Ein geschlossenes Geschäft | dpa

Experten zu Öffnungsstrategien Acht Wege aus dem Lockdown

Stand: 03.03.2021 05:02 Uhr

Zwischen dritter Welle und Öffnungsdruck: Beim Corona-Gipfel beraten Bund und Länder heute über Wege aus dem Lockdown. Wie kann eine intelligente Öffnungsstrategie für Deutschland aussehen? tagesschau.de hat Experten befragt.

Schon beim vergangenen Corona-Gipfel am 10. Februar standen Bund und Länder unter enormem Erwartungsdruck - und er ist nicht gerade kleiner geworden: Perspektiven sollen her, Wege aus dem Lockdown, Lockerungen und Öffnungen. Die Öffnungen der Friseursalons am Montag boten ein erstes Ventil, doch weitere Wirtschaftsbereiche fordern eine Rückkehr zu mehr Normalität - und sei es auch nur eine Aussicht auf Erleichterungen.

Viele Menschen sind zunehmend Lockdown-erschöpft. Doch die steigenden Infektionszahlen und die Ausbreitung der neuen Virusvarianten lassen eigentlich wenig Spielraum für Lockerungen. Oder sind mehr Schnelltests und schnellere Impfungen die "Game-Changer"? Bund und Länder stehen einmal mehr vor einem schwierigen Corona-Gipfel.

Wie könnte eine intelligente Öffnungsstrategie für Deutschland aussehen? tagesschau.de hat Expertinnen und Experten aus verschiedenen Fachbereichen gefragt.

Michael Meyer-Hermann, Immunologe

"Eine umsichtige Öffnungsstrategie setzt voraus, dass die Inzidenz niedrig genug ist, um Kontaktcluster flächendeckend wirklich vollständig nachzuverfolgen. Davon sind wir derzeit leider noch etwas entfernt. Ziel ist es daher zunächst, keine Neuinfektionen mehr zu haben, deren Ursprung nicht einer Infektionskette zugeordnet werden kann. Würde dies erreicht, könnten dann regional sehr weitgehende Lockerungen stattfinden, wie ausführlich in den Dokumenten der No Covid-Strategie beschrieben. Dies müsste von umfangreichen Tests und einer sofortigen Isolation gefundener Fälle begleitet werden.

Auf neue Ausbrüche müsste sofort und entschieden reagiert werden. So könnten Regionen geschaffen werden, sogenannte Grüne Zonen, in denen alle neu auftretenden Fälle rasch eingegrenzt und isoliert werden und das Ansteckungsrisiko trotz eines weitgehend normalen Alltags mit normaler wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aktivität sehr niedrig gehalten werden kann."

Michael Meyer-Hermann ist seit 2010 Leiter der Abteilung System Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Er gehört zu den Verfassern des "No Covid"-Strategiepapiers. Das Ziel: Neuinfektionen, Todesfälle und sich in die Länge ziehende Lockdowns künftig zu verhindern.

Michael Meyer-Hermann | anna.laclaque

Immunologe Michael Meyer-Hermann: "Neu auftretende Fälle sollten in Grünen Zonen eingegrenzt und isoliert werden." Bild: anna.laclaque

Jutta Allmendinger, Soziologin

"Die Strategie für den gesellschaftlichen Umgang mit der Pandemie ist bislang geprägt von einem Entweder-oder. Wir sehen das am deutlichsten in der Bildung: entweder Schließung von Kitas und Schulen oder deren Öffnung. Zwischentöne scheint es nicht zu geben. Das Ergebnis ist ein entsetzliches Hin und Her für viele Kinder und Eltern. Wir müssen weg von diesem binären Blick auf mögliche Lockerungen.

Und punktuell wurde es ja schon vorgemacht. So hat Berlin für Abschlussprüfungen an Hochschulen große Ballsäle der Stadt angemietet - ein Weg, der vor einem Jahr wohl undenkbar gewesen wäre. Kitas und Schulen dagegen klagen weiterhin über zu wenig Platz. Warum nutzt man die leerstehenden Hotels, Konzerthallen und Museen nicht für den Unterricht? Bezahlte Unterstützung bei der Beschulung könnten außerdem Studierende leisten, die durch Corona ihre Einkünfte verloren haben. Meine Lockerungsstrategie würde auf solche sozialen Innovationen setzen."

