Tino Chrupalla (r.) und Alice Weidel (l.)  | EPA
Analyse

AfD-Spitzenkandidaten Zwei Teams, zwei Lager, tiefe Feindschaft

Stand: 05.05.2021 13:29 Uhr

Alice Weidel will es noch mal wissen: Zusammen mit AfD-Co-Chef Chrupalla will sie das Spitzenteam für die Bundestagswahl bilden. Doch es gibt noch ein Bewerber-Duo.

Eine Analyse von Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

Sie heißt Leni und ist Alice Weidels jüngster Nachwuchs - einfach süß, einfach niedlich, zum Knuddeln, da sind sich ihre Follower einig. Seit sich die AfD-Fraktionschefin vergangene Woche stolz mit ihrem Welpen-Foto auf Facebook präsentiert hat, war den meisten in ihrer Partei klar: Sie will es noch einmal wissen.

Martin Schmidt ARD-Hauptstadtstudio

Lange hat sie gezögert, angeblich auch damit gehadert, noch einmal für die AfD als Spitzenkandidatin in die Bundestagswahl zu ziehen. Ausgerechnet in der ZDF-Talkshow "Markus Lanz" machte sie ihre Pläne, gemeinsam mit Co-Parteichef Tino Chrupalla kandidieren zu wollen, öffentlich. Doch noch ist nicht klar, ob die AfD auch mit dem Duo Weidel-Chrupalla in den Wahlkampf zieht.

Nachdem sich der Parteitag vor wenigen Wochen dagegen entschieden hat, selbst Spitzenkandidaten zu wählen, beginnt in den kommenden Tagen erst die entsprechende Onlineabstimmung. Und es gibt weitere Bewerberduos. Auch die Bundestagsabgeordnete Joana Cotar und der pensionierte Generalleutnant Joachim Wundrak gehen ins Rennen.

"Bei uns steht Krieg vor der Tür"

Ein demokratischer Wettbewerb - eigentlich etwas, das sie gut finden in der AfD. Doch dieser hat es in sich: Beide Teams stehen klar für die unterschiedlichen Lager der Partei, die zutiefst verfeindet sind - auf der einen Seite die Meuthen-Anhänger, auf der anderen die Sympathisanten von Björn Höcke. "Bei uns steht Krieg vor der Tür. Nicht nur ein bisschen, sondern volle Vernichtung", meint einer aus dem Umfeld der Bewerber. Drunter gehe es mittlerweile nicht mehr.

Viele in der AfD hatten gehofft, dass es doch eine Kompromisslösung geben könnte, ein gemeinsames Team, strömungsübergreifend. Früh hatten sich die Ostlandesverbände und der dort trotz offizieller Auflösung immer noch tonangebende rechtsextreme "Flügel" auf Chrupalla als ihren Wunschkandidaten festgelegt.

Kein Kompromiss-Duo Chrupalla und Cotar

Der Versuch des Meuthen-Lagers, denen, die sich selbst als gemäßigte in der AfD sehen, Cotar an seine Seite zu stellen, scheiterte. "Ich habe ihn gefragt, aber ich habe keine Antwort bekommen", so erklärt Cotar dem ARD-Hauptstadtstudio schlicht, warum es zu keinem gemeinsamen Duo gekommen ist. Und das, obwohl der sächsische Co-Parteichef Chrupalla gerne die Rolle des Mahners einnimmt: Die Partei müsse einig sein.  

Intern hatte sich Cotar in einer Facebook-Gruppe schon nach dem Parteitag über Chrupalla beschwert: Das bürgerliche Lager, wie sie es nennt, sei "auf den 'Flügel', den es angeblich nicht mehr gibt, zugegangen". Die ausgestreckte Hand sei jedoch mit "Wucht weggeschlagen" worden, schrieb Cotar. Man starte gespaltener denn je in den Wahlkampf, so bleibe die AfD der "zerstrittene Haufen, der sie ist". Auf die Frage, ob sie Weidel und Chrupalla für ein gutes Team hält, sagt Cotar dem ARD-Hauptstadtstudio: "Sie kommen halt beide aus einem Lager, das müsste man dann wissen."

