Ein Weihnachtsbaum steht vor einem von der Flut zerstörten Haus in Mayschoß | dpa
Reportage

Nach der Flut im Ahrtal "Das erste Fest ohne Oma"

Stand: 23.12.2021 12:27 Uhr

Die Menschen im Ahrtal haben während der Flut im Juli Schreckliches erlebt - und viel verloren. Jetzt zu Weihnachten wird den Betroffenen besonders deutlich, was alles fehlt.

Von Sandra Biegger, SWR  

Wenn Ursula Hellmuth an all die schönen Familienfeste in ihrer guten Stube denkt, huscht ihr ein Lächeln übers Gesicht. Im nächsten Moment füllen sich ihre Augen aber auch mit Tränen. "Hier stand immer unser geschmückter Weihnachtsbaum mit den schönen, bunten Kugeln, hier die große Festtafel, es war immer für alle Platz", erzählt sie.

Sandra Biegger

Die 76-Jährige steht mit der Taschenlampe in der Hand in ihrem einstigen Wohnzimmer. Genau dort, wo sie früher mit ihrem Lebensgefährten, den zwei Kindern und den vier Enkeln traditionell den ersten Weihnachtsfeiertag gefeiert hat. Jetzt gibt es in dem Raum - wie im gesamten Haus - kein Licht mehr und keine Fenster. Freiwillige Helfer haben in den vergangenen Monaten den Putz von den Wänden geschlagen. In der einen Ecke steht eine große gelbe Mülltonne, in einer anderen ein Berg Ziegelsteine, daneben die Überreste des abgerissenen Wintergartens. 

Ursula Hellmuth in ihrem Haus, das zu Beginn des neuen Jahres abgerissen wird.  | Sandra Biegger, SWR

"Wirtschaftlicher Totalschaden": Das Haus von Ursula Hellmuth muss abgerissen werden. Bild: Sandra Biegger, SWR

Das Haus wird abgerissen

Weihnachten wird hier niemand mehr feiern - und auch sonst nichts. Auch wenn man es den Wänden nicht ansieht, sie sind mit Gift und Heizöl kontaminiert. "Wirtschaftlicher Totalschaden",  habe der Mann von der Versicherung gesagt. Gleich zu Beginn des neuen Jahres soll das Haus abgerissen werden. Ursula Hellmuth bleiben ausschließlich Erinnerungen, die Flut hat ihr nicht einmal ein einziges Foto ihrer Familie gelassen. Von liebgewonnenem Weihnachtsschmuck oder Basteleien der Kinder und Enkel ganz zu schweigen.

Hellmuth lebt mit ihrem 81-jährigen Lebensgefährten derzeit in Kesseling. In einer Ferienwohnung, rund eine Viertelstunde mit dem Auto von ihrem Haus entfernt. Es ist ihre vierte Bleibe, seit das Hochwasser ihr Mitte Juli alles genommen hat. Die Wohnung ist schön und hell. Auf dem Wohnzimmertisch steht ein Adventskranz. Für eine Feier mit der ganzen Familie ist hier jedoch kein Platz. Es ist unklar, wer aus der Familie überhaupt wann vorbeikommt. Mit ihrer Tochter hat sie ausgemacht, dass sie spontan entscheiden, wann sie sich an Weihnachten sehen.

Alle sind irgendwo untergekommen

"Es ist alles so kompliziert geworden", sagt Hellmuth. Früher, da standen die Häuser von ihr, ihrer Tochter und einem erwachsenen Enkelsohn direkt nebeneinander. Der Sohn wohnte mit seiner Familie in Altenburg in Sichtweite. Jetzt sind sie alle in irgendwelchen Ferienwohnungen in der Region untergekommen - weit verstreut. Sich mal spontan sehen, kurz auf einen Kaffee rüberkommen, das ist nicht mehr möglich. Und irgendwie herrsche beim Thema Flut in ihrer Familie im Moment auch eine gewisse Sprachlosigkeit, sagt die 76-Jährige.

Wohnzimmer von Ursula Hellmuth. | Sandra Biegger, SWR

Das war einst das Wohnzimmer von Ursula Hellmuth. Bild: Sandra Biegger, SWR

Auftanken im Versorgungszelt

Um zu reden, fährt Hellmuth täglich ins Versorgungszelt nach Altenburg. Das steht unweit ihres früheren Hauses, direkt neben der Schule, in der sie lange als Sekretärin gearbeitet hat. Hier können sich die von der Flut Betroffenen nicht nur mit allem eindecken, was sie materiell brauchen. Hier gibt es auch jeden Tag ein warmes Mittagessen und ein offenes Ohr. Ehrenamtliche Helfer haben die Tische mit Tannengrün, weißen Christsternen und goldenen Kugeln geschmückt. In der einen Ecke des Zeltes steht zwischen Getränkekisten ein Christbaum mit blauen Kugeln.

