Windkraftanlagen in Schleswig-Holstein | dpa

Deutscher Atomausstieg Fukushima bringt die Wende

Stand: 11.03.2021 08:32 Uhr

Die Atomkatastrophe von Fukushima bringt auch die bisherige Energiepolitik in Deutschland zum Wanken. Inzwischen kommt fast die Hälfte des Stroms hierzulande aus Erneuerbare Energien. Doch es bleibt viel zu tun.

Von Martin Polansky, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist der 11. März 2011, und die ersten Bilder vom Tsunami und dem beschädigten Atomreaktor in Japan erreichen Deutschland. Es dauert nur wenige Tage, bis Fukushima auch hierzulande ein fester Begriff ist. Die Atomkatastrophe im fernen Japan bringt die Säulen der bisherigen Energiepolitik hierzulande quasi zum Einsturz.

Martin Polansky ARD-Hauptstadtstudio

Ausstieg vom Ausstieg

Erst Monate zuvor hatten Kanzlerin Angela Merkel und ihr schwarz-gelbes Regierungsbündnis die Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke durchgesetzt - und waren damit aus dem zehn Jahre vorher unter Rot-Grün vereinbarten Atomausstieg wieder ausgestiegen. Aber angesichts der Bilder aus Fukushima wollte Merkel nun doch ganz schnell raus aus der Kernenergie. Erst verkündete sie ein Moratorium, im Juni 2011 folgte der Ausstiegsbeschluss. Im Bundestag erklärte Merkel:

In Fukushima haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass selbst in einem Hochtechnologieland wie Japan die Risiken der Kernenergie nicht sicher beherrscht werden können.

Acht Atomkraftwerke wurden noch im März 2011 vorzeitig und später ganz abgeschaltet, weitere folgten. Die letzten sechs AKW gehen nun in zwei Schritten bis Ende 2022 vom Netz. Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen C Ende dieses Jahres; Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland Ende 2022. Vor dem GAU in Fukushima kamen 22 Prozent des deutschen Stroms aus der Atomkraft, immerhin elf Prozent sind es jetzt noch. Die Lücke muss geschlossen werden.

Das AKW Grohnde

Das AKW Grohnde in Niedersachsen geht noch 2021 vom Netz.

Erstmal mehr Kohlestrom

Nach der ersten Abschaltungswelle 2011 stiegen kurzzeitig die Stromimporte etwa aus Frankreich und Tschechien. Und: In den Jahren 2012 bis 2015 produzierten die hiesigen Kohlekraftwerke mehr als im Jahr vor Fukushima. Das war erst mal schlecht für die deutsche CO2-Bilanz.

Seitdem geht die Kohleverstromung aber kontinuierlich zurück. Denn der Anteil der Erneuerbaren Energien ist jedes Jahr größer geworden. Seit Fukushima hat er sich fast verdreifacht, Erneuerbare erzeugen inzwischen beinahe die Hälfte des Stroms in Deutschland.

"Dass die Erneuerbaren so stark gewachsen sind, wie es in den letzten zehn Jahren passiert ist, haben die allerwenigsten vorhergesagt", zieht Andreas Kuhlmann von der Deutschen Energieagentur dena eine Zwischenbilanz. Es habe sich gezeigt, wie viel Dynamik entstehe, wenn die Dinge erst mal in Bewegung seien.

Ausbau der Erneuerbaren Energien

Die Bundesregierung will die Erneuerbaren Energien nun weiter ausbauen. Rund zwei Drittel des Stroms sollen sie im Jahr 2030 erzeugen. Nach festgeschriebenen Ausbaupfaden. Die Kapazität der Photovoltaik-Anlagen soll sich verdoppeln, Windräder an Land ein Drittel mehr Strom liefern können. Und die letzten Kohlekraftwerke sollen spätestens 2038 abgeschaltet werden.

Herausforderungen gibt es einige: Vielerorts ist der Widerstand gegen neue Windräder groß. Der Ausbau stockt. Auch Offshore ist erst Ende des Jahrzehnts mit einem deutlichen Zubau zu rechnen. Und die Kosten sind ebenfalls ein Thema. Deutschland hat die höchsten Strompreise Europas - auch wegen der EEG-Umlage.

Sonnenenergie statt Windräder?

Der SPD-Umweltexperte Matthias Miersch setzt jetzt viel Hoffnung in die deutlich günstiger gewordenen Solaranlagen: "Photovoltaik hat fast keine Akzeptanzprobleme." Deswegen müssten so viele Dächer wie möglich ausgestattet werden. "Ich bin dafür, dass die öffentliche Hand sich als erstes verpflichtet, auf jedem öffentlichen Gebäude eine Photovoltaik-Anlage zu installieren", so Miersch.

Die Regierungsfraktionen von Union und SPD verhandeln derzeit über ambitioniertere Ausbauziele für die Erneuerbaren Energien. Die Grünen fordern dies schon lange. Die letzten verbliebenen Atomkraftwerke abzuschalten, könne sich Deutschland in jedem Fall leisten, ist der grüne Umweltpolitiker Oliver Krischer überzeugt: "Das ist eigentlich überhaupt kein Problem, wenn wir konsequent die Erneuerbaren Energien ausbauen." Das habe Deutschland in den vergangenen Jahren gezeigt, auch wenn es aktuell kaum vorangehe. "Aber den Rest Atomkraft, diese Lücke lässt sich auf jeden Fall schließen", sagt Krischer.

"Deutschland ist Energiewende-Labor"

Andreas Kuhlmann von der Deutschen Energieagentur glaubt nicht, dass Blackouts drohen, wenn die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen. Aber einfach werde die Energiewende nicht. Mehr Erneuerbare wie Wind und Solar würden mehr Schwankungen im Stromnetz bedeuten, auch die Nord-Süd-Leitungen müssten schnell ausgebaut werden. "Deutschland ist das Energiewende-Labor Nummer Eins", meint Kuhlmann. Am Ende müsse das aber ökonomisch sinnvoll sein, damit andere Länder nachziehen. "Energiewende und Klimaschutz allein in Deutschland zu machen, wird nicht reichen. Energiepolitik muss europäisch gedacht werden", so der Experte. 

Milliardenentschädigung für Atomkonzerne

Was bleibt nach dem endgültigen Atomausstieg? Deutschland muss die großen Energieversorger Vattenfall, RWE, Eon und EnBW für die vorgezogenen Abschaltung der Atomkraftwerke entschädigen. Das Bundesverfassungsgericht hatte dies 2016 entschieden. Auf gut 2,4 Milliarden Euro haben sich Bundesregierung und die Betreiber vergangene Woche verständigt - deutlich mehr als die zuvor von der Bundesregierung einkalkulierte eine Milliarde Euro.

Für den Rückbau der Atomkraftwerke müssen die Betreiber aufkommen. Zudem haben sie 24 Milliarden Euro bereitgestellt für ein zukünftiges Atommüll-Endlager. Für dessen Errichtung ist der Bund zuständig. Der müsste auch nachlegen, falls das Geld nicht ausreichen wird. Bis 2031 soll ein Standort für ein Endlager gefunden werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. März 2021 um 11:00 Uhr.