Eine Schülerin liest sich Abituraufgaben durch. | dpa

Schulstart und Omikron Abi-Prüfung mit Maske

Stand: 06.01.2022 12:34 Uhr

In dieser Woche hat vielerorts wieder der Schulunterricht begonnen - trotz Omikron überwiegend in Präsenz. Eine Überraschung gab es für die Abi-Jahrgänge in Rheinland-Pfalz.

Von Vera Schmidberger, SWR

"Das war wieder sehr kurzfristig", sagt Schulleiter Armin Rebholz vom Werner-Heisenberg-Gymnasium im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim. Er meint die neue Maskenpflicht für Abiturientinnen und Abiturienten. Anders als in den übrigen Bundesländern haben in Rheinland-Pfalz in dieser Woche schon die Abiturprüfungen begonnen. Mit Biologie und Physik ging es am Heisenberg-Gymnasium los.

Vera Schmidberger

Dass die Schülerinnen und Schüler während der langen schriftlichen Prüfungszeit bis auf Lüftungspausen durchgehend eine Maske tragen müssen, hatte die Schulleitung erst am letzten Tag vor den Weihnachtsferien erfahren. Auch mit kurzfristig geänderten Abständen der Tische musste Rebholz umgehen: "Vorher waren es 1,5 Meter, jetzt sind es zwei Meter - da mussten wir für die Räume wieder neue Sitzpläne machen. Und das, obwohl der letzten Schultag vor den Ferien sowieso immer sehr hektisch ist."

Maskenpflicht als Abi-Nachteil?

Gegen die Maskenpflicht bei den schriftlichen Abiturprüfungen protestieren sowohl die Landesvertretung der Schülerinnen und Schüler als auch der rheinland-pfälzische Landeselternbeirat: Das durchgehende Tragen der Maske erschwere Konzentration und Leistungsfähigkeit und sei ein weiterer großer Nachteil für diesen Abiturjahrgang.

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) bleibt dennoch dabei - sie sieht in den Maßnahmen die nötigen Vorkehrungen gegen die Omikron-Welle. Die Betroffenen selbst nehmen es am ersten schriftlichen Prüfungstag meist mit Gelassenheit: "Ja, es war schon anstrengend", berichtet die 19-jährige Natalia Bernatowska. Zwischendurch habe sie ein bisschen Kopfschmerzen gehabt.

Dass die Maskenpflicht während der Abiturprüfungen so kurzfristig noch verhängt wurde, hätten die Schülerinnen und Schüler nicht gedacht. "Aber man muss sich ja damit arrangieren", meint Natalia.

Ruhiger Start in Schwerin

Rund 700 Kilometer nordöstlich von Bad Dürkheim, an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule in Schwerin, ist man dagegen ziemlich erleichtert über den eher ruhigen Start nach den Weihnachtsferien: "Nur zehn Schüler in Quarantäne, und zum Glück sind das nur Reiserückkehrer und Kontaktpersonen", freut sich Schulleiterin Vera Arndt. Kein Wunder, Arndts Schule hatte vor den Ferien eine heftige Krankheitswelle zu bewältigen: Ein Drittel der Lehrkräfte fehlte. Die Schulleiterin sieht darin eine Folge der extrem starken Belastungen durch die Pandemie.

Nun freut sie sich darüber, dass auch Sport- und Musikunterricht endlich wieder normal stattfinden darf. Auch in Mecklenburg-Vorpommern gelten seit dieser Woche neue Regelungen. Mit einem Drei-Phasen-Modell reagierte das Bildungsministerium auf die Omikron-Welle. Das erklärte Ziel: möglichst viel Präsenzunterricht zu sichern.

Schule entscheidet selbst

Dabei wird nun auch der Krankenstand der Lehrkräfte berücksichtigt. Sollte es gerade unter den Lehrenden zu vermehrten Ausfällen kommen, können die Schulen, abhängig von der Anzahl der Infektionsfälle und den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten, Präsenz-, Wechsel- oder Distanzunterricht abhalten. Das Modell berücksichtigt, wie viele Lehrkräfte einer Schule noch zur Verfügung stehen. "Jetzt entscheiden wir als Schule selbst, wie wir den Unterricht im Rahmen dieser Phasen organisieren, und müssen darüber nur noch das Schulamt informieren", sagt Schulleiterin Arndt.

Ein rosa eingefärbter Corona-Test liegt auf Buntstiften. | dpa

An Schulen wird regelmäßig getestet. Bild: dpa

Besonders für die fünften und sechsten Klassen sowie die Abschlussjahrgänge soll der Präsenzunterricht gesichert werden. "Wir können damit so viel wie möglich Unterricht organisieren, ohne dass es zu Doppelbelastungen für die Lehrkräfte kommt, weil wir vermeiden, dass sie Präsenz- und Distanzunterricht parallel machen müssen", so Arndt. Sie hoffe, dass damit Druck vom Lehrpersonal genommen werden könne. "Denn je mehr Vertretungsunterricht wir bei Krankheitsfällen anweisen müssen, desto mehr stoßen wir an unsere Grenzen."

