Annalena Baerbock auf dem digitalen Parteitag der Grünen | EPA
Analyse

Grünen-Parteitag Ab jetzt möglichst fehlerfrei

Stand: 12.06.2021 21:49 Uhr

Knapp unter 100 Prozent für ihre Kanzlerkandidatin und ein Wahlprogramm ohne Maximalforderungen: Die Grünen haken ihre Fehler ab und wollen jetzt nur noch nach vorn schauen. Kurs Kanzleramt. Doch der Weg ist weit.

Von Nina Amin und Nina Barth, ARD-Hauptstadtstudio 

Die Grünen wollen bei diesem Parteitag nichts dem Zufall überlassen. Der Auftritt ihrer Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock ist bis ins Detail inszeniert. Kurz bevor sie die Bühne betritt, werden etwa 100 neue Grünen-Mitglieder in die große Veranstaltungshalle in Berlin-Kreuzberg geführt. Sie garantieren zumindest etwas Stimmung und echten Applaus auf diesem digitalen Parteitag.

Nina Amin ARD-Hauptstadtstudio
Nina Barth ARD-Hauptstadtstudio

Es ist ein Empfang, der der seit Wochen in der Kritik stehenden 40-Jährigen sichtbar gut tut. Baerbock strahlt, vor einer mit Sonnenblumen und viel Grün dekorierten Bühne. 

Zum Glück keine 100 Prozent

Kurz zuvor war sie mit 98,5 Prozent der Delegiertenstimmen als Kanzlerkandidatin bestätigt worden. Im gleichen Wahlgang wurden Baerbock und Habeck als Spitzenduo für die Bundestagswahl im September gewählt. "Vielen Dank für diesen Rückenwind, gerade nach dem Gegenwind der letzten Wochen, wo wir - vor allem ich Fehler gemacht habe, über die ich mich tierisch geärgert habe", ruft Baerbock den Delegierten vor den heimischen Bildschirmen zu. 

Fehler waren gestern, jetzt gehts voran

Gleich am Anfang ihrer Rede will sie damit offensichtlich die Debatte über ihre nachgemeldeten Nebeneinkünfte und Unsauberkeiten im Lebenslauf beenden. Ab jetzt will die Kanzlerkandidatin, wollen die Grünen, nur noch nach vorn blicken.

Einen klimagerechten Wohlstand schaffen, das sei ihr Ziel, skizziert Baerbock. Und die Grünen wollen eine Partei für alle sein. Angesichts sinkender Umfragewerte weiß die Parteispitze, dass sie mehr als ihr grünes Wählerklientel braucht. Zumindest wenn sie ihr Ziel erreichen will - das Kanzleramt. 

Dem Wohle aller zu dienen, das beschreibt die Kanzlerkandidatin als Kompass ihrer Partei. "Wir haben uns 40 Jahre darauf vorbereitet, mit allen Ecken und Kanten. Jetzt ist der Moment, unser Land zu erneuern, und alles ist drin."

Auch Co-Spitzenkandidat Robert Habeck applaudiert ihr. Er steht vor der Bühne. Heute ist es der große Tag von Annalena Baerbock. Und sie weiß, wie wichtig dieser Auftritt für sie ist. Ihre Nervosität ist spürbar. Mehrfach verspricht sie sich. Die vergangenen Wochen haben ihre Spuren hinterlassen.

"Durch dick und dünn", sagt Habeck

Habeck stellt sich auf diesem Parteitag demonstrativ hinter sie. "Wir haben nach der Nominierung von Annalena Fehler gemacht, die werden wir analysieren und abstellen. Wir wissen, dass Kameradschaft und Solidarität sich nicht beweisen, wenn die Sonne scheint." Sondern dann, wenn jemand im Regen stehe, sagte Habeck in seiner Rede zum Auftakt des Parteitags am Freitag. "Mit Gelassenheit und Stärke durch dick und dünn", gab er unter Applaus die Marschrichtung vor.

Der 51-Jährige spricht in seiner Rede am Freitag viel von Freiheit. Er betont, dass das Grüne Wahlprogramm mit dem Thema Freiheit beginne und ende. Die Grünen sind bemüht, das Image der Verbotspartei abzulegen.

Forderungen der Basis nach einem höheren CO2-Preis, einem früheren Aus von Verbrennungsmotoren oder einem höheren Mindestlohn weist die Parteispitze zurück. Entsprechende Änderungsanträge lehnen die Delegierten mit großer Mehrheit ab.

Gegen Maximalforderungen

Damit entscheiden sich die Grünen mehrheitlich für den Regierungskurs ihrer Parteispitze und gegen Maximalforderungen im Wahlprogramm, die im Zweifel Wähler der Mitte verschrecken könnten. Schon deswegen bemühen sie sich, das Wahlprogramm nicht zu radikal anmuten zu lassen. Schließlich soll es ja ein Angebot für die gesamte Breite der Gesellschaft sein. 

Und so war es wohl auch eher ein taktisches "Sie", das Habeck in seiner Rede wählte. Kein Duzen, wie sonst üblich auf Grünen-Parteitagen. Er wählte die förmliche Anrede und wandte sich an "meine Damen und Herren". Habeck wollte nicht nur die eigenen Anhänger ansprechen, sondern auch die "Nachbarn meiner Eltern", wie Habeck nach seinem Auftritt in kleiner Runde sagte. 

Kurs Kanzleramt

Fazit des Parteitags bislang: Die Grünen demonstrieren mal wieder Geschlossenheit - wie so oft seit Baerbock und Habeck an der Spitze stehen. Die Fehler der vergangenen Wochen - zumindest für die Grünen abgehakt. Sie sehen sich auf dem Kurs ins Kanzleramt. Doch der Weg ist noch weit.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Juni 2021 um 20:00 Uhr.