THW, Polizei und Passanten auf einer Straße mit Geröll und Schlamm. | picture alliance / Geisler-Fotop

Katastrophengebiet an der Ahr Krisenstab weist Kritik zurück

Stand: 05.08.2021 20:06 Uhr

Nach der Flutkatastrophe im rheinland-pfälzischen Kreis Ahrweiler hagelte es Kritik an der Arbeit des Krisenstabs. Dessen Chef hat das Management nun verteidigt: Die Zerstörung vor Ort habe auch Einfluss auf die Hilfeleistung gehabt.

Nach der Hochwasserkatastrophe in der Eifel fühlten sich einige Gemeinden, Bürger und Helfer vom Management des Krisenstabs alleingelassen. In Interviews mit dem ARD-Politikmagazin Report Mainz klagten sie unter anderem darüber, dass Hilfsgüter verspätet ankamen und offizielle Stellen wie die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk nicht im notwendigen Umfang Unterstützung leisteten. Der Präsident der in Rheinland-Pfalz zuständigen Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD), Thomas Linnertz, hat das Management nun verteidigt.

"Wir haben seit Einsatzbeginn grob geschätzt etwa 20.000 Helfer aus dem ganzen Bundesgebiet hier gehabt", sagte er in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Eine "Unmenge von Material, Versorgungsgütern und Gerätschaften" sei "möglichst bedarfsgerecht und zielorientiert" in die Flutregion gebracht worden, so Linnertz.

Verweis auf Dienstvorschriften

Er habe Verständnis dafür, dass es manchmal aus dem Blickwinkel eines Helfers vor Ort auch Kritik an der Arbeit gibt. Die Regeln für die Arbeit des Krisenstabs seien allerdings durch eine Dienstvorschrift vorgegeben, mit der alle Hilfsorganisationen bundesweit arbeiteten.

Linnertz sagte, die Zerstörung von Straßen und Kommunikationsanlagen habe "natürlich auch Einfluss gehabt auf die Hilfeleistung in den ersten Tagen". Es sei "nicht so einfach" gewesen, "immer adäquate Lagebilder zu bekommen". Er warnte vor einem "Schwarz-Weiß-Denken", wonach die einen die "Drecksarbeit an der Front" machten und die anderen "im Warmen und Sauberen" säßen. Die Lage lasse keinen der 200 Mitarbeiter des Krisenstabes, die rund um die Uhr arbeiteten, kalt.

Weiterhin 16 Vermisste

Er betonte, dass rund 20.000 Menschen mit warmen Mahlzeiten versorgt werden würden. Zudem würden jeden Tag 100.000 Liter Diesel an Hilfsfahrzeuge vertankt, an 30 Infopunkten gebe es ständig Ansprechpartner ebenso wie Trinkwasser oder beispielsweise Zugang zum WLAN. "Alle arbeiten gemeinsam daran, der Bevölkerung zu dienen, ihr zu helfen, die Versorgung sicherzustellen und zerstörte Infrastruktur wieder herzurichten", sagte Linnertz.

Obwohl sich die Lage in den Gemeinden nach den Worten von Linnertz etwas verbessere, herrscht noch immer nicht völlige Klarheit darüber, wie viele Menschen durch die Fluten ums Leben kamen. Die Polizei Koblenz teilte mit, von den 141 Toten in Rheinland-Pfalz seien bisher 121 identifiziert worden. 16 Menschen würden allerdings noch immer vermisst.

Die schweren Regenfälle hatten auch in Nordrhein-Westfalen für Überschwemmungen gesorgt - dort gab es 47 Tote. Die Landesregierung geht nach einer umfassenden Erhebung mit fast allen betroffenen Kommunen im Land von Hochwasserschäden in zweistelliger Milliardenhöhe aus. Das wurde nach einer Sondersitzung des Landeskabinetts in Düsseldorf aus Regierungskreisen bekannt. Das Kabinett verständigte sich demnach auf eine umfassende und schnelle Hilfe zur Abfederung der Flutschäden.

Zunehmend Sorgen bereitet den Behörden derzeit, dass die Flutkatastrophe in beiden Bundesländern schwere Umweltverschmutzungen im Wasser verursacht. Besonders große Gefahr besteht durch Heizöl, das aus beschädigten oder weggespülten Tanks austritt, teilte das Technische Hilfswerk mit. Spezialteams seien im Einsatz, um das kontaminierte Wasser zu reinigen.

Bundestag soll schnell Hilfen beschließen

Die SPD drängt angesichts der Situation in den Regionen auf eine Sondersitzung des Bundestags im August. Nach aktuellem Stand werde voraussichtlich am 18. August ein Wiederaufbaufonds für die vom Hochwasser betroffenen Bundesländer vom Kabinett beschlossen, schrieb der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, an die Mitglieder der Fraktion.

Im Schreiben Schneiders heißt es, um die notwendigen gesetzlichen Regelungen durch den Bundestag beschließen zu können, beabsichtigen "wir nach Abstimmung mit dem Koalitionspartner in den Tagen nach dem Kabinettsbeschluss eine Sondersitzung des Bundestages zu beantragen".

Aus der Unions-Bundestagsfraktion war zu hören, die Verhandlungen liefen. Bislang gibt es noch keine Einigung. Am 7. September ist bereits eine Sitzung des Bundestags angesetzt. Auch Vertreter von FDP und Grünen hatten sich dafür ausgesprochen, dass die Abgeordneten im August aus der Sommerpause kommen, um schnell Hilfen für die Menschen in den Hochwassergebieten auf den Weg zu bringen.

Über dieses Thema berichtete SWR aktuell RP am 05. August 2021 um 19:30 Uhr.