Jens Spahn und Lothar Wieler bei der Pressekonferenz | REUTERS

Spahn zur Corona-Pandemie "Können uns in die Normalität zurückimpfen"

Stand: 08.09.2021 12:23 Uhr

Impfen bleibt für Gesundheitsminister Spahn der Weg aus der Pandemie. Doch die Impfquote steigt nur noch langsam. Eine Aktionswoche soll neuen Auftrieb geben. Laut RKI-Chef Wieler droht ansonsten ein "fulminanter Verlauf" der vierten Welle.

Die Impfkampagne gegen das Coronavirus kommt in Deutschland nur noch mühsam voran. Eine bundesweite Aktionswoche soll nun helfen, die Quote zu steigern.

Nach Angaben des Robert Koch-Institutes (RKI) sind derzeit 61,7 Prozent der gesamten Bevölkerung in der Bundesrepublik vollständig und 66,0 Prozent mindestens einmal gegen den Erreger geimpft. Zum Vergleich: Zu Monatsbeginn besaßen etwa 60,8 Prozent aller Bürgerinnen und Bürger bereits den vollständigen Impfschutz und 65,4 Prozent hatten bis dahin die erste von den meist zwei notwendigen Impfdosen erhalten.

Zu wenig, betonte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, denn die Impfquote sei entscheidend bei der Frage, "wie wir über den Winter kommen". Und der CDU-Politiker fügte hinzu, dass "impfen, impfen, impfen" nicht nur der Weg sei, die vierte Welle und die Ausbreitung von Virusvarianten wie Delta gering zu halten, es sei der Weg hinaus aus der Pandemie:

Wir haben das Mittel in der Hand, uns in die Freiheit und Normalität zurückzuimpfen.

Eine "Pandemie der Ungeimpften"

Derzeit erlebe Deutschland eine "Pandemie der Ungeimpften", warnte Spahn. Die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Neuinfektionen sei bei nicht geimpften Personen deutlich höher als bei geimpften. Bis zu 95 Prozent der Krankenhauspatienten, die derzeit wegen einer Corona-Erkrankung behandelt würden, hätten sich nicht gegen das Virus impfen lassen.

Momentan würden bundesweit etwa 1300 Menschen in Krankenhäusern behandelt, nachdem sie sich mit dem Erreger angesteckt haben, führte Lothar Wieler aus, Chef des RKI. Und dabei steige die Zahl der jüngeren Patienten. Die meisten derzeit stationär Behandelten seien zwischen 35 und 59 Jahren alt.

Im Juli hatte das RKI berechnet, dass sich eine vierte Welle eventuell verhindern lasse, sollte bundesweit eine Impfquote bei den 18- bis 59-Jährigen von 85 Prozent erreicht werden. "Das haben wir nicht geschafft. Wir haben es aber noch in der Hand, wie sich die Welle entwickeln wird", betonte Wieler. Ohne eine höhere Quote drohe die vierte Welle in den kommenden Monaten einen "fulminanten Verlauf" zu nehmen.

Es braucht mehr "einfache Gelegenheiten"

Dass die Impfbereitschaft nachlasse, hat aus Sicht von Minister Spahn nichts mit fehlenden Informationen zu tun. Es werde an vielen Stellen für die Impfung geworben - auf Landesebene, in den Kommunen, in Unternehmen. Doch oft habe es bislang an "einfachen Gelegenheiten" gefehlt, um sich impfen zu lassen. "Dort, wo Menschen sich begegnen", so Spahn - in Fußgängerzonen oder auf dem Marktplatz.

Darum will der Bund mit Unterstützung von Ländern, Kommunen, dem Handel sowie Verbänden und Organisationen ab kommendem Montag eine bundesweite Aktionswoche starten. Unter dem Motto "HierWirdGeimpft" sollen Bürgerinnen und Bürgern in ganz Deutschland genau solche einfachen Impfmöglichkeiten angeboten werden.

Freie Wahl beim Impfen soll bleiben

"Impfen soll eine freie Entscheidung bleiben", betonte Spahn. Doch es sei auch eine Entscheidung, "die andere betrifft" - im Familien- und Kollegenkreis, "uns als Gesellschaft". "Viele haben die vergangenen 18 Monate in den Knochen", so Spahn weiter. Es seien schwere Monate gewesen, für Familien, den Handel, Gastronomen, für alle. Doch alles in allem sei Deutschland "bis hierhin gut durch schwerste Krise in der Geschichte der Bundesrepublik gekommen". Und das habe man geschafft, "indem wir aufeinander aufpassen".

Laut RKI-Chef Wieler konnten zwischen Januar und Juli durch das Impfen bundesweit mehr als 700.000 Infektionen mit dem Coronavirus verhindert werden. Hinzu kämen mehr als 20.000 Einweisungen auf Intensivstationen. "Impfen ist das mächtigste Werkzeug gegen Covid-19", betonte Wieler. Denn es schütze den Geimpften selbst, zeige Solidarität mit anderen und schütze zudem Kinder, die noch zu jung seien, um selbst geimpft zu werden.

Ärztepräsident für "Neuaufstellung" der Impfkampagne

Zuvor hatte auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa dafür plädiert, die Impfkampagne "komplett neu aufzustellen", um "noch Unentschlossene zu erreichen". Das Werben mit der Aufforderung "Ärmel hoch" habe anfangs genützt. Jetzt seien jedoch "viel zielgenauere Kommunikationsmaßnahmen und niedrigschwellige Impfangebote" nötig.

Auch Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping vertrat im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF die Auffassung, ortsnahe Angebote könnten eher von den Menschen angenommen werden. Sie sieht zum einen in teils mangelnder Aufklärung einen Grund für die stockende Impfkampagne. Zum anderen hänge es auch vom direkten Umfeld der Menschen ab. Sei dort niemand geimpft, fühle es sich vielleicht komisch an, der oder die Einzige zu sein.

In Sachsen sind bislang 52,6 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft - und damit ist Sachsen Schlusslicht unter den Bundesländern. An der Spitze stehen laut Spahn Bremen, Nordrhein-Westfalen, das Saarland und Schleswig-Holstein mit einer Impfquote von jeweils mehr als 70 Prozent. "Wenn wir Impfquoten wie in diesen Ländern erreichen, wird es ein sicherer Winter für uns alle", twitterte der CDU-Minister.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. September 2021 ab 12:00 Uhr.

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