Jugendliche Schüler gehen in Niedersachsen zur Schule. | dpa
Analyse

Corona-Pandemie Kümmert sich die Politik genug um Kinder?

Stand: 29.07.2022 16:53 Uhr

Kinder und Jugendliche aus prekären Verhältnissen trifft die Coronakrise besonders hart. Pandemie bedeutet für diese Gruppe Dauerstress. Kümmert sich die Politik genug?

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

Die Studienerkenntnisse zu Pandemiefolgen für Kinder und Jugendliche sind inzwischen erdrückend. Körperliche und psychische Folgen sind erkannt - vor allem für die Gruppe der Jüngeren, die ohnehin benachteiligt ist. Sei es durch eine prekäre Familiensituation, in der durch Armut, Krankheit oder Gewalt Kinder ohnehin leiden. Sei es durch Migrationshintergrund, mit dem Eltern Kinder beim Spracherwerb nicht unterstützen können.

Corinna Emundts tagesschau.de

Die Politik weiß das. Der von der Ampelkoalition berufene Corona-Expertenrat hat dieser Altersgruppe im Februar ein eigenes Papier gewidmet - mit der Aufforderung, das Kindeswohl "prioritär zu berücksichtigen", erneut in ihrer jüngsten Empfehlung zum Herbst 2022. Doch machen sich Experten Sorgen, dass die Pandemie erneut zu Lasten der Jüngsten geht. Und dort vor allem denen weiter schadet, die es ohnehin schwer haben. "Es reicht nicht zu sagen, dass Schulen offen bleiben - es braucht begleitende Konzepte", sagt Julian Schmitz, Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychotherapie an der Uni Leipzig.

"Hohe hohe zusätzliche Leistung für Jugendliche"

Der Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung, Gebhard Hentschel, bestätigt dies:

Die Belastungen für die beschriebenen Gruppen sind sehr hoch und verlangen den sich entwickelnden Kindern und Jugendlichen eine hohe zusätzliche Leistung ab. Je höher die Belastungen unabhängig von der Pandemie sind, desto stärker können auch die Auswirkungen von zusätzlichen Pandemiebelastungen sein - und desto weniger Schutz- und Kompensationsmöglichkeiten können vorliegen.

Die Pandemie im dritten Jahr: Das bedeutet auch, dass die Politik Lehren aus ihren bisherigen Maßnahmen ziehen muss. Besonders deutlich wird das am Thema Schulschließungen - die soll es nicht mehr geben. Die Ausgangslage hat sich jedoch im dritten Pandemiejahr verändert. Kinder ab fünf Jahren und Jugendliche können sich inzwischen impfen lassen, viele haben die Krankheit bereits durchgemacht - oder weisen gar beides auf. Entsprechend entspannt gehen inzwischen viele Nicht-Risiko-Familien, in denen kein Mitglied Vorerkrankungen hat, mit dem Virusgeschehen um. Sie erwarten die alte Normalität in Schulen und Kitas.

Für sie muss die Infektionsschutz-Politik genauso passen wie für besorgtere Eltern, Lehrerschaft und Erzieher, die sich mehr allgemeingültige Schutzvorgaben wünschen. Und erst recht für sogenannte Schattenfamilien, die sich stark isolieren, weil ein Familienmitglied vorerkrankt ist und eine Infektion lebensgefährlich sein könnte. Klar ist: Die Politik kann es hier gar nicht allen recht machen.

Doch das Dilemma der Politik ist im dritten Pandemiejahr ein anderes geworden: Musste sie in den ersten anderthalb Pandemie-Jahren ohne Impfmöglichkeit abwägen zwischen dem Recht auf Bildung vor Ort - nicht nur im Home Schooling - und andererseits der gesundheitlichen Unversehrtheit von Schülerinnen und Schülern, deren Eltern und Lehrkräften. Inzwischen ist das Dilemma anders gelagert: Einerseits will man die Gruppe der besonders stark belasteten Kinder und Jugendlichen nicht erneut in die Isolation schicken, um sie noch weiter in ihrer Entwicklung zu beeinträchtigen - also Kitas und Schulen offen zu halten. Anderseits muss das Infektionsgeschehen im Falle einer krank machenderen und tödlicheren Virusvariante unter Kontrolle gehalten werden.

Corona-Politik: Einer der Streitpunkte der Koalition

Es ist kein Geheimnis, dass hier Grüne und SPD-Minister Karl Lauterbach teilweise mit der FDP bis heute nicht einig sind - das wurde bereits in den Koalitionsverhandlungen deutlich. Die Corona-Politik ist neben der Finanzpolitik eines der Haupt-Streitpunkte der Koalition. Aber auch die Interessen der Länder müssen beim Infektionsschutzgesetz (IfSG) berücksichtigt werden. Die Gesundheitsministerinnen und -minister der Länder hatten vom Bund mit Blick auf den Start des neuen Schuljahres noch vor der parlamentarischen Sommerpause Klarheit über gesetzliche Rahmenbedingungen gefordert. Ohne Erfolg.

Es geht etwa um das Maskentragen in Innenräumen, das die Länder auch für Schulen nach der aktuellen Fassung des Infektionsschutzgesetzes nicht anordnen können - ohne dass der Bundestag eine epidemische Lage nationaler Tragweite erneut beschließt oder das IfSG korrigiert, das in seiner aktuellen Fassung bis zum 23. September gilt. So konnte es die CDU-Schulministerin Nordrhein-Westfalens in ihrem aktuellen Handlungskonzept diese Woche nur "empfehlen". Ihr Bundesland startet bereits am 10. August wieder in den Schulbetrieb.

Doch es reicht politisch nicht, auf das Infektionsschutzgesetz zu schauen. Eine Impfstrategie und Testverordnung muss her, betont Gesundheitsminister Lauterbach. "Wenn es eine Teststrategie gibt, braucht es auch eine Isolationsstrategie", sagt Experte Schmitz. Etwa aufsuchende Sozialarbeit, die die gestressten Familien nicht allein lasse. Da sei "nichts in Sicht".

Aber es gilt auch, politische Ziele des Koalitionsvertrages schnell umzusetzen, die für Kinder und Jugendliche jetzt wichtig sind. Ausreichend Therapieplatze etwa. "Gerade in Regionen mit weniger niedergelassenen Therapeuten können sich damit lange Wartezeiten ergeben", heißt es vom Psychotherapeutenverband. Es sei daher wichtig, dass psychotherapeutische Behandlungsplätze ausgebaut werden, insbesondere in strukturschwachen Regionen. Und Förderprogramme für gesunde Ernährung wie Bewegung. Beides: Übergewicht und Bewegungsmangel haben bei Kindern und Jugendlichen in Folge der Pandemie zugenommen.

Therapieplätze, digitale und sportliche Angebote

Einiges passieren muss auch noch beim Koalitionsziel Digitalisierung: Schulen brauchen weiter Unterstützung und Mittel, sich so auszustatten und Lehrpersonal so weiterzubilden, dass der Unterricht für Schülerinnen und Schüler in Quarantäne gut mitverfolgt werden kann. Für Kinder aus Mehrkindfamilien können schließlich auch ohne Schulschließungen längere Quarantänezeiten zuhause entstehen, wenn sich Geschwister etwa nacheinander infizieren.

Viel zu tun für Bund und Länder. Das alles spricht eigentlich für einen baldigen Kinder- und Jugendgipfel zur Pandemiebewältigung - im Kanzleramt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Juli 2022 um 04:00 Uhr.