Tino Chrupalla und Alice Weidel
Analyse

Nach Meuthen-Rückzug Die neuen alten Probleme der AfD

Stand: 01.02.2022 08:34 Uhr

Nach dem Meuthen-Rückzug sieht sich Partei- und Fraktionschef Chrupalla schon als der neue starke Mann der AfD. Doch die Aufgabe könnte zu groß für ihn sein - und auch der Jubel des Ex-"Flügels" verfrüht.

Eine Analyse von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Einen ziemlich unverblümten Einblick in die derzeitige Gefühlswelt der Rechtsaußen in der AfD gibt der Landtagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider: Jörg Meuthens Austritt aus der Partei sei kein Verlust, sondern ein Gewinn. "Hier gibt es nichts zu bedauern und nichts zu danken", jubiliert Tillschneider, der dem offiziell aufgelösten "Flügel" zugerechnet und vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Andere parteiinterne Gegner Meuthens mögen derzeit noch als "stille Genießer" auftreten und sich mit Häme zurückhalten. Doch dass die Parteirechte, die besonders in den ostdeutschen Landesverbänden stark ist, im Machtkampf um die AfD-Seele einen wichtigen Sieg errungen hat, ist offensichtlich.

All jene, die Meuthen auch im Bundesvorstand nahestanden, bekämen nun ein Problem, warnt ein Partei-Insider. Und auch der Politikwissenschaftler Wolfgang Schröder von der Universität Kassel spricht im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio davon, dass Meuthen die Rechten in der AfD erst hoffähig gemacht und dann vor ihnen kapituliert habe. Schröder ist deshalb auch überzeugt davon, "dass die Aufwertung derjenigen, die zum ehemaligen 'Flügel' zählten, weiter voranschreiten wird".

Meuthen hat die Partei kalt erwischt

Trotz des "Flügel"-Frohlockens: Ex-Chef Meuthen hat seine Partei in einem Moment kalt erwischt, in dem die ohnehin schon viel Wind von vorn zu spüren bekommt: Trotz der Wut von Impf- und Corona-Maßnahmen-Gegnern kann sie bei denen bislang nicht entscheidend punkten. Bei den anstehenden Landtagswahlen in vier westdeutschen Bundesländern drohen eher Verluste als Gewinne und dann schwebt über der Gesamtpartei immer das Damoklesschwert der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. Dass die Meuthen-Äußerungen - er sehe bei Teilen der AfD "ganz klar totalitäre Anklänge" - in die Bewertung mit einfließen werden, ist anzunehmen.

Aus Sicht vieler Beobachter könnte auch zum Problem werden, dass die AfD nach dem Meuthen-Rückzug nun im Grunde "ohne Schafspelz" dasteht. Hatte der Volkswirt doch nach anfänglichem Paktieren mit den Rechtsaußen zumindest zuletzt in seiner Partei einen potenziellen Koalitionspartner für die Union zu sehen versucht: "Niemand hat so präzise, so beeindruckend die Selbstverharmlosung dieser Partei im öffentlichen Raum betrieben wie er", sagt Politikwissenschaftler Schröder. Insofern sei der Meuthen-Weggang eine Zäsur.

Meuthen kündigt "etwas Neues" an

Meuthen selbst hält sich im Gespräch. Er wolle politisch aktiv bleiben, sagte er dem Magazin "Cicero" und kündigte "etwas Neues" an. Es gehe darum, die "Lücke zwischen einer nach links weggerutschten CDU und einer nach rechts weggerutschten AfD zu füllen".

Auch die früheren Parteivorsitzenden Bernd Lucke und Frauke Petry hatten nach ihren Austritten aus der AfD neue Parteien gegründet - Petry die Partei "Die Blauen", Lucke die "Liberal-Konservativen Reformer". Beide Neugründungen scheiterten an mangelndem Zuspruch unter den Wählern.

Wer tritt die Nachfolge an?

In der AfD steht das sich selbst als gemäßigt bezeichnende Meuthen-Lager mit dem Abgang ihres Frontmannes vor einem Problem - auch personell. Denn dass die Partei-Doppelspitze mit einer Person aus den westdeutschen Landesverbänden besetzt werden muss, scheint unstrittig. Dass hingegen das populärste Gesicht des Ex-"Flügels", Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke nach dem Posten greifen könnte, gilt parteiintern als unwahrscheinlich. Zu offensichtlich würde dann der "Durchmarsch" der Rechtsaußen. Das könnte die AfD zerreißen, so die Befürchtung.

Denn der nach dem Meuthen-Rückzug zunächst alleinige Parteichef Tino Chrupalla gilt als Fürsprecher der Ostverbände und damit des Ex-"Flügels".

Chrupalla - der neue starke Mann?

Seinen Führungsanspruch hat der Malermeister aus Sachsen nun jedenfalls bekräftigt: Wenn ein Vorsitzender schwächele, stehe ein anderer parat, ließ Chrupalla im ZDF-Interview wissen. Und meinte mit dem"Paratstehenden" natürlich sich selbst. Er werde nun die Partei "zusammenführen" und "zusammenhalten". Als Fraktions- und Parteichef in Personalunion erscheint der Meuthen-Gegenspieler nun in der Tat wie der neue starke Mann der AfD.

Andere geben zu bedenken, dass hinter den Kulissen in Wahrheit andere die Strippen ziehen. Und Chrupalla vor einer fast unlösbaren Dreifachaufgabe stehe: Die Parteirechte zufriedenzustellen, das Meuthen-Lager nicht völlig zu verschrecken und in der Öffentlichkeit dem Eindruck entgegen zu wirken, die Partei drifte nun vollends ins rechte Extrem. Das ist ziemlich viel auf einmal.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 01. Februar 2022 um 07:48 Uhr.