Christian Wulff im Schloss Bellevue in Berlin, eine Rücktrittserklärung abgebend. | picture alliance / dpa

Zehnter Jahrestag der Mailbox-Nachricht Christian Wulff und sein Rubikon

Stand: 12.12.2021 13:50 Uhr

Am 12. Dezember 2011 hinterlässt Bundespräsident Wulff eine Mailbox-Nachricht mit fatalen Folgen. In der Causa Wulff geht es um Vorteilsnahme, Ansehen und die Rolle der Medien.

Von Christopher Jähnert, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Vor zehn Jahren nahm die Affäre um den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff ihren Anfang, die zum zweiten Rücktritt eines Staatsoberhaupts in kürzester Zeit führte. Am 12. Dezember 2011 sprach Wulff auf die Mailbox des damaligen Chefredakteurs der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann. Ein zentraler Satz, der vielen in Erinnerung geblieben ist: "Und da ist jetzt bei meiner Frau und mir einfach der Rubikon in dem Verhalten überschritten."

Christopher Jähnert ARD-Hauptstadtstudio

Die Mailbox-Nachricht bei Diekmann setzte Wulff in einer ohnehin schwierigen Zeit noch einmal mehr unter Druck. Neben Vorwürfen, er habe zu enge Kontakte zu Unternehmern und habe sich Urlaube schenken lassen, kam nun ein weiterer: Der Bundespräsident wolle missliebige Berichterstattung verhindern. Ein Angriff auf die Pressefreiheit, auf das Grundgesetz?

Dieser Vorgang galt als ungeheuerlich in einem Rechtsstaat wie Deutschland. Der Spiegel sprach von der "dunklen Seite des netten Herrn Wulff". Und auch in der Bevölkerung entwickelte sich die Stimmung nach Bekanntwerden zunehmend gegen den Bundespräsidenten.

Hatte Wulff etwas zu verbergen?

Worum es ging: Die "Bild" plante einen Bericht über die Vorgänge um den Kauf des Einfamilienhauses der Wulffs. Die Frage: Wie hat Wulff sein Haus in Großburgwedel bei Hannover finanziert? Der Verdacht: Ein Unternehmer könnte ihm das Geld dafür gegeben und sich so möglicherweise Wulffs Gunst gesichert haben.

Inzwischen ist bekannt, dass an diesen Vorwürfen nichts dran war. Und trotzdem sah Wulff nicht gut aus. Denn im Landtag von Hannover hatte er die Frage, ob er geschäftliche Kontakte zum Unternehmer Egon Geerkens unterhalte, verneint. Der Kredit für das Haus kam allerdings von Geerkens Ehefrau Edith.

Die Antwort war somit zwar nicht die Unwahrheit. Für viele Medien schien da allerdings klar zu sein: Dieser Mann hat etwas zu verbergen. Das löste einen Dominoeffekt aus - eine beispiellose Jagd, an der verschiedene Medien und Politiker beteiligt waren. Am Ende trat Wulff zurück. Der SWR-Podcast "Christian Wulff - der Fall des Bundespräsidenten" geht den Vorgängen noch einmal nach, will wissen, warum die Situation so eskaliert ist und wie die Beteiligten heute darüber denken.

Wulff räumt Fehler ein ...

Auch Wulff selbst äußert sich in dem Podcast. Im Interview gibt er zu, er bereue heute, dass er die Antwort im Landtag nicht etwas ausführlicher gegeben hat: "Ich hätte in der Landtagsanfrage offen sagen sollen, dass ich von der Frau den Kredit habe, aber dass zu dem Mann gefragt war. (…) Heute würde ich sogar sagen, ich hätte auch darlegen sollen, dass die Kinder der Frau, die mir den Kredit gegeben hat, bei uns hätten leben sollen, wenn den Eltern was zugestoßen wäre."

Er habe sich aber damals gedacht, das gehe keinen etwas an, so Wulff. Hätte er damals anders geantwortet, wäre er womöglich nie in die Schlagzeilen geraten.