Besorgte Eltern

Steigende Infektionszahlen und die Folgen für den Schulbetrieb treiben auch die Eltern der Schülerinnen und Schüler vielerorts um. Christiane Gotte vom Bundeselternrat berichtet, dass die Zahl von Zuschriften besorgter Eltern wieder zunehme. "Wir erkennen daran, wie groß die Nöte und Existenzängste der Familien sind", so Gotte. Für die betroffenen Eltern sei es daher sehr wichtig, dass der Präsenzunterricht gerade für die Primarstufen weiter stattfinden könne.

Thüringen startet mit Distanzunterricht

Anders ist die Situation in Thüringen: Als einziges Bundesland war Thüringen nach den Ferien am Montag mit zwei Tagen Distanzunterricht gestartet. "Für Eltern bedeutet das, erneut Kinderbetreuung, Job und Alltag koordinieren und absichern zu müssen", klagt die Landeselternvertretung. Sie fordert konkrete finanzielle Unterstützung, etwa die Zahlung von Kinderkrankengeld bei Krankheit und Quarantäne ohne zeitliche Begrenzung und eine steuerfinanzierte Lohnfortzahlung für Kinderbetreuung wegen Schulschließungen.

Kinderärzte warnen vor negativen Folgen

Auch die Kinder- und Jugendärzte weisen auf die negativen Folgen von Schulschließungen hin. Die Erfahrungsberichte aus Kinderarztpraxen zu Beginn der Pandemie seien inzwischen mit belastbaren Zahlen untermauert: "Psychiatrische Erkrankungen haben massiv zugenommen", sagt Jacob Maske vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte im Gespräch mit tagesschau.de. Hinzu kämen Gewichtsprobleme, Spielsucht und extreme Bildschirmzeit. "All das hat zugenommen, dadurch haben Kinder viel größere Schäden erlitten als durch die Infektion selber. Und das ist etwas, was uns sehr alarmiert und warum jede weitere Schulschließung verhindert werden muss."

Mit Blick auf die steigenden Infektionszahlen infolge der Omikron-Variante erinnert der Kinder- und Jugendmediziner daran, dass eine so häufig getestete Gruppe wie Schülerinnen und Schüler im Vergleich zu weniger häufig getesteten Gruppen immer höhere Inzidenzen anzeigen wird. "Falls man durch Omikron in eine außergewöhnliche Infektionslage kommen sollte, dann muss es so sein, dass zunächst alle anderen Einrichtungen geschlossen werden und als letztes die Schulen", so Maske. Denn Schulschließungen verursachten massive Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.

Impfpflicht für Lehrpersonal?

Die Impfung von Erwachsenen sei weiterhin der beste Schutz für Kinder und Jugendliche, führt er aus. In seinen Appell für eine umgehende Impfpflicht schließt Maske die Lehrerinnen und Lehrer ausdrücklich mit ein: "Wir brauchen schnellstmöglich die Impfpflicht für Lehrende und Berufe, die mit Kindern arbeiten. Wieso die Impfpflicht erst im März und nicht sofort eingeführt werden soll, bleibt unverständlich."

Dem widerspricht Maike Finnern von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie verweist auf die hohen Impfquoten innerhalb der Lehrerschaft. Eine Impfpflicht lehnt die GEW ab. Sie löse nicht die grundsätzlichen Probleme des Schulbetriebs.

Mehr Planungssicherheit

Gespannt blicken die Schulen nun mal wieder auf die Konferenz von Bund und Ländern am Freitag. Fast zwei Jahre Pandemie-Management haben Kraft und Nerven gekostet. Oft genug hat Schulleiter Rebholz aus Bad Dürkheim freitagnachmittags Mails aus dem Kultusministerium bekommen und musste die darin festgelegten Regelungen übers Wochenende umsetzen. Er fordert rechtzeitig klare Beschlüsse. "Wir erwarten, dass man nicht erst wieder am Tag vorher erfährt, wie die Schule auf Omikron zu reagieren hat."

Auch die GEW beklagt fehlende Planungssicherheit und den föderalen Flickenteppich: Nun müsse endlich bundesweit einheitliche Handlungsweisen geben, meint Gewerkschafterin Finnern. "Wir haben in den letzten zwei Jahren immer wieder erlebt, dass Gesundheitsämter bei Quarantäneregeln für Kinder so unterschiedlich entschieden haben, dass das für viele nicht mehr nachvollziehbar war."

Trotz allem, was die Schulen seit Pandemiebeginn geleistet haben, trotz vielerorts besserer technischer Ausstattung und neuer Erfahrungen mit Online-Lernplattformen oder Wechselunterricht: "Das Schlimmste, was wir unseren Kindern antun können, ist Schulschließung und Distanzunterricht", betont Schulleiterin Arndt aus Schwerin. "Weil wir dann definitiv nicht alle erreichen, und es gehen den Schülerinnen und Schülern neben den Lerninhalten wichtige soziale Kompetenzen verloren." Die Schule sei wichtig als strukturierender Ort.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. Januar 2022 um 09:10 Uhr und 10:00 Uhr.