Eine Militärmaschine des Typs A400M steht auf einem Rollfeld auf dem Flughafen in Taschkent, während im Hintergrund ein anderes Flugzeug des Typs abhebt. | EPA

Evakuierungsmission der Bundeswehr Früheres Ende der Luftbrücke wahrscheinlich

Stand: 25.08.2021 15:03 Uhr

Der US-Plan, die Evakuierungsmission am Flughafen Kabul zum 31. August zu beenden, hat auch Konsequenzen für die Bundeswehr. Ihre Evakuierungsflüge Taschkent-Kabul-Taschkent könnten schon früher enden als bislang angenommen.

Angesichts des bevorstehenden US-Truppenabzugs aus Afghanistan könnte die Bundeswehr ihre Evakuierungsflüge bereits in dieser Woche beenden. Nach Informationen der ARD und anderer Medien aus Sicherheitskreisen könnte dies am Freitag oder Samstag der Fall sein.

Die ARD-Korrespondentin Isabel Schayani, die derzeit aus Taschkent berichtet, sagte tagesschau.de, dass ein Ende möglicherweise sogar noch früher kommen könnte:

Die deutschen Evakuierungsflüge könnten möglicherweise mit Ende des heutigen Tages oder morgen enden. So heißt es hier in Taschkent, wo das Drehkreuz der Luftbrücke ist. Gemeint sind damit die Flüge, die Menschen aus Kabul ausfliegen.

Die Entscheidung, wann das letzte Flugzeug nach Kabul fliege, hänge davon ab, wie die Sicherheitslage vor Ort in Kabul ist und wie die Politik entscheide. Dies könnte eine kurzfristige Entscheidung sein, von Flug zu Flug. Niemand wolle das Risiko eingehen, dass der Abzug nicht friedlich verlaufe, heißt es hier in Taschkent weiter.

In der tagesschau verwies Schayani zudem darauf, dass die Bundeswehr auch ihre Leute und Material ausfliegen müsse, dafür entsprechend Zeit benötige und darauf bedacht sei, die Lage vor Ort keinesfalls eskalieren zu lassen.

"Operation so lange wie möglich durchführen"

Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums teilte mit, er könne Berichte über einen möglichen Zeitpunkt "weder bestätigen noch dementieren".

Unions-Außenpolitiker hielten sich in Bezug auf einen Termin für das Ende der Rettungsmission bedeckt. Weder der Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Auswärtigen Ausschuss, Roderich Kiesewetter, noch der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jürgen Hardt, wollten sich in der ARD zu einem Datum äußern. "Es bleibt unser Ziel, diese Operation möglichst lange durchzuführen, um möglichst viele Personen in Richtung Usbekistan zu evakuieren", sagte Hardt im SWR.

Im ARD-Interview verwies die Linken-Fraktionsvorsitzende Amira Mohamed Ali allerdings auf Informationen aus einer Sitzung des Verteidigungsausschusses, wonach ein Ende der Evakuierungen tatsächlich bereits heute erfolgen könnte.

In ihrer Regierungserklärung vor dem Bundestag sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel von einem Ende der Rettungsmission "in einigen Tagen". Doch auch danach müsse der Schutz von ehemaligen Ortskräften und andere Menschen in Not in Afghanistan gewährleistet werden.

In Taschkent landen alle Maschinen zwischen, die Menschen aus Kabul nach Deutschland bringen. Deutschland hatte die Luftbrücke nach der Machtübernahme der Taliban eingerichtet. Seit dem 16. August fliegen die Maschinen der Bundeswehr zwischen Kabul und Taschkent.

Wüstner: "Aktuell können wir nicht jedem helfen"

Der Druck auf die Bundeswehr wächst auch durch das Festhalten der USA am eigens gesetzten Abzugsdatum von Flughafen in Kabul: dem 31. August. Bereits in der Nacht teilte das US-Militär mit, "mehrere Hundert" Soldatinnen und Soldaten abgezogen zu haben, die das Gelände gesichert hatten. Es handelt sich nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums aber zunächst um Beschäftigte der Zentrale, Spezialisten für Wartungsarbeiten und andere Soldaten, deren Mission am Flughafen abgeschlossen sei. Die Verbündeten sind auf die Sicherung des Flughafens durch US-Kräfte angewiesen.

"Das wird noch einmal den Druck erhöhen", sagte der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes André Wüstner im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Er wies auch darauf hin, dass in der von den militant-islamischen Taliban übernommenen Hauptstadt auch andere Terrorgruppen zunehmend aktiv seien. Sie würden sicher versuchen, "nochmal auf sich aufmerksam zu machen", sagte er.

Wüstner räumte ein, dass auch die Bundeswehr Optionen für einen schnellen Abzug plane. Sie müsse nun sehen, dass sie über den Flughafen noch so viele einheimische Helfer der Deutschen mit ihren Angehörigen herausbringe wie möglich und dass die Soldaten heil zurückkämen. Danach müsse man sehen, dass man über Land, beispielsweise über die Nordgrenze, noch Leute herausbringe. Gleichzeitig stellte Wüstner aber auch klar: "Wir wissen: Aktuell können wir nicht jedem helfen." Alle Versprechen werde man nicht halten können.

Bundeswehr fliegt mehr als 4600 Menschen aus

Wüstner forderte, "aus diesem Fiasko" Lehren zu ziehen. Europa sei nicht handlungsfähig. Ohne die USA im Rücken sei "deutsche Politik, europäische Politik, nur Beobachter großer und tragischer Ereignisse". In der nächsten Regierung müsse man sich Gedanken machen, wie man selbst eigene militärische Handlungsoptionen entwickelt. "Und das bedeutet natürlich auch, endlich mal Worten auch Taten folgen zu lassen und Militär entsprechend zu befähigen."

Angaben des Bundesverteidigungsministeriums zufolge konnte die Bundeswehr seit dem Start der Rettungsmission auf 31 Flügen mehr als 4600 schutzbedürftige Menschen aus Afghanistan ausfliegen. Allein am Dienstag seien 983 Personen nach Taschkent gebracht worden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. August 2021 um 12:00 Uhr sowie Inforadio um 06:46 Uhr.