Jutta Allmendinger ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Sie fordert, dass die Politik in der Corona-Krise nicht nur auf Virologen hören sollte, sondern auch auf die Sozialwissenschaften. Da die Lasten der Krise nicht gerecht verteilt seien, warnt sie vor einem Vertrauensverlust.

Jutta Allmendinger | WZB/ David Ausserhofer

Soziologin Jutta Allmendinger: "Auf soziale Innovationen setzen" Bild: WZB/ David Ausserhofer

Clemens Fuest, Ökonom

"Die deutsche Wirtschaft insgesamt entwickelt sich derzeit trotz der Lockdown-Maßnahmen stabil, vor allem durch die gute Industrie-Konjunktur. In den besonders betroffenen Sektoren sind die Belastungen dennoch groß. Besonders problematisch ist die Beeinträchtigung des Schulunterrichts. Gleichzeitig steigen derzeit die Infektionen mit der höchst ansteckenden britischen Virusvariante wieder an. Größere Öffnungen ohne zusätzliche Vorkehrungen werden absehbar eine dritte Infektionswelle und damit den nächsten Lockdown auslösen. Deshalb ist es essenziell, die Strategie des Testens und Nachverfolgens von Infektionen grundlegend zu ändern und Öffnungen an überzeugende Testkonzepte zu binden. Das ist der Ansatz der No-Covid-Strategie.

Mehr Tests sowie schnellere Nachverfolgung und Isolierung haben zwei Vorteile: Erstens wird die Verbreitung des Virus eingedämmt, weil mehr Infektionen gefunden werden. Zweitens werden sichere Öffnungen von Schulen, Einkaufzentren und anderen Bereichen ermöglicht. Dringend erforderlich ist außerdem eine Beschleunigung der Impfungen."

Clemens Fuest ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Präsident des ifo Instituts und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesministerium der Finanzen. Fuest gehört auch zu den Verfassern des No-Covid-Strategiepapiers.

Clemens Fuest | picture alliance / Soeren Stache

Ökonom Clemens Fuest: "Keine größere Öffnungen ohne zusätzliche Vorkehrungen" Bild: picture alliance / Soeren Stache

Klaus Stöhr, Epidemiologe

"In einer Pandemie sollte es keine isolierte Lockerungsstrategie geben. Man benötigt einen elastischen, professionellen Pandemiestufenplan - wie ihn unsere Arbeitsgruppe beschreibt. Dieser macht für die einzelnen Lebensbereiche, wie etwa Kitas, Einzelhandel oder Restaurants, transparent vorhersagbar, was bei welcher Situation für die Bekämpfung auf dem langen Weg zum Pandemieende notwendig ist. Dies gilt auch für Öffnungen. Er gibt nicht nur den Menschen die notwendige Perspektive und Positivagenda, er beendet auch das 'Auf-Sicht-Stolpern' von einer Kanzlerrunde zur nächsten.

In vielen unserer Nachbarländer sind bei hohen Sieben-Tage-Inzidenzen von 100 oder gar 150 bereits Kitas, Grundschulen und Geschäfte geöffnet; natürlich mit flankierenden Hygieneplänen und Teststrategien. Und wie hierzulande sterben dort auch immer weniger Menschen im Zusammenhang mit dem Virus. Die Zahl der Sterbefälle liegt beispielsweise in Österreich, Schweden und der Schweiz sogar unter dem Niveau Deutschlands. Ich sehe wenig Argumente gegen die überfällige politische Entscheidung, jetzt mit überlegten Schritten und Hygieneplänen zum Beispiel den Einzelhandel zu öffnen."

