Medtronic's Hauptsitz in Fridley, Minneapolis | Bildquelle: picture alliance / Minneapolis S

Firmenporträt Medtronic - der unbekannte Medizin-Multi

Stand: 26.11.2018 11:03 Uhr

Medtronic ist der größte Medizinproduktehersteller der Welt. Neben unzähligen Herzschrittmachern und Stents hat die Firma auch zahlreiche Skandale produziert.

Von Antonius Kempmann, Britta von der Heide, Christian Baars und Elena Kuch, NDR

"Medtronic ist der größte Medizinproduktehersteller auf dem Planeten, aber ich hatte noch nie von denen gehört", lacht Paul Thacker. Als Ermittler des Finanzausschusses des US-Senats hat Thacker jahrelang Unterlagen des Medizinprodukte-Multis gewälzt. Ein Whistleblower hatte sich an den US-Senat gewandt und von unlauteren Geschäftspraktiken der Firma berichtet - und davor, dass gefährliche Nebenwirkungen vertuscht worden seien. Patienten erlitten Nervenschäden, bekamen Atemprobleme oder erkrankten an Krebs. So begannen die Ermittlungen im Juni 2011.

Ermittlungen in den USA konzentrieren sich auf Infuse

Thacker und seine Kollegen konzentrierten sich auf ein Produkt namens Infuse, das von Medtronic besonders aggressiv vermarktet wurde. Es wird in die Wirbelsäule eingesetzt, um die Bildung von neuem Knochengewebe zu unterstützen. In den USA war das Produkt ein Kassenschlager und, als die Ermittlungen begannen, schon bei mehr als einer halben Million Patienten angewendet worden. Mit Infuse erzielte Medtronic einen Jahresumsatz von fast 900 Millionen US-Dollar. Ein extrem lukratives Geschäft - auch für viele Mediziner.

Stephanie Clair
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Stephanie Clair hatte Infuse eingesetzt bekommen. Heute sitzt sie im Rollstuhl.

Medtronic zahlte Ärzten Millionen

Die Ermittlungen ergaben, dass Medtronic große Summen an Ärzte zahlte, die zu Infuse wissenschaftlich publizierten. "Wir kannten ja schon Korruption bei den Arzneimitteln, doch bei den Medizinprodukten sind die Summen beinahe zehnmal so hoch", sagt Thacker. Im Abschlussbericht stellte der Senate fest, dass Medtronic den Ärzten, die zu Infuse publiziert hatten, insgesamt 210 Millionen US-Dollar für "Beratung, Honorare und verschiedene Arrangements" gezahlt hatte. Ein Arzt aus Atlanta hatte fast 29 Millionen Dollar bekommen, ein weiterer aus Wisconsin sogar 35 Millionen US-Dollar.

Die Ermittler kritisierten, Medtronic habe Mediziner dazu animiert, Infuse anderen Kollegen zu empfehlen, teils sogar für nicht zugelassene Anwendungen. "Das ist einfach Marketing. Medtronic hat die finanziellen Mittel, um aus Ärzten Vertriebsmitarbeiter zu machen", sagt Thacker.

Studien manipuliert

Laut den Ermittlungen des Senats hatte Medtronic die Ergebnisse von Studien manipuliert. So belegen beispielsweise Mails, dass der Konzern beteiligten Ärzten riet, Probleme zu verschweigen. Der Abschlussbericht des Senats stellte fest, dass Medtronic die Ergebnisse der wissenschaftlichen Publikationen zu Infuse manipuliert und Nebenwirkungen unterdrückt hatte. In den vergangenen Jahren musste der Konzern hohe Strafen zahlen, um Infuse-Patienten und Anteilseigner zu entschädigen.

Shirley Nisbet
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Shirley Nisbet verstarb kurz nachdem ihr Infuse eingesetzt wurde.

Es kam sogar zu Todesfällen, etwa 2008 in Kalifornien. Eine 74-Jährige Patientin ließ sich damals an der Halswirbelsäule operieren. Laut der Klageschrift, die ihre Familie später einreichte, setzte der Arzt während der Operation in Anwesenheit eines Medtronic-Mitarbeiters Infuse ein. Shirley Nisbets Zustand verschlechterte sich rapide. Ihr Hals schwoll an, das Schlucken und die Atmung waren erschwert. Kurz darauf fiel Nisbet ins Koma und verstarb vier Tage später. Medtronic wies jede Schuld von sich und sagte, ihr Mitarbeiter habe die Infuse-Anwendung in diesem Fall nicht empfohlen. Die Klage wurde abgewiesen.

Auf Anfrage zu den Infuse-Ermittlungen teilte Medtronic nun mit, es seien damals einige Daten nicht ordnungsgemäß dokumentiert worden. Später sei die Informationen jedoch an die zuständigen Behörden gemeldet worden. Außerdem seien neue Richtlinien und Verfahren eingeführt worden, um sicherzustellen, dass sich das Problem nicht wiederhole.

Was ist ein Medizinprodukt?

Medizinprodukte sind Gegenstände, Apparate, Stoffe oder Instrumente, die am oder im Körper wirken. Sie greifen allerdings nicht wie Medikamente in den Stoffwechsel ein, sondern wirken physisch. Zu Medizinprodukten gehören beispielsweise Pflaster, Blutdruckmessgeräte, Herzschrittmacher oder auch Kondome. Die Produkte werden in vier Risikoklassen unterteilt. Zur niedrigsten Klasse I gehören zum Beispiel Verbandmaterial und Rollstühle. Zur höchsten Herzschrittmacher und Herz-Lungen-Maschinen.

