christ, mit jüdisch klingendem Namen, deshalb werde er verfolgt. Aus Franco A. wird "David Benjamin". Niemand zweifelt an dieser Geschichte.

Anschläge geplant?

Er wollte aufklären, was 2015 in Deutschland schief lief, sagt Franco A. heute. Er hat Anschläge geplant, sagt die Bundesanwaltschaft. "Mit ihm geht Deutschland vors Gericht", schreibt die "New York Times". Wenn heute der Prozess gegen Franco A. beginnt, gehe es schließlich auch um Behördenversagen und die "Selbstgefälligkeit im Kampf gegen Rechtsextremismus".

Ausbilder schlagen Alarm

Die Geschichte des Franco A. ist dokumentiert: Nach dem Abitur entscheidet sich der Mann, Soldat zu werden. Er schafft es auf die traditionsreiche Militär-Akademie Saint-Cyr in Frankreich. In seiner Masterarbeit beschäftigt sich A. mit dem Untergang von Zivilisationen durch Einwanderung. Seine These: Nationen, die Migration erlauben, begingen Völkermord.

Französische Ausbilder schlagen bei deutschen Vorgesetzten Alarm. Die beauftragen einen Historiker, die Arbeit zu prüfen. Das Ergebnis: Die Arbeit sei eine Art rassistischer Appell. Franco A. wird gerügt und soll eine neue Arbeit vorlegen. Es ist der Beginn einer Debatte über Rechtsextremismus in der Armee, in deren Verlauf die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen der Bundeswehr ein "Haltungsproblem" vorwirft.

Ermittlern zufolge nimmt Franco A. in dieser Zeit Kontakt zu anderen Soldaten, Polizisten und Waffenhändlern auf, die sich auf einen Zusammenbruch des Staates vorbereiten. Es ist das Jahr 2014. Islamistischer Terror bestimmt die Schlagzeilen, Russland besetzt die Krim, Flüchtlinge machen sich auf den Weg nach Europa.

Liste mit Anschlagsopfern?

"2015 ist mein Misstrauen in politische Entscheidungen und Behördenhandeln so groß geworden, dass es zu einer Konfliktsituation geführt hat mit dem Eid, den ich geschworen habe. Und das hat mich dazu veranlasst, das Asylverfahren zu durchlaufen, um mir ein eigenes Bild zu machen", sagt Franco A. heute. Wer sich mit ihm unterhält, erfährt, was ihn in den vergangenen Jahren möglicherweise bewegt hat. Aber zitieren darf man nur diesen einen Satz.

Und viele Fragen möchte er auch nicht beantworten. Zum Beispiel, was ab dem Sommer 2016 passierte: Ermittler werfen ihm vor, er habe eine Liste mit möglichen Anschlagsopfern angefertigt und in Berlin ausgekundschaftet, wo Anschläge möglich seien.

Festnahme in Wien

Fest steht: Im Februar 2017 wird Franco A. in Wien festgenommen. Er will Tage zuvor eine geladene Waffe im Gebüsch gefunden haben. Die Polizei findet später Munition und Sprengkörper, die er der Bundeswehr gestohlen haben soll. Außerdem soll es Notizen mit Namen geben, die Franco A. möglicherweise für eine aus seiner Sicht verfehlte Asylpolitik verantwortlich macht.

Sicherheitsbehörden informieren Politikerinnen über eine "abstrakte Gefahr". Beispielsweise die heutige Fraktionsvorsitzende der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus, Anne Helm, oder die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth von den Grünen. "Ich wurde kurz nach Bekanntwerden des Falls vom Bundeskriminalamt darüber informiert, dass mein Name auf der sogenannten Feindesliste im Taschenkalender des Bundeswehroffiziers Franco A. auftaucht. Dass der Täter aus der Bundeswehr kommt und auch im parlamentarischen Raum ein gewisses Unterstützerumfeld hat, bedeutete für mich eine neue Bedrohungsqualität, die ich sehr ernst nehme", sagt Claudia Roth.

Rechtsradikale Netzwerke?

Beide Politikerinnen hoffen, dass der nun beginnende Prozess in Frankfurt rechtsradikale Netzwerke aufdeckt. "Der beste Dienst wäre, die Verstrickungen innerhalb der Bundeswehr ans Tageslicht zu bringen. Um deren Ruf als Parlamentsarmee mit Auftrag zur Verteidigung unserer Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu wahren", sagt Roth.

Die Bundesanwaltschaft wirft Franco A. die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat vor. Das Gericht muss die Frage klären, ob Franco A. Anschläge plante. Und anschließend den Verdacht auf den syrischen Flüchtling lenken wollte, den er deutschen Behörden erfolgreich mit Schuhcreme und Schminke vorgespielt hatte.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. Mai 2021 um 08:28 Uhr.