Ein Auto fährt über eine Straße bei Grimma in Sachsen mit grünen Bäumen führt zwischen zwei braunen Feldern hindurch. Das Frühjahr war in vielen Regionen Deutschlands deutlich zu trocken | dpa

Trockenheit Wie Deutschland Dürren managen will

Stand: 06.05.2022 10:07 Uhr

Das Frühjahr war vielerorts in Deutschland viel zu trocken - mal wieder. Kreative Ideen zum Dürre-Management sind gefragt. Notfallpläne für austrocknende Bäche, Parkhäuser mit Wasserspeicher, Regenwasserspielplätze.

Von Thomas Reutter, SWR

Der Sasselbach zwischen Mainz und Worms ist fast verschwunden. Nur noch ein Rinnsal schlängelt sich durch die Weinberge hinunter Richtung Rhein. Wie hier trocknen überall in Deutschland Quellen, Teiche und Bäche aus. Mehr als 1000 Oberflächengewässer sind derzeit laut ARD-Projekt #unserWasser zu trocken.

Thomas Reutter

Das stille Sterben der Seen und Bäche wird zunehmen, "im Mittelgebirge wie im Tiefland und besonders in den urbanen Räumen", prognostiziert der Hydrobiologe Mario Michael Sommerhäuser: "Wir müssen damit leben, dass nicht jedes Gewässer im Klimawandel so wie heute erhalten bleiben kann - es wird vermehrt austrocknende Gewässer im Sommerhalbjahr geben."   

Seit Jahren schon wird es immer wärmer und trockener in Deutschland. Als Experte der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft (DWA) muss sich Sommerhäuser nun damit beschäftigen, wie Dürren in Deutschland bewältigt werden sollen, etwa durch Rationierung von Wasser.

#unserWasser: Wissenschaftsprojekt zum Mitmachen

Der kleine Bach im Ort oder Wäldchen zuhause führt schon jetzt wenig Wasser, anders als noch vor zehn Jahren, manchmal trocknet das Rinnsal im Sommer sogar komplett aus? Diese Beobachtungen interessieren den Gewässerökologen Hans Jürgen Hahn von der Uni Koblenz-Landau: "Die Idee ist, dass man tatsächlich mal einen Überblick bekommt, wie sich denn Trockenheit in der Fläche auswirkt, vor allem auch ganz kleinräumig."

Er begleitet die ARD-Aktion #unserWasser wissenschaftlich und ruft Menschen in ganz Deutschland zum Mitmachen auf, die Lücken zwischen den amtlichen Leerstellen zu füllen. Je mehr Menschen mitmachen und online ein einfaches Formular ausfüllen, desto aussagekräftiger wird auch die interaktive Karte, in der die Meldungen erfasst werden. Das Online-Formular finden Sie hier.

"Zuerst ans Wasser denken"

Für austrocknende Gewässer will er Notfallpläne erstellen lassen. Für Hoch- und Niedrigwasser im Main gibt es schon einen. Es müsse aber ganz grundsätzlich umgedacht werden, sagt Sommerhäuser: "Noch bis vor ein paar Jahren ging die Stadtplanung immer von Straßen und Gebäuden aus. Jetzt müssen wir beim Planen zuerst ans Wasser denken."

Bis in die 1990er-Jahre sei es den Planern immer darum gegangen, das Wasser aus der Landschaft auszuleiten, ergänzt Grundwasserökologe Hans Jürgen Hahn von der Universität Landau. Inzwischen habe sich das umgekehrt. "Jetzt müssen wir es in der Fläche halten."

Bei Guntersblum laufen oft Entwässerungsgräben durch die Weinberge. Das Wasser fließt sofort ins Tal ab und dann den Bach runter in den Rhein. "Stattdessen bräuchten wir an den Hängen mehr Strukturen, wie Hecken und in den steileren Lagen Terrassen, die den Abfluss des Wassers bremsen", meint Hahn. Das gelte auch für den Ackerbau. In der Landwirtschaft, aber auch in Siedlungs- und Gewerbegebieten müsse man dafür sorgen, "dass das Wasser langsam versickert und nicht in der nächsten Kanalisation verschwindet".

Parkhäuser mit Wasserspeicher

Parkplätze müssten durchlässiger für Regenwasser sein. Mehr Grünstreifen und Dachbegrünungen seien nötig. Hamburg hat jetzt Regenwasserspielplätze, in denen bei Starkregen das Wasser stehen bleibt und langsam versickert. Vorbildlich seien auch Modellversuche mit Parkhäusern, in denen eine Etage als Speicher für Wasser vorgesehen ist, meint Sommerhäuser. Auch Moore und Wälder seien wichtig, um das Wasser in der Landschaft zu halten.

Aber gerade den Wäldern fehlt Wasser. "So erleben wir beispielsweise in den Auwäldern an der mittleren Elbe, dass Bäume aller Altersstufen flächenhaft durch Trockenstress geschädigt sind und absterben", sagt Tobias Schäfer vom WWF. Eine SWR-Umfrage unter 240 deutschen Forstleuten ergab, dass sich bei mehr als 95 Prozent der Befragten die Wasserversorgung in ihren Wäldern in den vergangenen zehn Jahren verschlechtert hat. Die "jahrzehntelange Entwässerungspolitik" müsse aufhören, fordert der Bundesvorsitzende im Bund Deutscher Forstleute (BDF), Ulrich Dohle. Der Beitrag, den Waldbesitzer jährlich an die Wasser- und Bodenverbände zahlten, damit "ihre Wälder gegen ihren Willen entwässert werden" müsse aufgehoben werden.

Notfalls bleibt der Swimmingpool trocken

Auch die Landwirtschaft müsse sich umstellen, sagt Grundwasserökologe Hahn: Die Bewässerung müsse optimiert, zeitgemäße Bewässerungstechniken eingesetzt werden. Auch sollte die Beregnung nur bei Nacht erfolgen, wo viel weniger Wasser verdunstet. Damit ließe sich der Wasserverbrauch in der Landwirtschaft um bis zu 80 Prozent reduzieren. "Zukünftig brauchen wir eine Landwirtschaft, die den Boden so bearbeitet, dass er das Wasser wieder schneller aufnimmt und besser halten kann."

Von Industrie und Gewerbe verlangen die Experten der Wasserwirtschaft genutztes Wasser, sogenanntes Grauwasser, wieder zu verwenden. Der Swimmingpool im Garten werde im Notfall trocken bleiben müssen, so Sommerhäuser. Und trotz aller Ideen, Pläne und Maßnahmen dürfte es Jahrzehnte dauern, bis Gewässer wie der Sasselbach wieder zurückkehren, wenn sie erst einmal verschwunden sind.