Bundeswehr-Fahrzeug der MINUSMA-Mission in Mali (Archivfoto vom 03.08.2018) | AFP
Analyse

Bundeswehr Was Afghanistan für den Mali-Einsatz lehrt

Stand: 07.07.2021 03:46 Uhr

Die Bundeswehr hat Afghanistan verlassen, in Mali geht ihr Einsatz weiter. Heute übernimmt die Truppe wieder das Kommando der EUTM-Mission. Was muss Deutschland aus Afghanistan lernen?

Eine Analyse von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Ist es Verdrängung oder bewusstes Einlullen von Seiten der Politik? Bisweilen gerät in Vergessenheit, wie lebensgefährlich Auslandseinsätze sind. In Afghanistan vermochten auch tägliche Angriffe der Taliban auf die Bundeswehr lange nicht, Deutschland aus einer bemerkenswerten Teilnahmslosigkeit zu reißen.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Erst die Schockwirkung des 4. September 2009 zerstörte viele Illusionen: Auf Befehl des deutschen Oberst Georg Klein warfen damals US-Jets zwei Bomben auf von Taliban entführte Tanklaster ab, zahlreiche afghanische Zivilisten wurden getötet.

Mali ist nicht Afghanistan

Auch in Mali bedurfte es eines bedrückenden Schlüsselerlebnisses, um eine Diskussion über den Einsatz anzustoßen: In den frühen Morgenstunden des 25. Juni durchbrach ein Selbstmordattentäter in einem weißen Pickup den äußeren Ring einer - mithilfe gepanzerter Fahrzeuge gebildeten - Wagenburg und zündete einen Sprengsatz: Zwölf deutsche und ein belgischer Soldat wurden verletzt. Einige von ihnen schwer.

Mali ist nicht Afghanistan. Der heute gefährlichste Auslandseinsatz der Bundeswehr ist lange nicht so risikoreich wie es der Kampfeinsatz am Hindukusch mehrere Jahre lang war. Bislang jedenfalls.

Skrupelloser Feind, extreme Hitze

Dennoch sind einige Parallelen frappierend. Und die gehen weit über die Tatsache hinaus, dass die Bundeswehr es in beiden Krisenstaaten neben einem skrupellosen Feind auch mit extremer Hitze im Wüstensand zu tun bekam.

In Mali sieht sich die Bundeswehr mit der "asymmetrischen" Kriegsführung eines islamistischen Gegners konfrontiert, genau wie bis zuletzt in Afghanistan. Heißt: Nach trügerischen Anfangserfolgen für die westlichen Truppen (USA am Hindukusch, Frankreich in Mali) greifen die Terrorgruppen mit Sprengsätzen und Selbstmordattentätern sowohl ausländische Soldaten als auch einheimische Zivilisten gezielt an. Sicherheits- und humanitäre Lage verschlechtern sich bedrohlich, die Akzeptanz der internationalen Truppenpräsenz sinkt.

Mangelnde Ausrüstung

Mangelnde Ausrüstung der deutschen Soldatinnen und Soldaten war ein Dauerthema in Afghanistan. Die Bundeswehr wünscht sich schon lange bewaffnete Drohnen zum eigenen Schutz. Nach dem Anschlag Ende Juni in Mali waren die Deutschen zudem auf die Hilfe der Helikopter befreundeter Nationen sowie eines angemieteten zivilen Hubschraubers angewiesen. Jetzt, da Kräfte nach Beendigung des Afghanistan-Einsatzes frei werden, will die Bundeswehr im Herbst auch wieder eigene NH-90-Helikopter nach Mali entsenden

Ausbildung einheimischer Truppen galt und gilt als Kern der "Exit"-Strategie. Doch scheinen sich in Afghanistan nun die Befürchtungen zu bestätigen, dass die rund 350.000 Mann starken Sicherheitskräfte den Taliban allein kaum standhalten können, bildeten die Deutschen in Mali auch Militärs aus, die sich im abgelaufenen Jahr gleich doppelt an die Macht putschten. Das stellt den gesamten Einsatz in Frage.

Drei Lehren aus Afghanistan

Welche Lehren lassen sich daraus also ableiten?

Erstens ist es eine Binsenweisheit, dass eine vom Parlament in lebensgefährliche Einsätze geschickte Armee so ausgestattet sein sollte, dass sie sich ausreichend schützen kann.

Zweitens ist es zutreffend, dass in Afghanistan erreichbare Ziele nie klar definiert und folglich auch nie überprüft wurden. Aus (nachvollziehbarer) Bündnissolidarität mit den USA nach 9/11 stolperte Deutschland unvorbereitet in den Hindukusch-Einsatz.

Auch in Mali ist die Bundeswehr aus Sicht der "Stiftung für Wissenschaft und Politik" in der UN-Mission MINUSMA und der EU-Mission EUTM vor allem aus Bündnissolidarität mit Frankreich aktiv. Nötig wäre es jedoch, sich am Ziel der "Stabilisierung vor Ort" auszurichten, heißt es in einer aktuellen SWP-Studie.

Und drittens litten schon die in Afghanistan engagierten Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr stets darunter, dass ihnen von Deutschland keinerlei Sympathie für die Ausführung ihres lebensgefährlichen Auftrags entgegenschlug. Zu erreichen ist das nur mit einer breiten Debatte über die Notwendigkeit von Auslandseinsätzen - und zwar einer offenen, schonungslosen, ungeschminkten. Für Afghanistan hat die Bundesregierung das nun zugesagt - nachdem man diese Diskussion 20 Jahre lang hätte führen können. Auch für Mali könnte es bald zu spät sein.

Über dieses Thema berichtete BR24 im Hörfunk am 07. Juli 2021 um 07:05 Uhr.