"Die Helfer geben sich so viel Mühe mit uns", sagt Marieluise Gasper, eine Freundin von Ursula Hellmuth. Ihr Mann ist kurz vor der Flutkatastrophe gestorben, dann hat ihr das Hochwasser auch noch das Haus und ihr gesamtes Hab und Gut genommen. Sie lebe seit dem Sommer im Ausnahmezustand, sagt die Altenburgerin. Jetzt kurz vor Weihnachten sei das besonders schwer auszuhalten. Wenn es früh dunkel wird und sich das Leben zwangsläufig eher in Innenräumen abspiele,  komme man noch mehr ins Grübeln als sonst. An die Bilanz dieses Jahres dürfe sie gar nicht denken, sagt die 74-Jährige. "Aber da bin ich nicht alleine", sagt sie und macht mit dem Arm eine ausschweifende Bewegung durch das Versorgungzelt. Es gehe ihnen allen gleich - und "dass wir das teilen können, hilft schon auch ein bisschen". Auch die Ängste vor dem Weihnachtsfest im Ausnahmezustand erträgt man hier gemeinsam.

Ehrenamtliche haben versucht, im Versorgungszelt in Altenburg für weihnachtliche Stimmung zu sorgen.  | Sandra Biegger, SWR

Ein Hauch von Weihnachten im Versorgungszelt in Altenburg. Bild: Sandra Biegger, SWR

Tannenzweige am Bauzaun

Im rund zwölf Kilometer entfernten Dernau versuchen die Menschen, sich gegenseitig durch das schwierige Jahresende zu tragen. Viele haben ihre Häuser geschmückt, sogar solche, die derzeit nicht mehr bewohnbar sind. Überall im Ort stehen Christbäume. Auch Handwerker Sebastian Tetzlaff hat den Bauzaun vor seinem Grundstück mit Tannenzweigen und roten Schleifen dekoriert. Neben seinem Wohnwagen steht ein hell erleuchteter Weihnachtsbaum. Der Handwerker musste wie so viele in der Weinbaugemeinde im Ahrtal sein Haus und seine Werkstatt abreißen. In Dernau hat die Flut 542 der insgesamt 612 Häuser teils massiv zerstört. Tetzlaff sagt, durch den Lichterglanz der Weihnachtsbäume sei es endlich nachts nicht mehr so dunkel im Ort. Die Straßenbeleuchtung funktioniert im Ahrtal auch mehr als fünf Monate nach der Flut in vielen Gemeinden noch immer nicht.

So richtig weihnachtlich ist dem 37-Jährigen trotzdem nicht zumute. Er hat in der Flutnacht die Mutter seiner früheren Frau verloren. Er hörte ihre Hilferufe aus dem Nachbarhaus, konnte sie aber nicht retten. Traumatische Erlebnisse wie diese kommen jetzt langsam bei vielen Menschen im Ahrtal hoch. "Am Anfang habe ich nichts, einfach gar nichts gefühlt, ich war wie in Watte gepackt, habe einfach nur noch funktioniert", sagt der Dernauer. Jetzt, wo der Schockzustand langsam nachlasse, komme so vieles hoch, gerade kurz vor Weihnachten. "Man hat ja auch irgendwie so bestimmte Erinnerungen, wie man es immer gemacht hat. Dieses Jahr ist bei uns das Hauptthema: Das erste Fest ohne Oma - das führt leider dazu, dass man noch weniger schläft."

So wie Sebastian Tetzlaff geht es vielen Menschen. Bei der Hochwasserkatastrophe im Juli sind in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen mehr als 180 Menschen ums Leben gekommen.

Ehrenamtliche Helfer aus ganz Deutschland versuchen die Menschen in den Hochwassergebieten nach wie vor zu unterstützen, so gut es geht - auch und gerade in der für viele schwierigen Weihnachtszeit. Am Anfang haben sie vor allem beim Aufräumen und Saubermachen angepackt, im Advent sind unzählige Hilfstransporte mit selbst gebackenen Keksen, Weihnachtspäckchen und Geschenken  in den Gemeinden angekommen. Dieses Gefühl, nicht vergessen zu werden, tröstet die Menschen im Ahrtal.

Der Traum von der Festtafel

Bis zur Flutkatastrophe habe sie nicht gewusst, wie gut und selbstlos Menschen sein könnten, sagt Ursula Hellmuth. Ein schönes Gefühl, von dem sie hofft, dass es ihr durch die schweren Feiertage hilft. Außerdem hat die 76-Jährige den unbedingten Willen, wieder in ihren Heimatort zurückkehren zu können.

Sie will nach dem Abriss ihres Hauses in Altenburg nochmal neu bauen. Vielleicht ein Fertighaus, das ist ihr egal. Ihr neues Zuhause müsse nur wieder ein großes Wohnzimmer haben - mit viel Platz für eine große Festtagstafel, an der sich die ganze Familie dann an Weihnachten und sonstigen Feiertagen wieder versammeln könne. Irgendwann.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Dezember 2021 um 14:24 Uhr.