Klaus Stöhr ist Virologe und Epidemiologe. Er war unter anderem Chef des Globalen Influenza-Programms der Weltgesundheitsorganisation sowie SARS-Forschungskoordinator bei der WHO. Nach seiner Zeit bei der Weltgesundheitsorganisation war er am Forschungsstandort Cambridge in der Impfstoffentwicklung für das Pharmaunternehmen Novartis tätig. 

Klaus Stöhr | privat

Epidemiologe Klaus Stöhr: "Ein Ende des 'Auf-Sicht-Stolpern'" Bild: privat

Dirk Brockmann, Physiker

Wir dürfen nicht den Fehler wiederholen und uns damit aufhalten darüber zu diskutieren, ob wir am Anfang einer dritten Welle stehen oder nicht. Die britische Virusvariante B.1.1.7 setzt sich durch, wird dominant und wird das Infektionsgeschehen bestimmen. Wir haben es zwar mit einer ansteckenderen Variante zu tun, aber wir haben auch neue Waffen gegen das Virus: Schnelltest, Impfstoffe und neue Technologien, wie die Luca-App. Die Impfstoffe müssen mit maximaler Geschwindigkeit verimpft werden - jetzt! Das kann eine dritte Welle schon ausbremsen.

Man kann zwar das Virus nicht weg testen. Dennoch kann breites und häufiges Testen das Infektionsgeschehen enorm bremsen. Der Lockdown kostet etwa drei Milliarden Euro pro Woche, allein in Deutschland. Das sind etwa 430 Millionen Euro täglich. Breit angelegtes Testen kostet nur einen Bruchteil. Wir müssen auch endlich differenzierter auf das Infektionsgeschehen schauen: Es nützt wenig, wenn die gleichen Regelungen für Landkreise mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von unter zehn und solchen von über 200 gelten. Das ist wie wenn ich Löschflugzeuge über der Antarktis fliegen lasse, nur weil es in Kalifornien brennt. Wenn man kluge Teststrategien hat, kann man auch lokal öffnen, aber muss dort auch das Infektionsgeschehen im Auge haben. Der Weg zu graduellen Öffnungen sind Impfungen, Tests in Betrieben, Schulen und Kitas sowie die Luca-App.

Dirk Brockmann ist Physiker und Professor am Institut für Biologie der Humboldt-Universität zu Berlin und am Robert Koch-Institut. Er ist bekannt für seine Arbeiten zu komplexen Systemen, computergestützter Epidemiologie und menschlicher Mobilität.

Dirk Brockmann | privat

Physiker Dirk Brockmann: "Lokale Öffnungen mit klugen Teststrategien" Bild: privat

Clemens Wendtner, Chefarzt

"Entscheidungen und auch die Öffnungsstrategie sind Aufgabe der Politik. Aus medizinischer Sicht wäre wichtig, dass wir sowohl die Inzidenzzahlen und auch den R-Wert nicht aus den Augen verlieren. Das gilt für die lokalen Ebenen genauso wie für Deutschland und auch grenzübergreifend. Welche Folgen ein exponentielles Wachstum bei den Infektionszahlen hat, haben wir bereits erleben müssen. Und wir wissen auch, wie schwer es ist, die Infektionen dann wieder auf ein erträgliches Maß zu senken.

Mit den vorhandenen Impfstoffen - die allesamt hochwirksam und gut sind - und darüber hinaus mit den Schnelltests, haben wir inzwischen gute Möglichkeiten an der Hand, um bis hinuntergebrochen auf eine lokale Ebene kluge Konzepte zu entwickeln, die hoffentlich eine Balance aus individueller Freiheit, Öffnung und gleichzeitig notwendigem Schutz vor Infektion und damit dem Schutz für andere möglich machen. Im Kern haben wir es auch weiterhin selbst in der Hand, indem wir uns konsequent an die Abstands- und Hygieneregeln halten. Für den Ausweg aus der Pandemie muss es darüber hinaus gelingen, beim Impfen die wichtige und viel zitierte Geschwindigkeit zu erhöhen, um möglichst rasch eine hohe Zahl geschützter Bürgerinnen und Bürger zu haben." 

