Ein Arzt geht einen Flur in einem Krankenhaus entlang | AP
FAQ

Indikator für Corona-Maßnahmen Inwiefern die Hospitalisierungsrate ungeeignet ist

Stand: 19.11.2021 21:18 Uhr

Jetzt ist es beschlossen: Die Hospitalisierungsinzidenz ist nun der wichtigste Indikator der Corona-Pandemie. Dabei gibt es an dieser Kennzahl große Kritik - Fachleute halten sie für ungeeignet. Warum?

Von Isabel Lerch, NDR

Was genau ist die Hospitalisierungsinzidenz überhaupt?

Hospitalisieren meint das Einweisen ins Krankenhaus. Mit Hospitalisierung ist daher folgendes gemeint: die an das Robert Koch-Institut übermittelte Anzahl der Covid-19-Fälle, die ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen.

Damit diese Werte auch zwischen Regionen mit unterschiedlicher Bevölkerungs- und damit auch Fallzahl vergleichbar sind, werden die Krankenhauseinweisungen als Rate umgerechnet.

Wie wird die Hospitalisierungsrate berechnet?

Grundlage ist die absolute Zahl der Covid-19-Fälle, die ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen. Da sich diese Zahl jedoch je nach Region und Bevölkerungszahl unterscheidet und die Zahlen somit nicht vergleichbar sind, werden sie als Inzidenz umgerechnet. Dafür werden die Krankenhauseinlieferungen der Covid-19-Fälle für den Zeitraum der jeweils vergangenen sieben Tage addiert und auf 100.000 Einwohner umgerechnet. Die Hospitalisierungsinzidenz gleicht daher in ihrer Berechnung der Inzidenz der Corona-Neuinfektionen.

Ist diese Kennzahl dann überhaupt zur Bewertung geeignet?

Viele Expertinnen und Experten meinen: Nein. In ihrer jetzigen Form sei diese Corona-Kennzahl als Indikator zur Einschätzung der Pandemie ungeeignet. Hauptgrund dafür ist die lückenhafte Datengrundlage und der starke zeitliche Meldeverzug. Dieser würde die Werte verzerren und somit die Pandemie und die Lage in den Krankenhäusern unterschätzen, heißt es. Dieser Meldeverzug zeigt sich auch bei der Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen - allerdings ist er dort nicht so stark ausgeprägt wie bei der Hospitalisierungsinzidenz.

Denn während es bei der Inzidenz der Neuinfektionen bloß etwa drei bis fünf Tage dauert, bis alle Daten eingetroffen sind, dauert es bei der Hospitalisierungsinzidenz teilweise bis zu zwei Wochen oder länger, bis alle hospitalisierten Covid-19-Fälle beim RKI gemeldet sind.

Warum kommt es zu einem so starken Meldeverzug?

Das hat unterschiedliche Gründe. Doch eine der Hauptursachen für den Meldeverzug dürften die Meldeketten in den Krankenhäusern sein. Denn diese sind bislang nicht so eingespielt und daher nicht so effizient. Das dürfte daran liegen, dass bislang kaum Krankheiten in Deutschland meldepflichtig sind. Die Krankenhäuser sind es daher bislang nicht gewohnt, bestimmte Erkrankungen möglichst schnell an das jeweilige Gesundheitsamt zu melden.

Krankenhäuser können dies aufgrund unterschiedlicher personeller Kapazitäten schneller oder weniger schnell leisten. Zudem muss mitunter nach der Hospitalisierung festgestellt werden, ob überhaupt eine Covid-19-Erkrankung vorliegt. Denn nicht bei allen hospitalisierten Covid-19-Fällen ist bereits zum Zeitpunkt der Krankenhauseinlieferung klar, dass es sich um einen Corona-Fall handelt.

Klar dürfte in jedem Fall sein: Die Versorgung akuter Notfälle hat oberste Priorität. Ein Corona-Test kann sich somit verzögern, ebenso das offizielle Laborergebnis. Zudem unterscheiden sich regional die Meldeprogramme der Krankenhäuser und der jeweiligen Gesundheitsämter voneinander - auch hier kann es zu Verzögerungen kommen.

Welche Folgen hat der Meldeverzug?

Wie schnell oder langsam ein Bundesland meldet, hat direkte politische Konsequenzen. Denn meldet ein Bundesland grundsätzlich langsamer, dann werden auch die neuen, gesetzlichen Schwellenwerte bei den Hospitalisierungsinzidenzen von jeweils 3,6 und 9 später erreicht. Somit greifen Maßnahmen, die das Pandemiegeschehen eindämmen sollen, später als nötig.

Meldet ein Bundesland seine hospitalisierten Covid-19-Fälle hingegen zeitnah, greifen bei einer steigenden Hospitalisierungsinzidenz strengere Maßnahmen möglicherweise schneller. Aktuell zeigt eine Analyse des Science Media Centers, dass beispielsweise Hamburg am langsamsten von allen Bundesländern meldet. Dies dürfte also mit ein Grund dafür sein, dass die Hospitalisierungsinzidenz in der Hansestadt niedriger ist.

Gäbe es die Möglichkeit, die Aussagekraft zu verbessern?

Ja, es gibt verschiedene Möglichkeiten. So gibt es beispielsweise statistische Verfahren wie das Nowcasting. Dabei wird versucht, den entstehenden Meldeverzug auszugleichen, indem man realistischere Werte schätzt. Das RKI nutzt dieses Verfahren zwar teilweise und bietet eine entsprechend angepasste Schätzung an.

Allerdings nicht in seiner werktäglichen Berichterstattung der Hospitalisierungsinzidenz, die montags bis freitags im Situationsbericht und online unter Covid-19-Trends abgerufen werden kann, sondern diese angepasste Schätzung mittels Nowcasting-Verfahren erscheint nur einmal wöchentlich im jeweiligen RKI-Bericht.

Tagesaktuelle Schwankungen spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Doch eben diese tagesaktuellen Werte dürften für die Bundesländer den Ausschlag für strengere oder lockere Corona-Maßnahmen geben. Die politischen Maßnahmen werden somit auf der Grundlage von Kennzahlen beschlossen, die ungenau sind und das Pandemiegeschehen und die reale Situation in den Krankenhäusern unterschätzen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. November 2021 um 20:00 Uhr.