Eine Kellnerin mit Schutzmaske trägt in einem Restaurant Teller mit Essen. | dpa
Interview

Abkehr von Corona-Inzidenz "Es gibt kein Null-Risiko"

Stand: 24.08.2021 16:41 Uhr

Die Sieben-Tage-Inzidenz soll nicht mehr die entscheidende Rolle spielen, erste Bundesländer machen mehr Druck auf Ungeimpfte. Wie zielführend diese Maßnahmen sind, erklärt die Münchner Virologin Ulrike Protzer.

tagesschau.de: Die Bundesregierung plant in der Pandemie eine Abkehr von der Zahl 50 als Sieben-Tage-Inzidenz. Der richtige Zeitpunkt?

Ulrike Protzer: Ich halte das für sehr vernünftig. Wir raten dazu bereits eine ganze Weile. Die Inzidenz sagt nichts darüber aus, wie viele wirklich relevante, gefährlichere Infektionen wir haben. Die Bedeutung für die Krankheitslast ist hier völlig unterschiedlich: Je nachdem, ob Jüngere oder Ältere, ob Geimpfte oder Nicht-Geimpfte betroffen sind. Für die Krankheitslast braucht es einen eigenen, mindestens so wichtigen Messfaktor.

Ulrike Protzer | picture alliance/dpa
Zur Person

Ulrike Protzer übernahm Ende 2007 den Lehrstuhl für Virologie an der Technischen Universität München (TUM) und ist seitdem Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum München. Der Schwerpunkt ihrer Arbeiten liegt auf dem molekularen und immunologischen Verständnis der Viruskontrolle.

tagesschau.de: Was schlagen Sie da vor?

Protzer: Meines Erachtens ist die Aufnahme von Covid-19-Patienten in die Krankenhäuser ein guter Parameter - also die sogenannte Hospitalisierungsrate, die natürlich ins Verhältnis zur Einwohnerzahl gesetzt werden muss. Man kann sie regional aufgeteilt und tagesaktuell bestimmen. Das zeigt an, wie hoch die Belastung der Krankenhäuser ist - und von welcher Entwicklung man ausgeht. Man kann davon auch die erwartete Belegung der Intensivstationen ableiten.

"Wer sich nicht impft, geht bewusst ein Risiko ein"

tagesschau.de: Trotzdem gibt es Kritik. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach spricht von einer "zynischen Entscheidung" jetzt, wo die Inzidenzen signifikant steigen. Zudem hinke dieser Indikator dem eigentlichen Infektionsgeschehen hinterher.

Protzer: Man muss einfach beides im Blick behalten - die Inzidenzwerte und die Hospitalisierungsrate. Die Infektionsinzidenz ist relevant, um eine Idee zu haben, was gerade bei uns passiert. Die Hospitalisierungsrate hilft uns, zu steuern. Denn wir werden die Infektionen ja nicht komplett auf "Null" kriegen.

Und jeder hat inzwischen die Möglichkeit, sich durch eine Impfung zu schützen, mal ausgenommen Kinder unter zwölf Jahren. Wer das nicht tut, geht ganz bewusst ein Infektionsrisiko ein. Ab einem gewissen Punkt ist zu überlegen, wieviel die Gesellschaft in den Schutz derer investiert, die sich selber nicht schützen wollen. Wenn man wegen dieser Gruppe und der von ihr verursachten hohen Inzidenzen die Wirtschaft wieder herunter fahren oder Schulen schließen muss, dann finde ich das schwierig. Weil es erhebliche Folgen für den Rest der Gesellschaft hat.

tagesschau.de: Macht die Politik diesen Schritt, jetzt von der Inzidenz abzugehen, nicht zu Lasten der Kinder, die nicht geimpft werden können und sollen?

Protzer: Kinder haben ein sehr geringes Risiko, an einer Corona-Infektion schwerer zu erkranken. Über Long Covid bei Kindern ist die Datenlage noch nicht ganz so gut - aber man weiß aus anderen Typen von Virusinfektionen, dass Langzeitfolgen erst mit dem Jugendalter eintreten. Und für Jugendliche ist der Impfstoff ja zugelassen.

