Übersicht eines Teils der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Meßstetten. (Archivbild: 12.09.2017) | picture alliance / Marijan Murat

Asyl in Deutschland Flüchtlingsunterkünfte gesucht

Stand: 20.11.2021 08:37 Uhr

Die Zahl der Flüchtlings-Unterkünfte wurde in den vergangenen Jahren heruntergefahren. Jetzt kommen wieder mehr Asylsuchende - doch die Einrichtungen werden wegen Corona nicht voll belegt.

Von Thomas Denzel, SWR Stuttgart

Ein Lastwagen soll entladen werden auf dem Hof eines Ulmer Unternehmens. Als die Mitarbeiter den Anhänger öffnen, springen ihnen vier junge Männer entgegen. Sie kommen aus Afghanistan, waren schon vier Tage vom Fahrer unbemerkt mit dem Transporter durch Osteuropa unterwegs.

Thomas Denzel

Fälle wie dieser häufen sich: Es kommen wieder mehr Menschen nach Deutschland und suchen dort Asyl. Die meisten stammen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Bis Oktober wurden 131.973 Anträge gestellt, das sind bereits jetzt mehr als im gesamten Jahr 2020. Im Moment greift die Bundespolizei häufig Menschen auf, die unerlaubt über Belarus einreisen. 9673 seien es allein seit August gewesen, heißt es dort, in den Monaten Januar bis Juli dagegen nur insgesamt 26.

Corona-Pandemie erschwert die Situation

Von einer Situation wie in den Jahren 2015 und 2016 ist Deutschland aber noch weit entfernt. 2016 haben mehr als fünfmal so viele Menschen Asylanträge gestellt. Dennoch bereitet der neue Anstieg Länder und Kommunen Schwierigkeiten.

In Baden-Württemberg etwa gibt es in den Landes-Erstaufnahmestellen zwar 6300 Plätze, doch belegen wollen sie hier pandemiebedingt nur 4700. Alle Bewohner müssen nach ihrer Ankunft zuerst in Quarantäne und dürfen nur Kontakt mit Menschen haben, die am selben Tag ankamen. "Das stellt uns vor große Herausforderungen, zum Beispiel müssen wir separate sanitäre Einrichtungen für die zu trennenden Gruppen anbieten", erklärt die zuständige Landesjustizministerin Marion Gentges (CDU). Eigentlich habe man die Einrichtungen nur bis zu maximal 60 Prozent auslasten wollen.

"Wir sind mittlerweile bei 74 Prozent, weil wir nur so alle Menschen unterbringen können", sagt die Ministerin. "Das heißt aber, dass wir schon jetzt ein höheres Infektionsrisiko eingehen müssen."

Asylsuchende schneller unterbringen

Weil es in den Erstaufnahmestellen eng wird, werden die Asylbewerber früher in die Landkreise verlegt. Normalerweise passiert das erst nach etwa drei Monaten, jetzt geht es oft schneller. Den Landkreisen allerdings fällt die Unterbringung der Asylsuchenden ähnlich schwer.

"Den November schaffen wir noch", sagt Diana Raedler, die im Landratsamt Ravensburg das Dezernat für Migration führt. "Im Dezember können wir vermutlich niemanden mehr aufnehmen." 2015 hatten sie im Kreis Ravensburg noch insgesamt 1700 reguläre Plätze und zusätzlich 992 in Notunterkünften. Nach dem Abebben der großen Fluchtbewegung aber hat die Landesregierung 2017 die Landkreise aufgefordert die Zahl der Unterkünfte wieder zu reduzieren.

"Sie aufrechtzuerhalten wäre eine immense Belastung für die Steuerzahler gewesen", sagt Diana Raedler. "Es ist eine Kunst, da das richtige Maß zu finden. Rückblickend war der Abbau wohl zu radikal." Heute hat der Kreis Ravensburg nur noch Unterkünfte für 477 Asylbewerber.

Hilfsbereitschaft der Bevölkerung niedriger

Wohnraum ist allerdings nicht das einzige Problem: Zusätzliche Sozialarbeiter und andere Betreuer müssen nun kurzfristig gefunden werden - und auch ehrenamtliche Helfer fehlen.

"Die Begeisterung in der Bevölkerung ist heute nicht mehr so groß wie noch 2015", ist Diana Raedlers Eindruck. "Es werden keine Begrüßungsfeste mehr gefeiert und es gibt weniger Menschen, die ehrenamtlich helfen wollen." Angst vor einer Corona-Infektion spiele manchmal eine Rolle, glaubt sie. Oft aber sei nach Jahren des ehrenamtlichen Engagements "einfach die Luft raus".

Widerstand gegen Reaktivierung

Die Landesregierung versucht die Erstaufnahme-Einrichtungen auszubauen und so für Entspannung zu sorgen. Mindestens 1600 zusätzliche Plätze werden bis Ende des Jahres benötigt. Bisher seien nur 930 davon gesichert, sagt Ministerin Marion Gentges.

Die 2015 genutzten Gebäude zu reaktivieren entpuppt sich manchmal als schwierig. In Meßstetten etwa hatte man vor wenigen Jahren noch ein ehemaliges Bundeswehr-Gelände für Asylbewerber genutzt. Doch inzwischen ist dort ein Industrie- und Gewerbepark geplant.

Nun doch wieder Flüchtlinge dort unterbringen zu wollen, stößt auf Widerstand beim dortigen Landrat Günther-Martin Pauli (CDU). Er erwartet vom Land, "dass es seiner Verpflichtung nachkommt und die Stadt Meßstetten bei ihren Bemühungen um eine Nachfolgenutzung des Geländes unterstützt und nicht stört".

Hotelzimmer und Herbergen als Notlösung

Marion Gentges hat deshalb Anfragen in verschiedenste Richtungen laufen: Ihr Ministerium versuche Hotelzimmer anzumieten, man spreche mit Jugendherbergen und frage bei Kirchen und der Bahn nach nutzbaren Immobilien.

Sollte all das nicht ausreichen, werde man möglicherweise Notunterkünfte einrichten müssen. Dann könnte es ähnliche Bilder geben wie im Jahr 2015: Menschen, die in Sporthallen oder Containerdörfern leben müssen. Und das, obwohl die Zahl der Asylbewerber heute viel geringer ist.