Weidel hat sich mit dem "Flügel" arrangiert

Zwar zählt Weidel mitnichten selbst zum aktiven Teil des rechtsextremen "Flügel" ihrer Partei um den thüringischen Landesvorsitzenden Höcke, doch sie hat sich vor ihrer Wahl zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden mit ihm arrangiert. Weidel hält sich mit öffentlicher Kritik zurück, hat sich auch gegen den schnellen Rauswurf des "Flügel"-Netzwerkers Andreas Kalbitz ausgesprochen. Aus dem Meuthen-Lager wird gerne kolportiert, wie sie im Bundesvorstand vor "Flügel"-kritischen Tagesordnungspunkten gerne den Raum für wichtige andere Termine verlässt. Es gibt in der AfD längst keinen Platz mehr für die Position in der Mitte, die des Ausgleichs zwischen den Lagern. Dafür sorgen die Lager selbst.

Schmutzkampagnen von beiden Seiten

So laufen auch die gegenseitigen, mittlerweile AfD-typischen Schmutzkampagnen auf Hochtouren. Zusammenkopierte pdf-Dateien werden in internen WhatsApp-Gruppen verschickt. In einem wird beispielsweise am Lebenslauf von "Meuthens Mädchen" Cotar gezweifelt. Beruflich sei sie eigentlich Feng-Shui-Beraterin gewesen, auf ihrer Bundestagshomepage bezeichnet sie sich aber als Event- oder Social Media Managerin. Ausführlich wird weiter dargelegt, wie sich Cotar auch schon an der Seite der ehemaligen Parteichefin Frauke Petry gegen den "Flügel" stark gemacht hat. Viele in der AfD sehen darin den Grund, warum Chrupalla mit ihr auf keinen Fall ein Duo bilden wollte.

Ein anderes internes Papier trägt die Überschrift "Mit Weidel in den Untergang". Sie sei von ihrer persönlichen Lebensführung, ihrer beruflichen Vita, ihrer politischen Leistungsbilanz und ihrer mangelhaften Führungsqualitäten nicht die Person, die "alle Herzen innerhalb oder außerhalb der Partei höher schlagen lässt" - so steht es darin, wohl auch um nochmal daran zu erinnern, dass die Fraktionschefin mit ihrer Lebensgefährtin aus Sri Lanka zwei Kinder großzieht.

Weidel und Chrupalla in der Favoritenrolle

Tatsächlich könnte für Weidel zum Problem werden, dass ihr Landesverband Baden-Württemberg noch gar keine Liste für die Bundestagswahl verabschiedet hat. Aufgrund des internen Streits muss sie selbst als Landeschefin um den ersten Platz bangen - jedoch könnte ihre gemeinsame Kandidatur mit Chrupalla ihr da nun helfen. Die beiden gelten als klare Favoriten für die Spitzenkandidatur, sie sind schlicht deutlich bekannter bei den gut 32.000 Parteimitgliedern, die nun online abstimmen dürfen.

Cotars Duo-Partner Wundrak bemüht sich seit Tagen, wichtige Strippenzieher in der AfD abzutelefonieren, um sich einen Namen zu machen. In einem ersten Interview zeigt er sich auch schon erschüttert über den tiefen Graben, den es zwischen den AfD-Spitzenpolitikern in Berlin gebe. Zwar hat er im Gegensatz zu Weidel in seinem Landesverband Niedersachsen den ersten Listenplatz für die Bundestagswahl überraschend geholt, vielen an der Basis ist Wundrak aber trotzdem noch kein Begriff. Und auch bei den eigenen Mitstreitern gibt es noch Aufklärungsbedarf: In der ersten, feierlichen Pressemitteilung zur Spitzenkandidatur, haben sie ihm fälschlicherweise noch ein "c" in den Nachnamen hineingeschrieben.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 05. Mai 2021 um 11:12 Uhr.