Das Wohnhaus der Familie Wulff in Hannover. | picture alliance / dpa

Vor zehn Jahren bestimmte ein Haus in Großburgwedel die Schlagzeilen - von wem kam das Geld für den Kredit? Gab es eine Gegenleistung? Bild: picture alliance / dpa

... und spricht von einer "Bitte"

Wulff war sich seiner Sache offenbar sicher - und wollte deshalb bei der "Bild" um Aufschub bitten, wie er sagt: "Es war lediglich die Bitte, dass man mit der Veröffentlichung wartet, bis ich wieder in Deutschland bin, bis ich denen Rede und Antwort stehe. Und dass man nicht während meines Auslandsaufenthaltes solch eine Meldung raushaut." Wulff befand sich zum Zeitpunkt des Anrufs auf einem Staatsbesuch. Er habe nicht gedroht, so Wulff.

Ex-"Bild"-Chef Diekmann sieht das anders: "Wenn zwei Mal von 'Krieg' die Rede ist, dann ist das gar nicht anders zu verstehen als eine Drohung."

Deppendorf kritisiert Wortwahl

Für den damaligen Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, Ulrich Deppendorf, ist aber unabhängig vom Ziel des Anrufs klar: "Das ist der größte Fehler, den ein Bundespräsident machen kann." Vor allem die Wortwahl "Dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen" (Originaltext auf der Mailbox) stößt Deppendorf auf. "Das war eigentlich unentschuldbar", so Deppendorf im Rückblick.

Trotz des ausgelösten Wirbels bereut Christian Wulff sein Handeln nicht: "Ich stehe zu allem, was ich gesagt habe und habe sehr rational entschieden anzurufen - weil ich mir nicht später den Vorwurf machen wollte, hättest du mal angerufen. Also das ist auch nach wie vor eine Sache, mit der ich im Reinen bin."

"Bild" druckte die Mailbox-Nachricht nicht

Wie die Mailbox-Nachricht an die Öffentlichkeit kam, ist nach wie vor unklar. Gesprochen wurde die Nachricht zwar am 12. Dezember 2011, öffentlich wurde sie aber erst Wochen später. Sie erschien auszugsweise als Text in verschiedenen Medien, aber nicht in der "Bild".

Der ehemalige Chefredakteur Diekmann gibt im Interview mit dem SWR an, dass er für die Veröffentlichung nicht verantwortlich gewesen sei. Er habe zwar zunächst in einer Redaktionskonferenz entschieden, den Text der Mailbox abzudrucken. Dann sei aber etwas passiert, mit dem er nicht gerechnet habe: "Nämlich dass ich einen weiteren Anruf des Bundespräsidenten bekommen habe. Er hat sich entschuldigt, ich habe die Entschuldigung angenommen und dann die Entscheidung getroffen, wir drucken die Mailbox nicht", so Diekmann.

Christian Wulff im Schloss Bellevue in Berlin neben seiner Ehefrau Bettina, eine Rücktrittserklärung abgebend. | picture alliance / dpa

Am Ende war der Druck zu groß: Nach rund anderthalb Jahren trat Christian Wulff als Bundespräsident zurück. Juristisch wurde er später entlastet. Bild: picture alliance / dpa

Medienexperte spricht von "Raubtierfütterung"

Trotzdem erschienen Auszüge davon rund um den Jahreswechsel in verschiedenen Zeitungen. Hierzu sagt Diekmann: "Versuchen Sie mal Zahnpasta, die die Tube verlassen hat, zurück in die Tube zu kriegen. Das geht nicht. Da sind 15 bis 20 Kollegen, die kannten den Text, hatten ihn physisch auf dem Tisch und ich hab den auch nicht wieder eingesammelt."

Der Medienexperte Wolfgang Storz glaubt nicht an diese Version. Er spricht von einer "Raubtierfütterung". Diekmann habe häppchenweise Teile der Nachricht weitergegeben: "Die haben immer wieder darüber berichtet. Und wer stand gut da? Im Zentrum? Die 'Bild'."

Am Ende war die Wulff-Affäre wohl auch so etwas wie ein Machtkampf zwischen Medien und einem Staatsoberhaupt. Wulff selbst wurde von allen Vorwürfen freigesprochen. Den tiefen Fall hat er nach eigenen Angaben mittlerweile verarbeitet: "Ich würde für mich reklamieren, dass ich daraus gestärkt hervorgegangen bin. Aber das war ein mühseliger, jahrelanger Prozess."

Über dieses Thema berichtet SWR 3 Die „kriminalistische“ Geschichte des Christian Wulff im investigativen SWR3-Podcast.