Ein Mann und kleine Kinder stehen in einem behelfsmäßigen Lager in der Provinz Balkh, Afghanistan. | dpa

Machtübernahme der Taliban Keine Entwicklungshilfe für Afghanistan

Stand: 19.08.2021 12:52 Uhr

Afghanistan gehörte bislang zu den Hauptempfängern für deutsche Entwicklungshilfe. Nach der Machtübernahme der Taliban liegen die Gelder auf Eis. Organisationen wie die Welthungerhilfe warnen.

Von Nina Amin, ARD-Hauptstadtstudio

Afghanistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und ist auf Geld aus dem Ausland angewiesen. Rund 3,5 Milliarden Euro hat allein das Bundesentwicklungsministerium in den vergangenen 20 Jahren bereitgestellt - für Brücken, Brunnen, Straßen oder damit Kinder zur Schule gehen können. Gerade Mädchen, heißt es auch dem Ministerium, profitierten in den vergangenen Jahren vom Schulbesuch.

Nina Amin ARD-Hauptstadtstudio

Nach der Machtübernahme der Taliban fließt zunächst kein Geld mehr nach Afghanistan. "Die bilaterale staatliche Entwicklungszusammenarbeit ist derzeit ausgesetzt. Die Voraussetzungen dafür sind aktuell nicht gegeben", sagte Olaf Deutschbein, der Sprecher von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller am Mittwoch am Rande der Bundespressekonferenz. Das gilt laut Deutschbein auch für einige NGO-Projekte. Viele Nichtregierungsorganisationen wollten aber weiter vor Ort helfen - wenn die Sicherheit ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor Ort gewährleistet ist.

Entwicklungshilfe erst einmal auf Eis zu legen, hält die FDP für den richtigen Schritt: Zunächst müsse die Lage vor Ort klarer werden, sagte Gyde Jensen, Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe dem ARD-Hauptstadtstudio. "Dann muss geschaut werden, wohin Gelder überhaupt fließen können - ohne dass sie den Taliban in die Hand fallen." Die FDP-Politikerin fordert, Gelder aus dem Haushalt jetzt umzuschichten. Entwicklungsgelder müssten in humanitäre Hilfe oder Nothilfe in Afghanistan fließen.

Auch Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth hält es für zwingend notwendig, dass die Bundesregierung die afghanische Bevölkerung weiterhin unterstützt: "Humanitäre Hilfe muss geleistet werden, völlig unabhängig welches Regime vorherrscht. Humanitäre Hilfe darf sich nicht von den politischen Rahmenbedingungen abhängig machen, denn das würde die Menschen ja noch mehr bestrafen."

Drei Millionen Kinder mangelernährt

Die Welthungerhilfe appelliert an die Bundesregierung, die Entwicklungshilfe nach der Machtübernahme der Taliban nicht komplett einzustellen. Laut Generalsekretär Mathias Mogge spielt sich vor Ort eine humanitäre Katastrophe ab- Die Grenzen seien dicht und viele im Land auf der Flucht. 13 Millionen Menschen haben demzufolge nicht genug zu essen, allein drei Millionen Kinder sind mangelernährt.

Unterstützt vom Entwicklungsministerium versorgt die Welthungerhilfe seit Jahrzehnten Menschen in Afghanistan. Viele afghanische Beschäftige in Hilfsprojekten vor Ort wollten bleiben und der Bevölkerung helfen, sagt Mogge. Auch, wenn sie als Ortskräfte - zumindest theoretisch - von der Bundesregierung evakuiert werden könnten.

Ein afghanisches Mädchen, das aufgrund von von Kämpfen zwischen den Taliban und afghanischen Sicherheitskräften aus ihrer Heimat geflohen ist, steht vor einem Zelt und isst Brot. | dpa

Nach Angaben der Welthungerhilfe haben 13 Millionen Menschen in Afghanistan nicht genug zu essen, allein drei Millionen Kinder sind mangelernährt. Bild: dpa

Gespräche mit den Taliban

Es müsse auch nicht nur Geld fließen. Die Bundesregierung solle mit den Taliban Gespräche aufnehmen. "Man muss die Kanäle nutzen, die es gibt, um die Bedingungen vor Ort zu klären. Auch wir als Welthungerhilfe können nicht arbeiten, wenn uns zum Beispiel die Autos konfisziert werden von Taliban-Kämpfern." Nur, wenn man vor Ort, unabhängige, neutrale Hilfe leisten könne, ergebe diese Hilfsarbeit Sinn.

Kontaktaufnahme mit den Taliban? Da hält sich die Bundesregierung noch bedeckt. SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich hat sich im RBB dafür ausgesprochen, mit den Taliban zu verhandeln. Das bedeute nicht, ihre Herrschaft anzuerkennen. "Die humanitäre Hilfe für Afghanistan müsse fortgesetzt werden", so Mützenich.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes ist der Sonderbeauftragte der Bundesregierung in Doha, um mit den Taliban Gespräche zu führen. In der Hauptstadt Katars befindet sich deren Auslandsbüro. Bei den Gesprächen geht es um die chaotische Lage am Flughafen Kabul und um die Frage, wie Zivilisten sicher aus Afghanistan ausreisen können. Ziel der Verhandlungen sei aber auch, die Taliban zur Einhaltung der Menschenrechte aufzurufen. Ein Druckmittel der Bundesregierung: Geld. Schließlich ist Afghanistan auf Zahlungen aus dem Ausland angewiesen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. August 2021 um 06:45 Uhr.