Sonnenaufgang neben dem Turm der Burg Teck in Baden-Württemberg | dpa
Analyse

CDU in Baden-Württemberg Wo ist das schwarze Musterländle hin?

Stand: 09.03.2021 10:09 Uhr

58 Jahre lang drückten sich CDU-Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg den Staffelstab in die Hand - bis 2011 plötzlich ein Grüner ins schwarze Musterländle kam - und siegte. Und siegte. Und wohl wieder siegt.

Von Kristina Böker, SWR

Wenn Wilfried Steuer von den alten CDU-Zeiten erzählt, gerät er geradezu ins Schwärmen. 23 Jahre lang war er Landrat in den oberschwäbischen CDU-Hochburgen Saulgau und Biberach, daneben Landtagsabgeordneter und zeitweise Präsident des deutschen Atomforums. Ein konservatives Urgestein.

Kristina Böker

Und wenn man dem rüstigen und immer noch bestens informierten 87-Jährigen zuhört, bekommt man eine Vorstellung davon, wie es einst war: "Nach der Kirche ging es damals zum Frühschoppen, da hat man sich abgestimmt", erinnert sich Steuer. "Einmal hat der Pfarrer sogar in der Kirche gesagt: Heute fällt die Predigt aus, wir gehen zum Frühschoppen zum Landrat."

CDU-Politiker Wilfried Steuer (Archivfoto 2013) |  Ferdy107 / Wiki Commons

CDU-Urgestein Wilfried Steuer erzählt von früher, als das Ländle noch schwarz war. Bild: Ferdy107 / Wiki Commons

So war das damals, frei nach dem Motto: "Wir Schwarzen halten zusammen". Kein Wunder, dass es Dörfer gab, in denen alle CDU gewählt haben. Und wenn es doch mal abweichende Stimmen gab, dann machten im Dorf Verdächtigungen die Runde, erinnert sich Steuer.

Jahrzehntelang an der Macht

58 Jahre lang war die CDU in Baden-Württemberg an der Macht - von 1953 bis 2011. Mit Ausnahme des allerersten Ministerpräsidenten waren alle Ministerpräsidenten von der CDU. Bis der Grüne Winfried Kretschmann kam und siegte. 2011 zog er in die Staatskanzlei in Stuttgart ein.

Im kleinstädtisch-ländlich geprägten idyllischen Südwesten der Republik, mit vielen katholischen und evangelischen Kirchgängern wählte man einfach jahrzehntelang schwarz. Das bescherte den Konservativen Traumergebnisse. Den Rekord mit 56,7 Prozent holte 1976 der damalige Ministerpräsident Hans Filbinger, den später seine Vergangenheit als NS-Marinerichter einholte. Die derzeitige CDU-Landtagsfraktion kann von solchen Zahlen nur träumen - 2016 kam sie auf magere 27 Prozent.

Susanne Eisenmann beim Online-Parteitag der CDU in Baden-Württemberg. |

CDU-Spitzenkandidatin Eisenmann hat einen schweren Stand.

Parteienforscher Ulrich Eith sieht in den 1970er-Jahren eine zentrale Phase der CDU-Macht. "Da ist die CDU in die Rolle der Landespartei hineingewachsen und hat sich als solche auch orchestriert und positioniert - gegen die damals sozialliberale Bundesregierung." Mit der Konsequenz, dass die CDU lange Zeit großen Einfluss etwa auf Stellenbesetzungen in der öffentlichen Verwaltung nehmen konnte, so Eith.

Vom ewigen Sieger zur Opposition

Wie konnte es dann aber passieren, dass diese CDU, die die Gesellschaft so tief durchdrungen hatte, vor der jetzigen Landtagswahl mit nur noch 24 Prozent in den Umfragen dümpelt? Ex-Landrat Steuer meint, im Laufe der vielen Jahre habe die Partei den Kontakt zur Bevölkerung verloren.

Der Schlüssel oder besser die Schlüssel dazu liegen im Jahr 2011: ein brachial konservativ auftretender Ministerpräsident Stefan Mappus, der den Streit mit den Gegnern des Bahnhofsprojekts Stuttgart 21 eskaliert. Außerdem: Weit weg, aber doch so nah - die Atomkatastrophe von Fukushima, die kurz vor der Landtagswahl im Ländle die grünen Wähler mobilisiert. Und so landet die CDU zwar 2011 als stärkste Fraktion im Landtag, muss aber auf die Oppositionsbank - ein regelrechtes Trauma.

Grüner Schulterschluss mit der Wirtschaft

Seitdem ist Winfried Kretschmann der erste und einzige grüne Ministerpräsident bundesweit. Die Befürchtungen nach dem grünen Machtantritt 2011, nun gehe im Ländle das Licht aus, sind nie eingetreten. Schon in der ersten Legislaturperiode gemeinsam mit der SPD registrierte Kretschmann, dass man an einem so starken Wirtschaftsstandort nur im Schulterschluss mit den Unternehmen regieren kann. Im Corona-Jahr 2020 forderte Autoversteher Kretschmann gar eine Kaufprämie für Verbrennungsmotoren, zum Leidwesen seiner Partei.

Wenn aber die Grünen die schwarzen Themen besetzen, was bleibt dann der CDU, mit der Kretschmann seit 2016 regiert? Parteienforscher Eith sieht christdemokratische Erfolge im Bereich Sicherheit und Polizei. Finanzpolitisch tickten CDU und Grüne im Land gleich. Und bei der Verkehrspolitik hätten die Grünen stärker gepunktet. Eine grüne Revolution gab es in den zehn Kretschmann-Jahren nicht, dafür sei Baden-Württemberg das falsche Pflaster. "Veränderungen können in Baden-Württemberg aufgrund der konservativen Prägung nur in kleinen Schritten vollzogen werden."

CDU-Urgestein Steuer schätzt Kretschmann, der mache jetzt CDU-Politik. Mit seiner eigenen Partei und der aktuellen Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann geht Steuer härter ins Gericht: "Ich bin seit 60 Jahren CDU-Mitglied, mir tut das weh, wie die Partei in Baden-Württemberg runtergewirtschaftet wurde."

Und jetzt auch noch Störfeuer aus Berlin

Und nun funkt auch noch die Maskenaffäre den Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfern dazwischen. Zumal mit Nikolas Löbel auch einer der Protagonisten aus Baden-Württemberg kommt. Für CDU-Spitzenkandidatin Eisenmann ist das Ganze ein "hochärgerlicher Vorgang". Andere äußern sich weniger zurückhaltend.

Bilderstrecke

Baden-Württemberg: Vorwahlerhebung vom 4. März 2021

Aber auch ohne Maskenaffäre hat es Eisenmann gegen den amtierenden und beliebten Amtsinhaber schwer. Das zeigt der Blick auf die Umfragen: Laut ARD-Vorwahlumfrage würden 65 Prozent für Kretschmann und 17 Prozent für die CDU-Bildungsministerin Eisenmann stimmen, wenn sie einen von beiden direkt wählen könnten.

Und so ist die Maskenaffäre vermutlich die kleinere Bürde für die CDU vor der Wahl. Viel entscheidender dürfte sein, dass - zumindest unter Kretschmann - Grün das neue Schwarz ist.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. März 2021 um 09:31 Uhr.