Kinder sind von hinten zu sehen, wie sie nebeneinander in einer Kita sitzen. | dpa

Personalmangel Kitas am Limit

Stand: 03.08.2022 03:54 Uhr

In vielen Kindertagesstätten fehlen Erzieherinnen und Erzieher. Die Gewerkschaften fordern mehr Gehalt und kleinere Gruppen. Aber ist es damit getan?

Von Susanna Zdrzalek, WDR

Unzählige Anrufe, Gespräche und Tränen braucht es, bis Elena* in ihrem Wohnort bei Düsseldorf Kita-Plätze für ihre zwei Kinder ergattert. "Ich habe kommuniziert wie eine Wilde, habe Vitamin B spielen lassen, und ich hätte auch geklagt, wenn ich keinen Platz bekommen hätte", erzählt sie. Elena ist voll berufstätig, auch ihr Mann arbeitet Vollzeit, die Großeltern leben weit weg.

Susanna Zdrzalek

Trotzdem bekamen sie in der ersten und zweiten städtischen Vergaberunde keinen Betreuungsplatz für ihre Kinder, die drei und ein Jahr alt sind. Dass es in Runde drei schließlich klappte und sie beide Kinder sogar in derselben Einrichtung unterbringen konnte, sei vor allem ihrer eigenen Hartnäckigkeit und einer engagierten Kita-Leiterin zu verdanken. Ihren richtigen Namen möchte Elena deshalb auch öffentlich nicht nennen.

Kita-Gruppen können nicht öffnen

Warum es so schwierig ist, einen Kita-Platz zu bekommen, liegt auch am Personalmangel. In Neuss konnten zuletzt elf Kita-Gruppen nicht in Betrieb genommen werden. Hauptursache für die verzögerte Inbetriebnahme sei fehlendes Fachpersonal, erklärt die Stadt. "Allerdings kann die Stadt Neuss bisher allen Eltern ein Betreuungsplatz anbieten. Dies aber nicht immer in der Wunsch- und Wahleinrichtung der Familien", sagt ein Sprecher.

Seit Jahren fehlen bundesweit Erzieherinnen und Erzieher, das zeigt eine Studie, die der Veranstalter von Bildungskongressen "Fleet Education" und der Verband Bildung und Erziehung einmal im Jahr durchführen. 2022 wurden dafür rund 4800 Kita-Leitungen befragt. Das Ergebnis: Zuletzt habe sich der Fachkräfte-Engpass nochmal verschärft, auch bedingt durch die Corona-Pandemie.

Unterbesetzte Gruppen

"Schätzungsweise 9000 Kitas in Deutschland haben im zurückliegenden Jahr in über der Hälfte der Zeit in aufsichtspflichtrelevanter Personalunterdeckung gearbeitet“, sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung. Das seien mehr als doppelt so viele Kitas wie ein Jahr zuvor.

"Auf der einen Seite haben wir in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab drei Jahren, und auf der anderen Seite sehen wir, dass das mit den personellen Gegebenheiten nicht durchzuführen ist."

In vielen Bundesländern sei man im Jahr 2022 weit weg davon, den wissenschaftlich empfohlenen Fachkraft-Kind-Schlüssel einzuhalten, ganz gleich, ob im Ü3-Bereich oder bei den unter Dreijährigen. Eine Befragung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands unter Kita-Leitungen von diesem Jahr kommt zu ähnlichen Ergebnissen.  

Geflüchtete mit Förderungsbedarf

Darunter leiden auch die Erzieherinnen und Erzieher, die den Personalmangel mit auffangen müssen. Andreas Aguirre leitet eine Kita und ein Familienzentrum im Kreis Mettmann und berät die Gewerkschaft ver.di als Vertrauensperson. Auch seine Einrichtung war lange unterbesetzt, weil für drei schwangere Kolleginnen kein Ersatz gefunden werden konnte. Der Träger ging schließlich den Schritt, Schwangerschaftsvertretungen unbefristet auszuschreiben, um Personal zu gewinnen.

"Wir spüren das täglich in der pädagogischen Arbeit, dass wir am Limit arbeiten", sagt er. Seine Kita betreut viele Kinder aus Geflüchteten-Familien mit besonderem Sprachförderungsbedarf. Aufgrund der großen Gruppen sei es schwer, allen Kindern gerecht zu werden. Damit werde Chancen-Ungleichheit schon im Kindesalter zementiert.

Ausbildungsvergütung und mehr Benefits

Wie kann man mehr Menschen für den Beruf der Erzieherin oder des Erziehers begeistern? Udo Beckmann vom Verband Bildung und Erziehung ist überzeugt, dass es bei einer besseren Ausbildungsvergütung und insgesamt deutlich besseren Rahmenbedingungen für die Kita-Beschäftigen anfängt. Außerdem brauche es von den Landesregierungen eine "Personaloffensive" für mehr Fachkräfte.

Kita-Leiter und ver.di-Vertrauensmann Andreas Aguirre kennt Einrichtungen, die ein übertarifliches Gehalt anbieten und mit Angeboten wie zum Beispiel einem kostenlosen Fitnessstudio-Abo locken. "Lieber aber wären mir gute Tarifverträge, die allen Erziehern eine gute Entlohnung bringen."

Wichtig sei auch mehr gesellschaftliche Wertschätzung für den Beruf und Entlastung - in Form von mehr Personal und kleineren Gruppen. "Die Lärm- und Stresspegel in den Kitas sind aktuell sehr hoch. Ich kenne viele Kolleginnen, die unter Tinnitus leiden, die ausgebrannt sind", sagt Aguirre. Viele überlegten, den Job ganz hinzuwerfen.

Betreuungsbedarf wächst

Leidtragende des Personalmangels sind am Schluss auch Familien, die keine adäquate Betreuung finden können, obwohl sie einen Rechtsanspruch haben. Elena hat die langwierige Suche nach zwei Kita-Plätzen für ihre Kinder ernüchtert. "Es ist wirklich erschreckend, wie schwer es einem gemacht wird."

*Name von der Redaktion geändert

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. Mai 2022 um 14:39 Uhr.