Bundeswehrsoldaten in Masar-i-Scharif in Afghanistan | dpa

Bundeswehr in Afghanistan Wie gefährlich ist der schnelle Abzug?

Stand: 30.04.2021 02:59 Uhr

Für die Bundeswehr in Afghanistan beginnt nun die heikle Phase des Abzugs. Das Verteidigungsministerium rechnet mit Angriffen der Taliban. Wie schützen sich die Soldaten?

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Was machen die Taliban? Diese bange Frage schwebt derzeit über allem. Ob die Extremisten ihre Drohungen einer Frühjahrsoffensive wahr machen und ab dem 1. Mai erstmals seit Langem auch internationale Truppen und Bundeswehr wieder ins Visier nehmen - das weiß man vermutlich erst in den nächsten Tagen. "Meine Sorge um die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr ist groß", sagt der verteidigungspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Henning Otte, dem ARD-Hauptstadtstudio.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Beobachter, die sich mit der Lage vor Ort gut auskennen, halten es für wahrscheinlich, dass die Taliban längst Angriffspläne für die geschützten Camps der NATO-Truppen und damit auch der Bundeswehr vorliegen haben. Ob sie die in die Tat umsetzen, ist offen.

Das Verteidigungsministerium hat die Sicherheitsvorkehrungen in Afghanistan rund um das deutsche Lager in Masar-i-Sharif verstärkt. Ein Mörserzug ist bereits vor Ort, Infanterie-Kräfte stehen in Deutschland für den Ernstfall auf Abruf bereit. Aber reicht das? "Der Moment des Abzugs ist naturgemäß gefährlich. Auch voll einsatzbereite Spezialkräfte könnten jetzt eine wichtige Komponente zur Absicherung des Abzugs aus Afghanistan sein", sagt Otte.

Notfalls hilft das KSK

Ausgeschlossen ist jedenfalls nicht, dass auch die in die Schlagzeilen geratene Eliteeinheit KSK in Afghanistan noch einmal zum Einsatz kommt: Die Spezialkräfte seien darauf eingestellt, dass sie im Fall der Fälle sofort einsatzbereit sind, hatte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer kürzlich erklärt. Fest steht, dass die Zahl der Bundeswehrsoldaten vor Ort - derzeit sind es knapp 1100 - nun erst einmal wächst, bevor sie bis spätestens 11. September auf null heruntergefahren wird.

Spätestens. Denn bei der NATO plant man nun - auf Wunsch des US-Kommandeurs bei der Resolute-Support-Mission, Scott Miller - den Abzug bereits für den 4. Juli. Das stellt Bundeswehr und die Partnerarmeen vor die doppelte Herausforderung: Den Abzug geordnet und sicher ablaufen zu lassen - ohne den Eindruck zu erwecken, man sei auf der Flucht.

Außenminister Heiko Maas versuchte bei seinem Kurzbesuch in Afghanistan die Botschaft zu verbreiten, dass man das Land auch nach dem Abzug nicht sich selbst überlasse:"Zwar endet der Militäreinsatz, doch auf allen anderen Ebenen setzen wir unser Engagement fort."

Jedenfalls beendet die Bundeswehr nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios mit dem heutigen Tag ihren bisherigen Kernauftrag und stellt die Ausbildung und Beratung afghanischer Sicherheitskräfte ein. Das verlautet aus Kreisen des Verteidigungsministeriums.

Verhandlungen oder Bürgerkrieg

Richtet man den Blick jedoch nicht nur auf die kommenden Wochen und den Bundeswehrabzug, hören die bangen Fragen nicht auf. Denn ob die Taliban sich nun noch einmal ernsthaft auf Verhandlungen mit der afghanischen Regierung einlassen, ist offen. Dass es Strömungen bei den Extremisten gibt, die unbedingt die Entscheidung auf dem Schlachtfeld suchen wollen, ist kein Geheimnis.

Es gebe nur die zwei Möglichkeiten: Verhandlungen oder Rückfall in den Bürgerkrieg der 1990er-Jahre, warnt Hans-Joachim Giessmann, der für die "Berghof Foundation" als Berater für beide Seiten im Friedensprozess engagiert ist. "Insofern hängt viel davon ab, ob die Parteien die Gelegenheit nutzen, sich zusammenzusetzen. Wenn es jetzt nicht gelingt, dann wird das kein gutes Ende nehmen."

Kritiker sagen: Ihr stärkstes Druckmittel, nämlich die Anwesenheit von Truppen vor Ort, gibt die internationale Gemeinschaft mit dem Abzug gerade aus der Hand. Das Schicksal des Landes ist - fast zwanzig Jahre nach Beginn des Bundeswehreinsatzes am Hindukusch - gerade ungewisser denn je.  

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 30. April 2021 um 06:11 Uhr.