Blick auf das Dorf Plöwen in Mecklenburg-Vorpommern | NDR
Reportage

Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern Wie aus dem Nichts

Stand: 09.11.2021 16:44 Uhr

Im Sommer tauchten die ersten Geflüchteten in den Wäldern Mecklenburg-Vorpommerns auf. Inzwischen ist die Region Teil einer internationalen Fluchtroute - auf der die Menschenwürde kaum eine Rolle spielt.

Von Annette Kammerer, Nadja Mitzkat, Amir Musawy, NDR

Auf den ersten Blick sieht im 300-Seelen-Dorf Plöwen alles aus wie immer. Polen ist hier nur einen Katzensprung weit entfernt, auf den Feldern werden die Zuckerrüben eingefahren und die Sonntagsbrötchen vom Bäckerwagen geliefert. Tatsächlich aber kreist seit gut zwei Monaten fast täglich ein Hubschrauber über den Wäldern. Und Landwirt Emanuel Reim grüßt auf dem Weg zu seinen Feldern täglich Grenzpolizisten in Streifenwagen.

Mecklenburg-Vorpommern ist Teil einer neuen Fluchtroute geworden, die an Flughäfen wie Dubai beginnt und bis auf die Felder von Landwirt Reim führt.

Immer an der Grenze entlang

Der 34-Jährige hat seine Felder östlich von Pasewalk. "Immer an der Grenze entlang im Prinzip", erzählt er. Schon mehrmals seien hier Menschen über den Grenzzaun gestiegen, der wegen der afrikanischen Schweinepest errichtet worden ist. Mal wurden Menschen auch direkt am Dorfanger vor seinem Betrieb von einem Multivan ausgesetzt. "Also für mich ist das schwer zu greifen", erklärt er. Wie kommen Menschen aus dem Nahen Osten nach Belarus? Und dann weiter durch Polen nach Deutschland? "Das ist doch relativ abstrakt."

Heidelore Hobom | NDR

Heidelore Hobom, Bürgermeisterin von Plöwen, kritisiert: Es gab keine Informationen, warum überall Grenzpolizei patrouillierte. Bild: NDR

Im August hat die Bundespolizei an der Grenze zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Polen 104 "illegal einreisende" Personen festgestellt. Im Oktober waren es schon 754. Die Kommunen seien davon zunächst nicht unterrichtet worden, kritisiert Heidelore Hobom, Bürgermeisterin von Plöwen. Weder die Bürgermeister noch das übergeordnete Amt hätten erfahren, warum überall plötzlich Grenzpolizei patrouilliere und warum quasi aus dem Nichts Menschen im Wald auftauchten.

Die Bundespolizei hätte erst reagieren und sich organisieren müssen, verteidigt Igor Weber von der Bundespolizeiinspektion Pasewalk die fehlende Kommunikation den betroffenen Kommunen gegenüber. Tatsächlich aber war der Bundespolizei schon mit der ersten Befragung klar: "Hier entsteht etwas Neues".

Pushbacks statt Hotelübernachtung

Einer der über diese neue Fluchtroute gekommen ist, ist Ahmad, der eigentlich anders heißt. Er sei mit einem Flugzeug aus dem Irak über Dubai nach Minsk geflogen. Mit Visum. Das Reisebüro, dessen Angebot er über Social-Media-Posts gefunden und an das er 2500 Dollar für die Reise gezahlt habe, habe ihm Hotelübernachtungen in Minsk und eine Versicherung für die Reise versprochen.

In Minsk ging es für Ahmad vor gut drei Wochen sofort an die Grenze zu Polen, wo er zu Fuß versuchte, auf die andere Seite zu kommen. Immer wieder hätten ihn die polnischen Grenzer nach Belarus gedrängt und die belarusischen wiederum zurück nach Polen gezwungen. "Dieses Ping Pong" erzählt er, "dieses Hin und Her ging sechs Mal". Eine ganze Woche lang. Es sei kalt gewesen, sie hätten nichts zu Essen und zu Trinken gehabt.

Ahmad | NDR

Flüchtling Ahmad: aus dem Irak über Dubai nach Minsk Bild: NDR

"Menschenunwürdig"

Schleusung sei ein schmutziges Geschäft, weiß auch die Bundespolizei in Mecklenburg-Vorpommern. Es ginge dabei nicht um die Menschen, sondern ums Geld verdienen. "Man sieht den Personen an, dass sie einiges hinter sich haben", sagt Igor Weber von der Bundespolizeiinspektion. Viele von ihnen hätten einen schnellen Transport durch Polen erlebt, "der stellenweise sehr menschenunwürdig ist."

Derweil rufen Rechtsextreme, auch die NPD MV, zu "Grenzgängen" auf. Nach dem Motto "Nie Wieder 2015!" posierten Menschen in Tarnkleidung an Grenzübergängen oder laufen öffentlichkeitswirksam durch die Sächsischen Wälder. Ein Narrativ, das mittlerweile auch die AfD bedient. In Mecklenburg-Vorpommern beobachte das Landeskriminalamt die Lage zwar, allerdings sei kein organisierter Grenzgang bekannt, hieß es auf Nachfrage. Im Netz findet sich lediglich ein Foto der rechtsextremen Gruppe "AKK Seenplatte", die sich am Grenzgang Usedom fotografiert haben.

Latente Unzufriedenheit

Die Bürgermeisterin von Plöwen, Hobom, glaubt nicht, dass es in Mecklenburg-Vorpommern zu solchen "Grenzgängen" wie in Sachsen oder Brandenburg kommt. "Die kommen aus dem Wald und werden durch die Polizei aufgegriffen", erzählt sie. Außerdem sei die Bundespolizei hier sehr aktiv und die Probleme auch andere: "Wir sind ja eine Region, die nicht sehr gut gesegnet ist. Weder mit Arbeitsplätzen, noch mit Löhnen, noch mit Einkommen. Und ich denke mal, das ist eigentlich viel mehr der Punkt."

Auch Landwirt Reim sieht zwar, dass es hier eine latente fremdenfeindliche Stimmung seit 2015 gebe. Doch eigentlich habe die mit der Problematik hier nichts zu tun, weil die Geflüchteten, die jetzt aufgegriffen werden, nicht hier blieben. Die latente Unzufriedenheit der Leute schlage sich manchmal "auch auf solche Probleme" durch. Wirklich verstehen könne er das nicht.

Diesen und weitere Beiträge sehen Sie heute um 21.15 Uhr bei Panorama 3 im NDR Fernsehen.

Über dieses Thema berichtete Panorama 3 im NDR Fernsehen am 11. November 2021 um 21:15 Uhr.