Merkel nach der Konferenz mit den Ministerpräsidenten zur Corona-Lage | EPA
Analyse

Corona-Gipfel Es fehlt die Glücksformel

Stand: 10.08.2021 21:41 Uhr

Erstaunlich einig ist die Marschroute von Bund und Ländern für den Herbst: Mehr Impfen lautet ihr Rezept. Ungelöst bleibt hingegen die Debatte um weitere Kriterien neben dem Inzidenzwert.

Von Sarah Frühauf, ARD-Hauptstadtstudio

Der Sommer hat Spuren hinterlassen bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller und auch bei Bayerns Landeschef Markus Söder. Sie haben alle ein wenig Farbe bekommen. Und sie alle wirken ein wenig entspannter, auch mit Blick auf die Corona-Lage. Dank der Impfstoffe sei man in einer anderen Situation als vor einem Jahr, sagt Müller. Man könne sich wieder mehr zutrauen, etwa Theaterbesuche oder Sportveranstaltungen. Aber nicht in jeder Form, "weil wir nicht komplett über den Berg sind".

Sarah Frühauf ARD-Hauptstadtstudio

Lockerlassen wollen Bund und Länder also nicht. Die Pandemie sei schließlich nicht vorbei. Aber vor allem wollen sie sich kaum erneut vorwerfen lassen, dass sie tatenlos zusähen, wie sich die nächste Corona-Welle aufbäumt. Die politische Apathie des vergangenen Sommers hatte Deutschland einen harten Herbst und Winter beschert.

Dieses Mal soll es also anders werden. Mit Blick auf die steigenden Fallzahlen wurden die Bund-Länder-Gespräche vorverlegt. Einige Länderchefs schalteten sich sogar aus dem Urlaub zu. Und dieses Mal gab es auch erstaunlich viel Konsens. Zum Beispiel über das Ende der kostenlosen Corona-Schnelltests ab Mitte Oktober. Die Hoffnung ist, dass dadurch der ein oder andere doch dazu bewegt wird, sich impfen zu lassen. Niedrigeschwellige Angebote sollen den Zugang zum Impfen erleichtern. Was das konkret heißt, bleibt wohl Auslegungssache der Kommunen.

Sozialverbände und Teile der Opposition halten davon allerdings wenig. Es müsse andere Wege geben, Impfskeptiker zu überzeugen.

Söder wollte mehr Druck auf Ungeimpfte

In den kommenden Wochen müsse sowieso noch einmal nachgeschärft werden, meint Bayerns Ministerpräsident Söder. Ihm ist anzumerken, dass er nicht ganz so zufrieden mit den Beschlüssen ist. Auch wenn er es nicht offen formuliert, hört man durch: Er würde noch weitergehen, um den Druck auf Ungeimpfte zu erhöhen. Vor der Bund-Länder-Runde war diskutiert worden, nur noch Genesenen und Geimpften Restaurant- und Veranstaltungsbesuche zu erlauben. Eine Mehrheit unter den Länderchefs fand sich dafür allerdings nicht. Söder ließ es sich aber nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass private Veranstalter oder Gastronomen natürlich auch eigenständig sagen könnten: Bei uns nur für Geimpfte.

Doch bei all dem Kompromiss - und Konsenswillen: Für Punkt neun der Beschlussfassung, zum Thema Kennzahlen, fehlt ein Konzept. Neben den Inzidenzwerten sollen künftig weitere Faktoren zur Bewertung der Corona-Lage herangezogen werden. Von Hospitalisierung und Impfquote ist die Rede. Doch welche Grenzwerte gelten sollten, lassen Bund und Länder offen. Es sei knifflig, meint Söder. Die Glücksformel habe man noch nicht gefunden. Und auch die Kanzlerin hatte offenbar keine Lösung parat: Dies sei zunächst der Tag gewesen, Maßnahmen zu beschließen, die das Infektionsgeschehen verlangsamen, um einen erneuten Lockdown zu verhindern. Den werde es nicht geben, auf jeden Fall nicht für Geimpfte und Genesene.

Kein "Freedom-Day" in Sicht

Alle, die womöglich auf einem "Freedom-Day", also einen Tag der Freiheit wie vor ein paar Wochen in Großbritannien gehofft hatten, wurden enttäuscht. Ein Ende der Corona-Beschränkungen sei erst mit einer höheren Impfquote in Sicht, so die Kanzlerin. Wie hoch? Auch hier bleibt Merkel vage. Vielleicht bei etwa 75 Prozent der Gesamtbevölkerung. Derzeit liegt die Zahl der vollständig Geimpften bei etwa 55 Prozent.

Das Impfen sei das leichteste Mittel, die Freiheit zurückzugewinnen, gibt Söder die Marschroute für den Herbst vor. Sein Kollege aus Berlin formuliert knapper: "Impfen, impfen, impfen".

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL am 10. August 2021 ab 19:35 Uhr.