Kinder verbreiten zudem die Infektion nicht so stark wie Erwachsene. Sie können sich natürlich anstecken - aber die großen "Superspreader"-Ausbrüche werden erst ab dem Alter von 16 Jahren beobachtet.

tagesschau.de: Hamburg will nun ein sogenanntes 2G-Modell einführen, das Geimpfte und Genesene klar bevorzugt - etwa bei Veranstaltungen und Restaurantbesuchen. Macht es Sinn, von der europaweit recht verbreiteten 3G-Regel abzugehen?

Protzer: Man hat einfach ein hohes Restrisiko mit den Schnelltests: "Getestet" zu sein, ist aus virologischer Sicht ein sehr flüchtiger und unsicherer Status: Er hält höchstens 24 Stunden und bei symptomlos Infizierten sind die Schnelltests einfach ungenau. Sie zeigen nur zu 50 bis 60 Prozent korrekt an, ob jemand infiziert ist.

Die Regelung "Genesen oder Geimpft" gibt deutlich mehr Sicherheit und ist einfacher umzusetzen. Etwa bei größeren Veranstaltungen alle drei "Gs" gleichzeitig kontrollieren zu müssen, bedeutet auch einen viel höheren Aufwand für die Organisatoren. Insofern kann ich diese Entscheidung sehr gut nachvollziehen.

Infektionen bei Geimpften verlaufen oft mild

tagesschau.de: Glauben Sie neben dem Sicherheitsaspekt auch an eine erzieherische Wirkung, dass sich also Impfunwillige dann doch noch umentscheiden?

Protzer: Ich bin keine Psychologin, um das beurteilen zu können. Aber man kann ja in andere Länder schauen, was dort nach Einführung der 2G-Regel passierte. In den USA etwa haben solche Einschränkungen tatsächlich dazu geführt, dass sich deutlich mehr Menschen haben impfen lassen.

tagesschau.de: Womit haben wir im Herbst zu rechnen, wenn bis dahin noch mehr Menschen vollständig geimpft sind? Kann es dennoch Inzidenzwerte von mehreren Hundert geben, wie manche bereits hochrechnen?

Protzer: Die Impfquote wird sich in jedem Fall deutlich auf die Inzidenz auswirken. Aus Bayern wissen wir, dass die Inzidenz vergangene Woche bei Ungeimpften bei 40 lag - und bei Geimpften bei vier! Es gibt einen deutlichen Unterschied, aber auch bei Geimpften ist die Infektion nicht bei "Null", das muss man wissen. Die Infektionen Geimpfter verlaufen meist sehr mild, in der Hälfte der Fälle sogar komplett asymptomatisch - aber nicht immer.

"Vorsichtsmaßnahmen müssen beibehalten werden"

Mit der sehr infektiösen Delta-Variante werden wir sicher wieder einen deutlichen Anstieg der Infektions-Inzidenz sehen. Das wird man zum einen nur durch die Impfquote beeinflussen können - und zum anderen müssen wir unser Verhalten weiterhin anpassen. Sprich: Vorsichtsmaßnahmen wie das Tragen von Masken werden den Herbst und Winter durch beibehalten werden müssen, sei es in Innenräumen mit vielen Menschen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln.

tagesschau.de: Ab wann wäre ein teilweiser Lockdown wieder nötig - oder müssen wir darüber nicht mehr nachdenken?

Protzer: Ab wann - das ist eine schwierige und letztlich politische Frage. Man kann sich überlegen, dass man die Inzidenzen mit den Impfquoten und der Krankheitslast verrechnet. Dann könnte man zwei bis drei Mal höhere Inzidenzen bei der momentanen Impflage inzwischen tolerieren kann. Je mehr wir impfen, desto besser wird die Quote. Aber wir könnten nicht plötzlich eine Inzidenz von 1000 tolerieren, dann wären die Krankenhäuser vermutlich zu stark belastet - aber das messen wir ja jetzt separat.

Das Gespräch führte Corinna Emundts, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. August 2021 um 12:40 Uhr.