Cem Özdemir hält bei der Protestaktion des "Wir haben es satt!"-Bündnisses eine Lauchstange hoch. | dpa

Landwirt-Protest in Berlin Grüne Wende wird ein "Marathon"

Stand: 22.01.2022 17:12 Uhr

In Berlin haben Landwirte aus ganz Deutschland für eine nachhaltigere Agrarpolitik demonstriert. Ihr Blick richtet sich auf Agrarminister Özdemir. Doch der dämpft die Erwartungen: Der Wandel werde ein Kraftakt.

In Berlin haben Landwirte für einen Wandel in der Agrarpolitik demonstriert. Angaben der Veranstalter zufolge beteiligten sich mehr als 50 Organisationen an dem Protestzug, bei dem auch 25 Traktoren durch Berlins Innenstadt fuhren.

Mit dem Bündnis "Wir haben es satt!" fordern Bäuerinnen und Bauern mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft. "Es ist höchste Zeit, dass die Höfe und Menschen in diesem Land wieder zu den Gewinnern der Agrar- und Ernährungspolitik zählen", sagte Saskia Richartz, Sprecherin des Bündnisses. Sie sprach von einer "dramatischen Lage" in der Branche: "Schlechte Erzeugerpreise durch das Preisdiktat des Handels und die fatale Ausrichtung auf Export zwingen Bauernhöfe zum Schließen."

Eine lange Liste an Kritikpunkten

Doch die Liste der Kritikpunkte reicht noch wesentlich weiter: Land werde immer mehr zum "Spekulationsobjekt", warnte Richartz. Auch Probleme wie nicht artgerechte Haltung von Tieren, Antibiotika-Missbrauch und die Bedrohung durch den Klimawandel müssten angegangen werden. Die Bundesregierung müsse das Höfesterben stoppen und sicherstellen, dass alle Menschen Zugang zu gutem, pestizid- und gentechnikfrei hergestelltem Essen hätten.

Und da sehen die Landwirte vor allem den neuen Agrarminister Cem Özdemir in der Pflicht. Er und die neue Bundesregierung sollen Reformen in der Branche ermöglichen. Symbolisch bekam der Grünen-Politiker den Staffelstab für den politischen Wandel übergaben - in Form einer Stange Lauch.

Landwirte haben vor dem Bundestag mit Strohballen "Agrarwende jetzt" geschrieben, Berlin. | AFP

Protest aus Stroh: Ein Schriftzug aus Heuballen vor dem Reichstagsgebäude fordert die "Agrarwende jetzt". Bild: AFP

Ein Marathon zu mehr Ökolandbau

In etlichen Punkten stimmte der Minister mit dem Bündnis überein. "Ich will nicht in einem Land leben, in dem Bäuerinnen und Bauern aufgeben und dann die Flächen nachher übernommen werden von irgendwelchen anonymen Investoren", sagte Özdemir. "So gehen die Dörfer kaputt, so geht das Land kaputt." Er betonte den Wert der Hofnachfolge - "dass die Jungen ihre Betriebe gerne übernehmen und eine Existenzgrundlage haben".

Leicht werde dieser Wandel aber nicht, räumte Özdemir ein, der gleich seine gesamte Ministeriumsspitze zur Demonstration mitgebracht hatte. Das Ziel, bis 2030 bundesweit 30 Prozent Ökolandbau zu betreiben, verglich er mit einem Marathon. Wichtig sei es, diesen gemeinsam zu absolvieren. Darum rief er die Landwirte auf: "Macht bitte weiter Druck, die anderen machen es auch." Der künstliche Gegensatz zwischen Bäuerinnen und Bauern und Tierschutz, Artenvielfalt und Klimaschutz müsse beendet werden.

Doch der Minister zog auch Grenzen. Landwirtschaft müsse auch sozial sein, ersetze aber keine Sozialpolitik. "Ramschpreise" für Lebensmittel wie Fleischprodukte und ein angemessenes Einkommen für Landwirte - das schließe sich gegenseitig aus. Doch für Sozialpolitik seien andere zuständig.

"Grüne Woche" wegen Pandemie abgesagt

Das "Wir haben es satt!"-Bündnis besteht aus mehr als 60 Organisationen. Seit 2011 protestieren jedes Jahr zum Beginn der "Grünen Woche" in Berlin Landwirte aus ganz Deutschland. In diesem Jahr konnte die Demonstration wegen der Corona-Pandemie nur in kleinem Rahmen stattfinden. Die Messe selbst wurde in diesem Jahr abgesagt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Januar 2022 um 17:15 Uhr.