Ein Junge trägt einen Sack mit Lebensmitteln des Welternährungsprogramms der UN | AFP
FAQ

Ernährungssicherheit Warum sich die Hungerkrise weiter zuspitzt

Stand: 27.07.2022 12:00 Uhr

Mit einem Bündnis für globale Ernährungssicherheit will Entwicklungsministerin Schulze gegen die Hungerkrise vorgehen. Doch funktioniert das? Warum gibt es daran Kritik - und weshalb ist die Situation so prekär?

Von Nina Amin und Cosima Gill, ARD-Hauptstadtstudio

828 Millionen Menschen hungern weltweit. Die Zahlen steigen. Der Ukraine-Krieg, die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie und der Klimawandel spitzen die Lage zu. Deutschland hat derzeit den Vorsitz der G7. Bundesentwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) hat beim Treffen im Frühjahr das Bündnis für globale Ernährungssicherheit ins Leben gerufen.

Nina Amin ARD-Hauptstadtstudio

Welche Rolle übernimmt Deutschland mit dem Bündnis für globale Ernährungssicherheit?

Das Bündnis für globale Ernährungssicherheit soll eine Plattform für die globale Zusammenarbeit sein, um die weltweite Hungerkrise anzugehen. Mittlerweile sind rund 100 Institutionen dabei darunter G7, G20, Afrikanische Union, internationale Organisationen sowie Zivilgesellschaft.

Staatssekretär Jochen Flasbarth (SPD) aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sagt, das Bündnis solle keine eigene Organisation sein, sondern koordinieren: "Das wichtigste ist, Informationen zusammenzutragen: Wo fehlt etwas, was fehlt genau und wer kann helfen?" So solle die Hilfe möglichst effizient bei den Menschen ankommen.

Welche Kritik gibt es an dem deutschen Engagement?  

Hilfswerke, wie Brot für die Welt, sehen ein weiteres Bündnis skeptisch. Es gebe schon das Welternährungskomitee der Vereinten Nationen. Laut Ministerium gibt es zwar Absprachen mit dem UN-Generalsekretär, dennoch befürchten Hilfsorganisationen eine doppelte Struktur. Die G7-Staaten hatten in Elmau zusätzliche 4,5 Milliarden US-Dollar bereitgestellt gegen die Hungerkrise.

Deutschland gibt rund 880 Millionen Euro zusätzlich zur Bekämpfung der Hungersnot aus. Doch das reicht nicht aus, meint die Welthungerhilfe. Um den Hunger strukturell und nachhaltig zu bekämpfen, seien weitere 40 Milliarden Dollar notwendig. "Wir sind nach wie vor überzeugt, dass der Hunger in der Welt besiegt werden kann", sagt die Präsidentin der Welthungerhilfe Marlehn Thieme. Es sei eine Frage des politischen Willens.

Wie viele Menschen hungern weltweit?

"Wir unterscheiden diejenigen, die chronisch hungrig sind und diejenigen, die akut hungrig sind. Das Welternährungsprogramm von den Vereinten Nationen konzentriert sich auf die akut hungrigen", sagt Martin Frick, Leiter des Berliner Büros des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen, "2019 waren rund 150 Millionen Menschen von akutem Hunger betroffen, Ende letzten Jahres waren es bereits 279 Millionen Menschen und heute gehen wir leider von 345 Millionen Menschen aus."

Akut hungrig ist laut Welthungerhilfe die extremste Form von Hunger und tritt im Zusammenhang mit Krisen auf. Fasst man die Zahl aller hungrigen Menschen weltweit zusammen, sprechen die Vereinten Nationen von 828 Millionen Betroffenen. Eine Zahl aus dem Jahr 2021. Das entspricht in etwa zehn Mal der Bevölkerung Deutschlands. Die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs sind bei den UN-Zahlen noch nicht berücksichtigt.

Welche Regionen sind besonders betroffen?

Der Welthunger-Index besagt: Das Ausmaß des Hungers ist am größten in Afrika südlich der Sahara und in Südasien. Das am schlimmsten betroffene Land sei Somalia im Jahr 2021 laut Index der Welthungerhilfe. Seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine verschlimmert sich die Situation in manchen Regionen, warnt Frick vom WFP. Ein weiteres Beispiel, das oft in Vergessenheit gerät, ist Afghanistan: Auch hier ist nach Angaben der UN die Hälfte der Bevölkerung akut von Hunger bedroht.

Welche Ursachen hat die weltweite Hungersnot?

Die weltweite Hungersnot wird durch verschiedene Faktoren verstärkt, so Experten. Aktuell führt der Krieg in der Ukraine dazu, dass die Getreidepreise ansteigen. So können sich viele Menschen in ärmeren Regionen die Lebensmittel wie Brot nicht mehr leisten. Durch die Corona-Pandemie und weltweite Kriege und Krisen, hat sich die Lage weiter verschlimmert. Der Klimawandel und damit einhergehende Extremwetterereignisse, wie Dürre oder Überschwemmungen, zerstören die Lebensgrundlage vieler Menschen.

Die Hungerkrise setzt sich aus vielen unterschiedlichen Krisen zusammen. Dagmar Pruin, Präsidentin von Brot für die Welt, sagt: "Die Hungerszahlen steigen aber nicht erst seit dem 24. Februar dieses Jahres, sondern schon seit mehreren Jahren." Am 24. Februar begann der russische Angriffskrieg auf die Ukraine.

Welche Rolle spielt der Krieg in der Ukraine?

Im Hafen der ukrainischen Stadt Odessa lagern Millionen Tonnen Getreide. Diese können wegen des russischen Angriffskrieges nicht exportiert werden. Das ist in Ländern wie am Horn von Afrika, im Libanon, in Ägypten oder Pakistan spürbar. Der Druck, eine Einigung zwischen der Ukraine und Russland für den Export zu erwirken, ist hoch.

Eine letzte Vermittlung seitens der Türkei und der Vereinten Nationen war erfolgreich, jedoch gab es kurze Zeit später einen russischen Angriff auf den Hafen in Odessa. Selbst wenn eine Lösung gefunden wird, könne der Export noch Monate dauern, so Frick vom WFP. Die festsitzenden Tonnen in ukrainischen Häfen heizen aber die weltweiten Getreidepreise an.

Wie kann die drohende Hungersnot weltweit bekämpft werden?

Organisationen, wie Brot für die Welt, weisen darauf hin, dass die Antwort auf die aktuelle Hungerkrise ein faires Handelssystem sein müsse. "Arme Staaten sollten die Möglichkeit haben, ihre Agrarmärkte nach Bedarf zu schützen, zum Beispiel vor unfairen EU-Exporten", so Pruin.

Neben Handel setzt Martin Frick vom WFP den Fokus auf den Anbau: "Ich wünsche mir, dass Ernährungssysteme nicht nur als Problem verstanden werden, sondern auch als eine riesige Chance, dem Klimawandel auch etwas entgegenzusetzen. Denn gute Landwirtschaft kann klimapositiv sein." Heimische Getreidesorten oder nachhaltige Anbaumethoden könnten helfen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 27. Juli 2022 um 11:23 Uhr.