Wie Medtronic argumentiert

Zur Bezahlung der Mediziner sagt Medtronic, sie würden eng mit externen Experten zusammenarbeiten, um die Produkte zu bewerten, ihre Sicherheit zu überwachen und ihre Leistung zu verbessern. Sie würden für ihre Zeit und den Aufwand entlohnt.

Viele Experten halten indes die enge Verbindung zwischen Herstellern und Ärzten für ein Einfallstor für Korruption. Im renommierten JAMA-Journal erschien erst kürzlich eine Studie zu Zahlungen von Medizinprodukte-Herstellern an US-Mediziner. Ganz oben auf der Liste, mit weitem Abstand: Medtronic mit Zahlungen in Höhe von 187 Millionen Euro im Jahr 2015. In Deutschland werden solchen Angaben nicht veröffentlicht.

Aus der Garage zum Weltmarktführer

Medtronic ist rasant gewachsen in den vergangenen Jahrzehnte. Die Geschichte begann wie die vieler großer US-Unternehmen in einer Garage. Der Gründer, Earl Bakken, hatte eine kleine Elektro-Reparaturfirma in Minneapolis. 1957 konstruierte er auf Bitten eines Arztes den weltweit ersten batteriebetriebenen Herzschrittmacher. Mittlerweile hat Medtronic einen Jahresumsatz von rund 30 Milliarden US-Dollar und bietet eine riesige Produktpalette: OP-Handschuhen, Herzklappen, Schrittmacher, Insulinpumpen und etliche weitere. Jede Sekunde profitierten zwei Patienten auf der Welt von seinen Therapien, behauptet der Konzern. Medtronic ist allgegenwärtig.

Medtronic-Herzschrittmacher
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Medtronic produziert neben Herzschrittmachern unter anderem auch Insulinpumpen und OP-Handschuhe.

Milliarden Dollar für Gerichtskosten

Allgegenwärtig sind allerdings auch die rechtlichen Auseinandersetzungen wegen illegaler Zahlungen an Ärzte, Patentverletzungen, gefälschter Angaben oder fehlerhafter Produkte. Tausende Patienten in den USA haben sich bereits Zahlungen von Medtronic erkämpft. Im Jahre 2010 zahlte Medtronic 268 Millionen US-Dollar an US-Patienten wegen gebrochener Elektroden von implantierbaren Defibrillatoren. In Deutschland laufen noch immer Prozesse. Hier ist es schwieriger, eine Entschädigung zu erstreiten.

Insgesamt hat Medtronic allein in den vergangenen zehn Jahren mehr als sechs Milliarden Dollar für Gerichtskosten bezahlt. Das zeigen internationale Recherchen im Rahmen des Projekts "The Implant Files". Die Journalisten stießen auf viele Probleme und Unregelmäßigkeiten. Unter anderem hat der Konzern offenbar Meldungen zu schwerwiegenden Nebenwirkungen, sogar zu Todesfällen, vertuscht, zu spät gemeldet oder falsch deklariert.

In Indien beschuldigen Whistleblower Konzernmitarbeiter, Ärzte bestochen zu haben. In Brasilien war Medtronic laut einem Regierungsbericht Teils eines Kartells, das Preisabsprachen bei Herzprodukten getroffen hat. In China zahlte Medtronic 2016 eine Strafe von mehr als 17 Millionen Dollar, nachdem dortige Behörden dem Unternehmen vorhielten, es habe gegen kartellrechtliche Vorschriften verstoßen und letztlich Verbraucher und Patienten geschädigt. In den USA wirft unter anderem ein ehemaliger Mitarbeiter dem Unternehmen vor, Ärzte bestochen zu haben, um überteuerte Insulin-Pumpen für ihre Patienten einzusetzen.

#ImplantFiles

An dem Projekt unter dem Titel "The Implant Files" waren mehr als 250 Journalisten von knapp 60 verschiedenen Medien aus 36 Ländern beteiligt. Darunter sind die BBC, "Le Monde", AP sowie unter anderem Medien aus Japan, Südkorea, Pakistan, Indien, Argentinien, Brasilien, Mexiko und vielen europäischen Ländern. Koordiniert wurde die Recherche vom Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ).

Medtronic verweist auf funktionierende Produkte

Medtronic wehrt sich gegen all diese Vorwürfe. In einer Stellungnahme schreibt das Unternehmen, die Journalisten würden sich auf unbegründete Ansprüche von Prozessanwälten und Branchenkritikern fokussieren. Es gebe zwar einige Fälle, in denen Einzelpersonen oder verbundene Unternehmen die Richtlinien von Medtronic nicht eingehalten hätten. Aber der Konzern habe jedes Mal gehandelt, um "jegliches Fehlverhalten zu korrigieren".

Medtronic bestreitet auch, dass Nebenwirkungen vertuscht würden. Die 86.000 Mitarbeiter würden "jeden Tag mit Sorgfalt, Ehrlichkeit und Integrität unseren Kunden dienen". Alle Produkte würden sorgfältig getestet und überwacht, um die Sicherheit zu garantieren.  Es sei "unentschuldbar, die überwiegende Mehrheit der Fälle zu ignorieren, in denen unsere Tausende von Produkten genau so funktioniert haben, wie beabsichtigt", so Medtronic.

Medtronics Gründer Earl Bakken starb vor wenigen Wochen, im hohen Alter von 94 Jahren. Er selber zweifelte nicht an den Produkten seiner Firma, die er auch in seinem Körper trug. "Ich bin froh, diese Firma geschaffen zu haben", sagte er einer Zeitung in den USA, "sonst wäre ich nicht mehr hier".

Über dieses Thema berichtete das Erste am 26. November 2018 um 20:15 Uhr.

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