Thomas de Maizière | AP

De Maizière hört auf Die "Büroklammer" packt ein

Stand: 30.06.2021 18:12 Uhr

Kanzleramtsminister, Innenminister, Verteidigungsminister, Spitzname "Büroklammer": Thomas de Maizière verlässt nach 30 Jahren die politische Bühne.

Von Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

Thomas de Maizière geht, aber einige seiner Sätze bleiben. Dieser hier zum Beispiel:

Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.
Vera Wolfskämpf ARD-Hauptstadtstudio

Das war 2015, de Maizière hatte gerade als Bundesinnenminister entschieden, wegen einer Bombendrohung ein Fußballspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden in Hannover abzusagen. Heute, nach mehr als 30 Jahren in der Politik, sagt er rückblickend:

Ich bereue manche Aussage, manches Interview, das ich gemacht habe. Manches ist ja sprichwörtlich geworden. Ich bereue manche personelle Fehlentscheidung, ich bereue, dass auch ich mich manchmal zu sehr von Stimmungen habe treiben lassen. Also, ich habe natürlich meine Fehler gemacht. Aber ich bereue nicht, dass ich in die Politik gegangen bin. Ich bin dankbar, dass ich so viel Verantwortung bekommen habe.

Für den Volljuristen ging es 1990 los mit der Regierungsarbeit, zunächst in Mecklenburg-Vorpommern. Dann der Wechsel nach Sachsen und 2005 auf die Bundesebene. De Maizière wurde Chef des Kanzleramtes im ersten Kabinett von Angela Merkel. Vier Jahre später berief ihn die Kanzlerin zum Innenminister. De Maizière stand stets loyal an Merkels Seite.

Angela Merkel und Thomas de Maizière im Oktober 2015 im Bundestag | picture alliance / dpa

Sie gingen einen langen politischen Weg gemeinsam: Angela Merkel und Thomas de Maizière (im Oktober 2015 im Bundestag) Bild: picture alliance / dpa

Zwar in Bonn geboren, aber Wahl-Dresdner, galt er als Stimme des Ostens in der Bundesregierung. Als Karl-Theodor zu Guttenberg 2011 wegen der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit gehen musste, bat Merkel ihren Vertrauten de Maizière das Verteidigungsministerium zu übernehmen. Sie sagte über ihn:

An Thomas de Maizière schätze ich nicht nur seinen brillanten Intellekt und sein vorbildliches Pflicht- und Verantwortungsgefühl. Sondern ihn zeichnet vor allen Dingen aus, dass er Politik auf der Grundlage fester Werte betreibt, dass er vom Menschen aus denkt."

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Tschüss, Bundestag

Politisch oft unter Druck

Zwei Jahre später kostet es ihn fast den Job, als die Drohne "Euro Hawk" scheitert und klar war, dass sie trotz Millionenkosten nie fliegen würde. Auch in den folgenden Jahren steht de Maizière oft unter politisch Druck: Es war die Zeit hoher Terrorgefahr, dann kam die Flüchtlingskrise, später ging es um Vorwürfe, er würde die persönlichen Freiheiten beschneiden, weil er sich für Vorratsdatenspeicherung oder Gesichtserkennung einsetzte. Doch dass die Opposition seinen Rücktritt forderte, damit konnte er leben. Entscheidend sei, dass die eigenen Leute hinter ihm standen.

Ich hatte gerade in Krisen Rückhalt. Und das fand ich deswegen so beeindruckend, weil ich nicht so der Kumpeltyp bin. Ich hab nicht jeden gleich geduzt. Ich sitze nicht abends in der Kneipe und trinke zu viel Bier. Ich bin eher so ein Distanzmensch.

Für seine genaue, etwas trockene Art verdiente er sich den Spitznamen "Büroklammer" - und viel Respekt. Etwa von Wolfgang Thierse, SPD:

Mir ist ehrlich gesagt eine graue Maus, die fleißig und anständig ist, lieber, als einer, der in den Illustrierten und in der 'Bild'-Zeitung auf der Titelseite ist.

Einfacher Abgeordneter statt Minister

2018 wechselt de Maizière von der Regierungsbank in den Plenarsaal. Statt Minister ist er nun einfaches Mitglied im Finanzausschuss. Zunächst hätten die Abgeordneten ihn beäugt, und er sie, erzählt de Maizière. Doch auch hier half, sich ohne große Allüren um die Sache zu kümmern. Und er selbst habe das Parlament noch einmal ganz anders kennengelernt, wie er in seiner Abschiedsrede im Bundestag betonte:

Ich habe entgegen manchem Vorurteil in diesem Bundestag überwiegend fleißige und sachkundige Parlamentarier erlebt, sogar manchmal bei den Linken, und ganz manchmal sogar in der AfD trotz aller offenkundigen Verfassungsferne.

Und bis auf die AfD erheben sich alle Abgeordneten zum Applaus für de Maizière. Auch Grünen-Politikerin Claudia Roth dankt ihm für den Respekt Andersdenkenden gegenüber und hofft, den streitbaren Dialog irgendwo fortzusetzen.

Das könnte sich erfüllen, denn der 67-Jährige verabschiedet sich zwar aus der Politik, bleibt aber aktiv: unter anderem als Vorsitzender der Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes und im Kirchentag. Für seine Memoiren ist noch ein bisschen Zeit, sagt de Maizière. Damit will er nicht anfangen, bevor er 80 Jahre alt ist.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 30. Juni 2021 um 07:24 Uhr im Morgenecho.