Clemens Wendtner ist Chefarzt der Infektiologie in der München Klinik Schwabing. In seiner Klinik lagen vor einem Jahr die ersten Corona-Patienten Deutschlands.

Clemens Wendtner | privat

Chefarzt Clemens Wendtner: "Impfen, Schnelltests sowie Abstands- und Hygieneregeln" Bild: privat

Kai Nagel, Mobilitätsforscher 

"Intelligent lockern und intelligenter bekämpfen: Durch eine geschickte Gestaltung von Infektionsschutzmaßnahmen lassen sich Öffnungen in relevanten Gesellschafts- und Wirtschaftsbereichen mit einem weiteren Absinken der Fallzahlen kombinieren. Als Leitschnur sollte gelten: 'Kontakte außerhalb des eigenen Haushaltes in Innenräumen nur mit Schutzmaßnahmen'.

Eine gute Schutzmaßnahme sind Masken, und zwar auch in Mehrpersonenbüros beim Arbeiten, auch in Schulen während des Unterrichts, und auch bei privaten Besuchen. Weitere Schutzmaßnahmen sind Impfungen sowie Schnelltests (inklusive Selbsttests).  Bezüglich der Schnelltests zeigen unsere aktuellen Simulationen, dass quasi jede Teststrategie, die auf breit eingesetzten Schnelltests beruht, eine sehr gute Wirkung hat. Dies gilt selbst dann, wenn die Fehlerquote der Tests oder bei der Anwendung hoch ist." 

Kai Nagel ist Physiker und Leiter des Fachgebiets Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik an der Technischen Universität Berlin. Er untersucht mithilfe eines Simulationsmodells - das auch reale Mobilfunkdaten nutzt - wie sich das Coronavirus in Schulen, am Arbeitsplatz und auf Reisen verbreitet.

Kai Nagel | privat

Mobilitätsforscher Kai Nagel: "Kontakte nur mit Schutzmaßnahmen wie Masken und Schnelltests" Bild: privat

Claus Ruhe Madsen, Oberbürgermeister von Rostock

Unser Konzeptpapier "Pilot Rostock" für regionale Öffnungsschritte nimmt Fahrt auf. Wir haben Rückenwind aus der Bevölkerung und der Kommunalpolitik, aus Kammern, Verbänden und vom Verbraucherschutz sowie Unterstützung auf Landesebene erhalten. Über diese breite Unterstützung freuen wir uns sehr. Wir wollen Erkenntnisse gewinnen und Wissen sammeln, um in Zukunft datenbasiert agieren zu können und erneute Schließungen möglichst zu verhindern.

Friseure und Kosmetikstudios, die seit Montag hier wieder geöffnet haben, setzen dabei wie wir auf die digitale Kontaktenachverfolgung mit der Luca-App. Bisher mussten wenige viele Daten sammeln, jetzt können alle wenige Daten weitergeben. Der Rostocker Plan beinhaltet, Bildung und Kultur zu ermöglichen, Einzelhandel zunächst nach Terminvergaben und nach einzelnen Branchen zuzulassen, und auch wieder Leben zu ermöglichen. Uns ist klar, dass nicht alles und gleich zu 100 Prozent klappen wird. Dennoch sollten wir nach vorn schauen! Konzentrieren wir uns jetzt auf die Umsetzung und Erprobung von weiteren Lösungen.

Claus Ruhe Madsen ist Oberbürgermeister der Hanse- und Universitätsstadt Rostock. Das Rostocker Konzeptpapier für regionale Öffnungsschritte hat bundesweit Resonanz erfahren. Nach einem Ampel-System wird der Wert der Sieben-Tag-Inzidenz um weitere Daten ergänzt.

Claus Ruhe Madsen | dpa

Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen: "Wir setzen auf die digitale Kontaktenachverfolgung." Bild: dpa

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Februar 2021 um 11:05 Uhr in der Sendung "Interview der Woche" sowie das Erste am 02. März 2021 um 05:39 Uhr im ARD-Morgenmagazin.